Die Partys heissen «All included», «All you can drink», «Geiz ist süffig» oder «Flatrate», und ihr Name ist Programm: Trinken zum Spottpreis. Entweder gibt es zum Eintritt gratis Getränke, oder die Drinks kosten alle gleich viel, oder die Rechnung lautet: mehr ist weniger. Weil die Werbung für solche Partys den Gästen vergünstigte Drinks verspricht, gelten sie als Lockangebot - und sind verboten. Laut der Eidgenössischen Alkoholverwaltung ist auch ein Preissystem, wie es die «Mad Wallstreet»-Filialen in Bern, Luzern und Ascona anbieten, nicht zulässig: Dort steigen oder fallen die Preise im Sechs-Minuten-Takt. Wer im richtigen Moment das richtige Getränk bestellt, erhält den Alkohol zum Schnäppchenpreis.

Bei den meist jugendlichen Besuchern kommt das Konzept gut an. Nach der «All Inclusive Party» im «Metro-Club» Olten an einem Mittwochabend erzählt die 18-jährige Gymnasiastin Anna F. (alle Namen geändert): «Es hatte extrem viele Leute, man stand schon eine halbe Stunde vor Türöffnung Schlange.» Sie zahlte 40 Franken Eintritt und konnte nach Belieben trinken. «Den Einlasspreis habe ich durch meine Drinks sicher rausgeholt», sagt sie.

Dass solche Konzepte ihren Alkoholkonsum beeinflussen, sehen die Jugendlichen nicht als Problem. Freimütig gibt Anna zu: «Ich habe mehr getrunken als üblich.» Vier bis sechs Drinks sind bei vielen keine Seltenheit. Auch Sven P. macht sich nichts vor. Er ging extra in den «Metro-Club», um günstig an Alkohol zu kommen: «Anderswo wäre es viel teurer gewesen.» Der 20-Jährige fügt an: «Na ja, es waren ziemlich alle besoffen. Sie haben einfach reingekippt, weil ja alles gratis war.»

Die 17-jährige Melanie B. überlegt im Nachhinein: «Vielleicht hat mich ja effektiv der billige Alkohol dazu verführt, mehr zu trinken als sonst.» Trotzdem finde sie es lächerlich, solche Partys zu verbieten. Heute traue man Jugendlichen überall Verantwortung zu: in der Schule, in der Lehre, auf dem Arbeitsmarkt. «Aber ob wir an einer solchen Party teilnehmen, sollen wir nicht selber entscheiden können?»

Abgebrühte Partyveranstalter
Dass die Alkoholgesetzgebung dieses Lockprinzip verbietet, kümmert die Veranstalter wenig. Woche für Woche finden in der Schweiz Dutzende solcher Events statt. Daran ändert auch die Tatsache wenig, dass «zurzeit tagtäglich» Bussen verteilt werden, wie Marc Huber, Sprecher der Eidgenössischen Alkoholverwaltung, sagt.

Die Szene ist von Bern aus kaum zu kontrollieren. Denn mit stets neuen Namen und Konzepten führen Lokalverantwortliche die Behörden regelrecht an der Nase herum. Vom Beobachter darauf angesprochen, behaupten mehrere Veranstalter ganz einfach, an ihren Partys werde Alkohol nicht vergünstigt angeboten.

Alfonso Martinez, Geschäftsführer des «Vibes-Clubs» in Bassersdorf ZH und Veranstalter der «5-Liiber-Party» - «hier gibt es beinahe alles für nur 5 Franken», so die Werbebotschaft -, argumentiert etwa, seine Party finde neu jeden Mittwoch, also wöchentlich, statt. Folglich handle es sich nicht um einen besonderen Anlass mit vergünstigten Preisen, sondern um ein dauerhaftes Angebot. Somit ist seiner Meinung nach alles im grünen Bereich. Bei der Alkoholverwaltung sagt Sprecher Huber dazu: «Das ist genauso illegal. Ist ein Vergleich der Preise mit anderen Wochentagen möglich, handelt es sich um ein Lockangebot.»

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Behörden ohne Durchschlagskraft
Ein weiterer beliebter Trick ist derjenige, der bei den «50-Prozent-Partys» angewendet wird: Hier kreiert der Club eigens für diesen Event eine spezielle Preisliste. Obwohl sich die 50 Prozent ja offensichtlich auf die üblichen Preise beziehen, rechtfertigen sich die Veranstalter damit, dass dies einfach «Tagespreise» seien.

Noch vor zwei Jahren wurde Alfonso Martinez wegen Verstosses gegen die Alkoholgesetzgebung mit 500 Franken gebüsst. Seit er die «5-Liiber-Partys» jeden Mittwoch durchführt, hat er keine Probleme mehr, wie er sagt. Allerdings lassen sich die meisten Veranstalter von allfälligen Bussen ohnehin nicht abschrecken - denn unter dem Strich lohnt sich das Risiko allemal.

Dass Martinez im Moment keine Probleme mit der Gesetzgebung hat, verdankt er auch den Behörden. Marc Huber: «Wir haben nicht die Ressourcen, um flächendeckend zu arbeiten.» Sprich: Die Alkoholverwaltung wird wegen der geringen personellen Kapazitäten meist erst dann aktiv, wenn sie konkrete Hinweise erhält. Zudem sind für den Vollzug des Ausschank- und Verkaufsverbots für sämtliche Alkoholika in erster Linie die Kantone zuständig. Sie sind es auch, die Betriebsbewilligungen ausstellen, und in ihrer Kompetenz liegt es, ein Lokal zu schliessen.

Dass sich tiefe Alkoholpreise direkt auf das Trinkverhalten auswirken können, ist für Fachleute längst unbestritten. Der international renommierte Suchtforscher Jürgen Rehm sagt: «Der Preis spielt eine entscheidende Rolle beim Ausmass des Konsums - besonders bei Jugendlichen mit relativ wenig Kaufkraft.» Bestes Beispiel sind die Alcopos. Seit die bei Jungen beliebten süffigen Alkoholgetränke vor wenigen Jahren massiv verteuert wurden, brach der Konsum regelrecht ein.

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Wo bleibt der Jugendschutz?
Die Folgen des veränderten Trinkverhaltens bei Jugendlichen sind alarmierend: Die Zahl der Personen, die wegen Alkoholvergiftungen in Schweizer Spitäler eingeliefert wurden, hat dramatisch zugenommen: Laut der medizinischen Statistik der Krankenhäuser wurde im Jahr 2000 noch bei 34 Jugendlichen im Alter zwischen 13 und 14 Jahren eine akute Alkoholintoxikation diagnostiziert. 2005 waren es in dieser Altersgruppe bereits 108 Personen. Knapp beziehungsweise mehr als verdreifacht hat sich in diesem Zeitraum auch die Zahl der wegen übermässigen Alkoholkonsums in Spitäler eingelieferten 15- bis 16-Jährigen und 17- bis 18-Jährigen (siehe nachfolgende Grafik).

Die Schweizerische Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme (SFA) geht davon aus, dass heute täglich drei bis vier Personen im Alter zwischen 13 und 23 Jahren mit einer Alkoholvergiftung im Spital landen. Gerhard Gmel und Emmanuel Kuntsche von der SFA schreiben in ihrem Forschungsbericht dazu : «Es stellt sich die Frage, inwieweit der Jugendschutz in der Schweiz greift.»

Die Antwort gibt indirekt die neuste nationale Schülerbefragung zum Thema Alkoholkonsum: Rund 50 Prozent der 13-Jährigen hatten in den letzten 30 Tagen vor der Befragung Alkohol konsumiert. Bei den 15-Jährigen, die legal noch gar keinen Alkohol kaufen können, waren es bereits 75 Prozent. 91 Prozent der 15-Jährigen gaben an, Bier sei «sehr einfach» oder «ziemlich einfach» zu beschaffen. Und ganze 70 Prozent sagten auch, es sei «sehr einfach» oder «ziemlich einfach», Spirituosen zu kaufen. Spirituosen notabene, die eigentlich erst 18-Jährige kaufen dürften.

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