Fünf Tage Gefängnis bedingt und 400 Franken Busse – so lautet das Verdikt des Untersuchungsrichters des Amtsbezirks Emmental-Oberaargau. Und das alles, weil Erika S. (Name der Redaktion bekannt) angeblich ihrem Nachbarn verbal gedroht hat. Die Frau versteht die Welt nicht mehr: «Ich kann nicht glauben, dass man mir eine Haftstrafe aufbrummen will, ohne den Wahrheitsgehalt der Anzeige zu prüfen.» Es gibt zwar einen Zeugen, der zur «Tatzeit» anwesend war, doch der hat von der Drohung nichts mitgekriegt. Zudem ist den Behörden bekannt, dass das Ehepaar S. mit den Nachbarn seit Jahren auf Kriegsfuss steht.

Das Strafmandat sei aus heiterem Himmel gekommen, sagt Erika S.: «Ich wurde nur vom Dorfpolizisten befragt.» Sie habe ihm ihre Sicht der Dinge erklärt und dann nichts mehr von ihm gehört. Deshalb sei sie davon ausgegangen, dass die Sache erledigt sei. Ein Irrtum.

Den Überraschungseffekt möglich gemacht hat in erster Linie das bernische Strafverfahrensgesetz. Danach können die Untersuchungsbehörden das Strafmandatsverfahren einleiten, wenn sie einen Verweis, eine Busse oder eine Freiheitsstrafe von bis zu einem Monat als Strafe für angemessen erachten und keine zivilrechtlichen Ansprüche zur Diskussion stehen. Dabei ist eine Einvernahme der angeschuldigten Person nicht erforderlich. Auch die anderen Kantone kennen solche «Schnellverfahren», aber mit strengeren Voraussetzungen: In Glarus, Schwyz und Zürich etwa muss der Angeschuldigte geständig sein, damit der Untersuchungsrichter einen Strafbefehl erlassen kann.

Hugo Hofer, Gerichtssekretär des Gerichtskreises IV Aarwangen-Wangen, wo die Einsprache von Frau S. pendent ist, relativiert das Vorgehen seiner Behörde: «Stellt eine Person einen Strafantrag, dann überprüft der Untersuchungsrichter in der Regel nicht, ob die Vorwürfe plausibel sind.» Vielmehr schreite er gleich zur Tat und erlasse ein Strafmandat. «Ist die angeschuldigte Person nicht einverstanden, kann sie ja Einsprache erheben», so Hofer. «Insofern stellt das Strafmandat eine Art Offerte dar: Kommt es zur Gerichtsverhandlung, versucht man, zwischen den Parteien einen Vergleich zu finden.»

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Ist keine Einigung möglich, muss der Richter entscheiden. Steht Aussage gegen Aussage, ist eine Verurteilung kaum möglich. Dann kann sich ein Strafantrag auch zum Bumerang entwickeln. Hugo Hofer: «Bei einem Freispruch muss unter Umständen der Antragsteller die Verfahrenskosten bezahlen.» Es ist also gut möglich, dass der Nachbar von Familie S. am Ende vom Gericht zur Kasse gebeten wird.

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