Während der Strafuntersuchung legten ihm die Beamten Fotos vor. Die Bilder dokumentieren die Verletzungen, die Pablo (Name geändert) den Polizisten bei seiner Verhaftung zugefügt hat. «Es sah nicht schön aus», sagt der Dominikaner. Über sein Gesicht huscht ein Lächeln. Ist das Bedauern in seiner Stimme oder Ironie? Pablo trägt weite Jeans, die Haare liegen unter einem weissen, straff anliegenden Kopftuch verborgen. Er wirkt gedrungen, fast klein. Im Zürcher Langstrassenmilieu hatte Pablo den Spitznamen «La navaja» - das Klappmesser.

Pablo war 13, als ihn seine Mutter aus der Dominikanischen Republik in die Schweiz holte. Die Mutter besass eine Arbeitsbewilligung als Tänzerin. «Sie hat den Beruf aber nie ausgeübt», sagt Pablo mit Nachdruck. Wiederholt musste er die Schule wechseln, weil er den Unterricht störte oder seine Mitschüler verprügelte - später flog er definitiv raus. Er hasse das Wort «müssen». Die Lehrer hätten es oft gebraucht. «Ich muss gar nichts, wenn ich nicht will», sagt Pablo.

Noch während der Schulzeit stieg Pablo in den Drogenhandel ein. Er beobachtete und lernte schnell. Wenn die Polizei auf der Strasse Kokainhändler festnahm, griff sich der damals 15-Jährige die in Verstecken gebunkerten Drogen: «Das war wie ein Geschenk.»

Pablo arbeitete mit Erfolg: Das Kokain streckte er weniger stark als die anderen Dealer - die Qualität sprach sich rasch herum. An guten Tagen will es Pablo auf 6000 Franken gebracht haben. Freunde hatte er keine. Dafür Feinde. Viele. So etwa eine Gruppe von Landsleuten, denen sein «geschäftlicher Erfolg» nicht gefiel. Sie hätten ihn «abegloo», sagt Pablo. Will heissen: Er wurde zusammengeschlagen, bis er liegen blieb. Danach ging er nicht mehr ohne Messer auf die Strasse.

Acht Monate unbedingt kassierte er, weil er einen Polizisten verprügelt hatte. «Fuck the Police», hatte Pablo auf der Schwelle eines Striplokals der vorbeilaufenden Patrouille nachgerufen. Als ihm ein Beamter die Hand auf die Schulter legte, schlug er zu. Warum? Pablo zuckt mit den Schultern. Er wisse es nicht, sagt er und blickt auf seine zur Faust geballte Hand mit dem klobigen Siegelring. Sicher spiele das Kokain eine Rolle. «Es macht dich aggressiv. Da genügt ein schiefer Blick, und du schlägst zu.»

«Die Dealer waren immer nett»
Wer an der Langstrasse aufwächst, muss viel ertragen. Der Schulweg führt mitten durchs Rotlichtmilieu. Dort kreuzen Schüler schon zur Mittagszeit im Dreck wühlende Junkies und pöbelnde Alkoholiker. Die Jungs werden von der Polizei kontrolliert, die Mädchen von Freiern angemacht. Für Kinder hat es ausserhalb der fünf Schulhäuser kaum Platz im Quartier.

Caju (Name geändert) war zwölf, als er das erste Mal gegen ein Taschengeld ein Drogenversteck bewachte. «Die Dealer waren immer nett zu uns Schülern. Sie trugen Goldschmuck, zeigten ihr Geld - das beeindruckte uns.» Der Brasilianer erlag der Versuchung. Ein Jahr später lebte er auf der Strasse, ständig auf der Flucht vor den Behörden. Er verkaufte während acht Jahren harte Drogen und konsumierte sie auch selbst. Der Weg zurück ins normale Leben fällt dem 20-Jährigen bis heute schwer.

«Das schnelle Geld lockte manchen Jugendlichen», sagt Rolf Vieli, der sich als Leiter des Projekts «Langstrasse plus» gegen die Verelendung des Quartiers einsetzt. Vor fünf Jahren waren laut Vieli noch bis zu 700 Drogenhändler unterwegs. Einige standen vor den Toren der Schulhäuser, und die Schüler sahen Tag für Tag, wo die Drogen versteckt wurden. Sie beobachteten, wie Geld und Drogen die Hände wechselten, und sie sahen den Prunk der Drogenhändler. «Das prägt», so Vieli.

«Heute reagieren wir schnell und mit vereinten Kräften, wenn die Dealerei in die Nähe eines Schulhauses kommt», sagt Myrta Studer, Präsidentin des Schulkreises. Um die Kinder zu schützen, entstand im Quartier in den letzten Jahren ein engmaschiges Netz: Die Schule arbeitet mit der Polizei, dem Sozialzentrum und der Jugendanwaltschaft zusammen. «Unsere Massnahmen haben viel verbessert, doch die Situation ist labil», so Studer. «Auch heute gibt es noch Jugendliche, die in die Kriminalität reinrutschen.»

Momentan stünden etwa ein Dutzend Jugendliche kurz davor, weiss Valérie Tüller, Leiterin im Jugendtreff Kreis 4. Das Lokal mitten im Rotlichtmilieu bietet Raum für Jugendliche zwischen 13 und 20 Jahren - Dealer und Freier haben zu den bunt bemalten Zimmern keinen Zutritt. Hier erzählen die Jugendlichen von ihren Erlebnissen im Milieu. Manchmal sind es wilde Geschichten von Schlägereien, Überfällen und gestohlenen Autos. «Die Langstrassenkids wissen immer, wer es war, doch sie würden einander nie der Polizei verraten», erklärt Tüller.

Besonders gefährdet sind die Jugendlichen nach der obligatorischen Schulzeit, wenn sie lange keine weitere Beschäftigung finden: «Sie fallen aus dem Betreuungsnetz», so die Jugendarbeiterin. Die Schulabgänger haben viel Zeit und kein Geld. Plötzlich falle dann auf, dass manche die neusten Turnschuhe und das trendigste Handymodell besässen. Diese Jugendlichen würden den Treff immer seltener besuchen, so Valérie Tüller: «Sie weichen den Kontrollstellen der Erwachsenen bewusst aus, sie sind für uns nicht mehr erreichbar.» Oft seien es die Cleveren und die Mutigen, die abdriften, denn es brauche eine schnelle Auffassungsgabe, um die Gesetze der Unterwelt zu begreifen.

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Trügerische Ruhe im Quartier?
Das Milieu empfängt die Neuen mit offenen Armen. «Im Heroinhandel werden gezielt Jugendliche im Alter zwischen 16 und 18 als Drogenverkäufer eingesetzt. Sie unterstehen dem Jugendstrafrecht, es drohen keine harten Strafen», sagt Beat Rhyner, Chef Fahndung der Stadtpolizei Zürich. In der Stadt Zürich teilen sich verschiedene Gruppen das Geschäft mit den Drogen auf: Der Heroinhandel ist mehrheitlich in albanischer Hand, beim Kokainhandel spielen unter anderem die Dominikaner eine wichtige Rolle. «Es fällt auf, dass bei den Dominikanern relativ häufig Jugendliche im Drogenverkauf tätig sind», sagt Rhyner.

«Die Jugendlichen wachsen durch die Clanstrukturen in den Handel hinein. Das System erhält sich selber», sagt Markus Giger. Der Pfarrer der evangelisch-reformierten Jugendkirche Streetchurch kennt die Szene aus seiner langjährigen Gassenarbeit. Er traut der Rede von der Ruhe im Quartier nicht ganz: Jugendliche mit Kontakten zum Drogenhandel hätten sich in kontrollierten Räumen wie auf dem Schulareal angepasst und ihre Aktivitäten an weniger überwachte Orte verlagert.

Die Polizeistreifen finden Pablo dort nicht mehr. Mit Unterstützung von Streetchurch versucht er, sich in einen geregelten Alltag zurückzukämpfen. Der 25-Jährige hat inzwischen eine Stelle als Koch in einem Schnellimbiss-Restaurant gefunden. Aber die alten Dämonen lassen ihn nur ungern ziehen: Am Abend des Tages, an dem Pablo mit dem Beobachter spricht, fährt er mit einem fremden Motorrad betrunken gegen einen Baum.

Im Spital, nach der Operation, schlägt er im Bett die Decke zurück und zeigt auf sein Bein. «Eine Metallplatte haben sie eingeschraubt», sagt er stolz. Und dann, zum Schluss: «Hey Mann, wenn ichs geschafft habe, kommst du wieder. Das wird dann die ganz grosse Story!»

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