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HausfriedenHarte Hand für Gewalttäter

Künftig wird Gewalt in Partnerschaften und Ehe von Gesetzes wegen verfolgt. Damit es gar nicht erst so weit kommt, ist weiterhin Prävention nötig.

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Jahrelang graute es Maria A. (Name geändert) vor dem Feierabend. Wenn sie von der Arbeit nach Hause kam, wurde sie regelmässig von ihrem eifersüchtigen Ehemann verhört. Im Detail wollte er wissen, was sie den Tag hindurch «getrieben» habe. Dabei kam es immer wieder zu gewalttätigen Wutausbrüchen. Meistens schlug er sie auf den Kopf.

Die andauernden Drohungen und Einschüchterungsversuche ihres Mannes lähmten die 36-Jährige: Sie hatte Angst, Hilfe zu suchen. Erst ihr Arbeitgeber, dem sie sich schliesslich anvertraute, brachte sie dazu, zu einer Beratungsstelle zu gehen.

Kommt in den besten Familien vor
Rund jede fünfte Frau in der Schweiz wird mindestens einmal in ihrem Leben Opfer von körperlicher oder sexueller Gewalt von Seiten ihres Partners. «Der ‹typische› Schläger existiert nicht», sagt der Sozialpädagoge Lu Decurtins vom Mannebüro Zürich. «Häusliche Gewalt kommt in allen gesellschaftlichen Schichten vor.» Meist schlügen Männer «aus einem Gefühl der Ohnmacht heraus» zu. «Sie neigen dazu, Verletzungen oder Enttäuschungen ebenso zu verdrängen wie die Aggressionen, die daraus erwachsen. Doch irgendwann läuft das Fass über.»

Was die Gewalttäter als plötzlichen «Kontrollverlust» bezeichnen, hat für die betroffenen Frauen schwerwiegende Folgen. «Wenn sie zu uns kommen, sind sie oft völlig erschöpft», sagt Doris Mittelholzer, Leiterin vom Frauenhaus Aargau, wo auch Maria A. Unterschlupf fand. «Viele klagen über körperliche Beschwerden wie Kopf-, Unterleibs- und Rückenschmerzen.»

Häufig verharren die Opfer jahrelang in einer Gewaltbeziehung, bis sie sich an eine Fachstelle wenden – sei es aus Rücksicht auf die Kinder oder weil sie wirtschaftlich abhängig sind. Viele werden von ihren Männern derart isoliert, dass sie niemanden mehr haben, dem sie sich anvertrauen können.

Zudem galt häusliche Gewalt bisher als Privatsache. Doch mit dem Segen von Stände- und Nationalrat wird sie neu als Offizialdelikt ins Strafgesetzbuch aufgenommen: Drohungen, Prügel, sexuelle Nötigung und Vergewaltigung in hetero- und homosexuellen Partnerschaften können künftig von Amts wegen verfolgt werden – unabhängig davon, ob das Opfer Anzeige erstattet.

Doris Mittelholzer, die täglich mit den Folgen von häuslicher Gewalt konfrontiert ist, begrüsst das Gesetz. Doch könne dies nur «eine von vielen Massnahmen» sein, um dem Problem zu begegnen. «Der Fokus muss sich auch auf Beratung, Prävention und Intervention richten.»

Genau darauf zielt die Kampagne «Stopp! Häusliche Gewalt», die kürzlich von der Schweizerischen Koordinationsstelle für Verbrechensprävention lanciert wurde. Sie fordert unter anderem, dass die Polizei Gewaltdelikte im privaten Raum nicht länger als blosse Beziehungsprobleme bagatellisiert und eingreift.

In den Kantonen St. Gallen und Appenzell Ausserrhoden wird damit bereits Ernst gemacht: Hier hat die Polizei seit Januar die Möglichkeit, einen Gewalttäter für zehn Tage aus der Wohnung zu verweisen. In dieser Zeit können sich die Opfer beraten lassen und die nötigen Schritte einleiten. «Die neuen Instrumente im Polizeigesetz geben der Polizei ein wirkungsvolles Mittel für den Erstzugriff und die Gefahrenabwehr», sagt Karin Keller Sutter, Vorsteherin des Justiz- und Polizeidepartements St. Gallen.

Kein Problem der Männer allein
Bis Ende August intervenierte die St. Galler Polizei in 355 Fällen. Dabei wurde auch sichtbar, was gern verdrängt wird: Bei den häuslichen Gewalttätern handelte es sich nicht nur um Männer – rund ein Fünftel waren Frauen. Doch egal, von welchem Geschlecht die Gewalt ausgeht: Karin Keller Sutter verspricht sich von den neuen Interventionsmöglichkeiten die gesellschaftliche Ächtung jeglicher Form von Gewalt. «Indem die störende Person gehen muss, zeigt man Kindern, die häusliche Gewalt miterleben und erdulden müssen, dass unsere Gesellschaft ein solches Verhalten nicht akzeptiert.»

Veröffentlicht am 28. Oktober 2003