Beobachter: Verwahrte in Ihrer Strafanstalt befürchten, ungenügend betreut zu werden, wenn sie krank oder pflegebedürftig werden. Zu Recht?
Ueli Graf: Wenn wir etwas in die Zukunft schauen, ist diese Angst nicht unberechtigt. Es werden nämlich immer mehr Menschen alt im Gefängnis. Vor allem, weil Verwahrte auch nach dem Verbüssen ihrer Strafe dort bleiben. Mit dem Alter werden sie auch pflegebedürftig oder krank. Hinzu kommt, dass Menschen in Gefangenschaft deutlich früher altern. In Pöschwies haben wir zwar einen gut ausgebauten ärztlichen Dienst, die Gefangenen können aber nicht in ihrer Zelle betreut werden. Dafür müssten wir externe Fachleute aufbieten, zum Beispiel die Spitex.

Beobachter: Wie viele Gefangene werden heute in Ihrer Anstalt gepflegt?
Graf
: Ein gutes halbes Dutzend der insgesamt 426 Gefangenen im geschlossenen Bereich. Die Zahl wird altersbedingt aber schnell ansteigen. Etwa 40 Personen sind zurzeit als Verwahrte in Pöschwies.

Beobachter: Pflegebedürftige sind heute auf einer Abteilung für Suchtkranke und Pensionäre untergebracht. Pöschwies hat also schon eine spezialisierte Abteilung.
Graf
: Ja, aber die ärztliche und pflegerische Betreuung ist nur tagsüber und nicht in den Zellen vorgesehen.

Beobachter: Wie wollen Sie das Problem in den Griff bekommen?
Graf
: Vordringlich ist sicher ein 24-Stunden-Betrieb in der bestehenden Abteilung. Dafür fehlt uns heute aber das Fachpersonal. Hinzu kommen bauliche Einschränkungen: Ein Spitalbett bringen sie heute nicht durch die Gefängnistür, es ist zu breit dafür.

Beobachter: Das alles wird kosten. Ist die Politik gewillt, mehr Geld für Verwahrte auszugeben?
Graf
: Es wird sogar ziemlich teuer werden. Alle Massnahmen, die nach mehr Komfort tönen, dürften es schwer haben. In der Bevölkerung geistern diese falschen Bilder einer Kuscheljustiz herum. Die Gesellschaft hat sich nun mal für Verwahrungen ausgesprochen, um sich vor speziellen Straftätern zu schützen. Jetzt muss sie auch für deren altersgerechte Betreuung sorgen.

Beobachter: Andere Anstalten stehen vor gleichen Problemen. Was für kantons­übergreifende Projekte gibt es?
Graf
: Im bündnerischen Realta ist eine spezielle Abteilung für rund zehn Pflegebedürftige geplant.

Beobachter: Das wird nicht genügen. Braucht es Seniorengefängnisse, wie man sie in Deutschland kennt?
Graf
: Das wäre ein Ansatz. Wir müssen aber eine grundsätzlichere Frage beantworten: Sollen Verwahrte überhaupt noch zusammen mit Strafgefangenen untergebracht werden? Denn obwohl sie ihre Strafe verbüsst haben, bleiben sie unter einem Strafregime. Auch als über 65-Jährige müssen sie noch arbeiten, sie werden jeden Morgen zu einer bestimmten Zeit geweckt, und es gibt spezielle Kleidervorschriften. Die Verwahrung soll aber keine zusätzliche Strafe sein. Sie soll nur verhindern, dass gefährliche Menschen wieder in die Gesellschaft entlassen werden.

Beobachter: Was wäre die Alternative?
Graf
: Spezielle Gefängnisse oder Abteilungen für Verwahrte, in denen sie mehr Freiheiten erhalten.