Christina Schori Liang arbeitet seit 20 Jahren in der Sicherheitspolitik, zurzeit beim Genfer Zentrum für Sicherheitspolitik (GCSP). Soeben ist ihre Studie zur IS-Cyberstrategie erschienen.

Beobachter: Der Islamische Staat (IS) nutzt die neuen Medien sehr geschickt. Wie kommt es dazu?
Christina Schori Liang: Die Kämpfer des IS sind mit sozialen Medien gross geworden und wissen genau, wie sie ­diese – sei es Twitter, Facebook oder Instagram – zu ihren Gunsten einsetzen können. Zudem konnten sie ein noch nie dagewesenes globales Netzwerk von Unterstützern um sich scharen, die Informationen im Internet verbreiten. Diese digitalen Dschihadisten nennen sich «knights of the ­uploading» – Ritter des Hochladens.

Beobachter: Was macht diese «Ritter» aus?
Schori Liang: Sie sind sehr schnell. Vor der Schlacht um Mossul hat das Medienzentrum des IS zum Beispiel das Video «Rasselnde Säbel IV» produziert. Nachdem es auf der Website Justpaste.it hoch­geladen war, hat es ihr Fanklub auf allen Kanälen verbreitet. Innert sieben Stunden wurde das Video 18'000-mal angeklickt, es gab dazu 40'000 Tweets.

Beobachter: US-Experten sprechen von Dschihad 3.0.
Schori Liang: Die Terroristen locken mit ihrer Präsenz in den sozialen Medien immer mehr junge Leute aus der ganzen Welt nach Syrien und in den Irak – Kämpfer, Ärzte oder Ingenieure sowie Ehefrauen für die IS-Männer. Die sogenannten IS-Fanboys und -Fangirls sind dabei erstaunlich kreativ: Ein Fanboy hat zum Beispiel das Com­puterspiel «Grand Theft Auto» so umprogrammiert, dass die Spielfiguren im IS-Dress auf Amerikaner ballern.

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Beobachter: Werden die Kämpfer vor Ort im Umgang mit den sozialen Medien trainiert?
Schori Liang: Es gibt kriegserprobte Kämpfer aus Tschetschenien oder Afghanistan, es haben sich aber auch Europäer und Amerikaner versammelt, die keinerlei Kriegserfahrung haben. Primär diese versenden Videos und Tweets.

Beobachter: Schon vor Jahren sagte Al-Kaida-Führer Aiman al-Sawahiri, dass die Hälfte des Kampfes in den Medien stattfinde. Die Regierungen scheinen aber nicht zu wissen, wie sie damit umgehen sollen.
Schori Liang: Einige Staaten üben Zensur aus. Das funktioniert aber nicht – für jede gelöschte Website kommen zwei neue. Länder wie die USA, England oder Saudi-Arabien veröffentlichen Gegendarstellungen: Videos und Fotos, die die ganze Brutalität des IS zeigen. Die USA steigern auch ihre Präsenz in den sozialen Medien, etwa mit dem Twitterprofil «Think Again, Turn Away».

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Beobachter: Hat das Erfolg?
Schori Liang: Ich finde es kontraproduktiv. Indem man die Brutalität des IS zeigt, lockt man bloss mehr Dschihad-Reisende dort­hin. Die extreme Gewalt macht einen Teil des Reizes aus: Die Kämpfer fühlen sich dadurch mächtig.

Beobachter: Bis jetzt sind über 30 Dschihad-­Reisende aus der Schweiz bekannt, die nach Syrien oder in den Irak gegangen sind. Was tun?
Schori Liang: Keinem Land gelingt es derzeit, die Cyberstrategie des IS zu kontern. Diese Art der Bedrohung ist neu. Generell legen die Regierungen den Fokus zu sehr auf den Krieg vor Ort und vernachlässigen die Cyberkomponente.

Beobachter: Sind Politiker im Umgang mit sozialen Medien weniger gewieft als der IS?
Schori Liang: Das ist tatsächlich ein Problem – nicht nur bei Regierungen. Auch gemäs­sig­te muslimische Führer sind meist älter, verstehen nicht wirklich, was Facebook ist. Zudem funktioniert unsere Bürokratie nicht in Echtzeit – eine Idee durchläuft mehrere Ebenen, bis sie ­realisiert wird. Da hat sich die Online-Bedrohung bereits weiterentwickelt.

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Beobachter: Was kann helfen?
Schori Liang: Wir brauchen ein Unterstützungsnetzwerk. Einen Fanklub, wie ihn der IS hat. Präventionsmassnahmen der Regierungen können sich online nur so weit verbreiten, wie sie geteilt werden.

Beobachter: Was meinen Sie mit Fanklub?
Schori Liang: Junge Leute, junge Aktivisten, junge Journalisten, die Anti-IS-Websites teilen und bekanntmachen. Es gibt bereits einige: Junge Muslime haben etwa ein Video auf BBC publiziert, das vor Reisen zum IS warnt. Es gibt auch Sites wie Myjihad.org. Aber noch immer werden IS-Videos viel öfter geteilt.

Beobachter: Die Jugend scheint wenig Lust zu haben, eine solche aktive Rolle einzunehmen.
Schori Liang: Ja. Aber Schulen können aktiv werden: Sie müssen sensibilisieren, Kampagnen starten. Und die Regierungen müssen zusehen, dass ihre Nachrichten jugendfreundlich und kreativ sind. Denn die Werbung des IS ist verlockend: «Kommt zu uns, und ihr seid Brüder und Schwestern.» Das trifft bei vielen jungen Muslimen einen Nerv. Wichtig ist, dass die anderen Jugendlichen darauf antworten: «Wir hindern unsere Brüder und Schwester daran, an dieser sinnlosen Gewalt teilzunehmen.»

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