Zehn kantonale Anwaltsverbände (unter anderem AG, BS, SG, TG, VS) kannten bis Ende Mai sogenannte Honorarempfehlungen. Darin haben die Verbände umschrieben, wie Anwälte ihr Honorar berechnen. Diese Empfehlungen waren für die Anwälte nicht bindend. Die Konsumenten konnten aber zum Beispiel einsehen, welche Mindest- und Höchststundenansätze empfohlen werden, und so abschätzen, ob ein Anwalt günstig oder teuer ist. Diese Möglichkeit hat ihnen die Wettbewerbskommission (Weko) nun genommen.

Beobachter: Wie soll jetzt ein Bürger noch beurteilen können, ob der Tarif eines Anwalts hoch oder tief ist?
Rafael Corazza: Wie sonst im Wirtschaftsleben auch: Indem er bei verschiedenen Anwälten Offerten einholt. Er kann sich auch bei Freunden erkundigen, und vielleicht nehmen schon bald Comparis oder der Beobachter die Chance wahr ...

Beobachter: Kaum jemand wird mehrere Anwälte anfragen, nur um Preise zu vergleichen.
Corazza: Das muss man aber in Zukunft. Vielleicht ist das eine Umstellung, aber die Konsumenten haben das auch schon bei den Zahnärzten geschafft, deren Honorarempfehlungen die Weko vor einigen Jahren verboten hat.

Beobachter: Aber die Bürger sind jetzt zweifellos schlechter gestellt.
Corazza: Nein. Weil die Anwälte sich nicht mehr an die Honorarempfehlungen der Anwaltsverbände gebunden fühlen, wird der Markt besser spielen. Dann werden die Anwaltstarife sinken. Das dient dem Konsumenten.

Beobachter: Anwälte sind jedoch, anders als etwa Zahnärzte, nicht einmal gesetzlich verpflichtet, ihre Tarife bekanntzugeben. Wird die Weko Druck machen, um das zu ändern?
Corazza: Nein. Zuerst sollen nun die Anwälte die Chance haben, das freiwillig zu machen. Und wenn es ihnen wirklich um die Transparenz geht, können sie auch Stundenansätze repräsentativ erheben und publizieren lassen.

Beobachter: Was passiert, wenn die Anwälte das nicht tun?
Corazza: Ich gehe davon aus, dass sie es tun.

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Der Ökonom Rafael Corazza, 56, ist seit Oktober 2006 Direktor des Sekretariats der Wettbewerbskommission.