Das Schiff der Gerechtigkeit schwankt. Nicht so stark wie auf der dritten oder vierten Reise –Nivaldo weiss es nicht mehr so genau –, als das Schiff durch eine hohe Welle Schlagseite bekam und beinahe kenterte. Danach wurde der Rumpf mit Zement beschwert. Jetzt, am fünften Tag der 97. Reise des Gerichtsschiffs von Amapá, liegt der Kahn ruhig in den braunen Gewässern des Amazonas, fest ver­ankert am hölzernen Pier von Itamatatuba.

Es schwankt, wenn ein Boot seitlich anlegt und die Besucher über die Reling klettern. Das passiert fast ununterbrochen. Es sind einfache Boote, die an­docken, Einbäume, Kanus mit oder ohne Motor, schwimmende Hütten, Hausbarken, und ihre Benützer sind angereist, um Klagen vorzubringen oder sich gegen solche zu verteidigen. Sie alle haben ihre Flussreise auf die Gezeiten abgestimmt, die hier, im Delta des Amazonas, den Wasserstand zweimal täglich um drei Meter ansteigen lassen. Zieht sich das Wasser ­zurück, ist es für die kleinen Boote schwierig, in die Kanäle und kleinen Flussmündungen zu gelangen, die zum Archipel von Bailique gehören: 8 Inseln, 52 Gemeinden, 12 000 Einwohner, verstreut über 1700 Qua­dratkilometer.

Das Gerichtsschiff selber ist eine «Gaiola», ein «Vogelkäfig», 22,5 Meter lang, 4,8 Meter breit. Es bietet Platz für 52 Personen, die in Hängematten übernachten. Daher der Name für das Schiff: In voller Fahrt bewegen sich die Hängematten hin und her wie die Schaukeln im Vogelkäfig. Jetzt aber sind sie auf­gerollt und schweben, bunte Giebel des schwimmenden Justizpalastes, hinter Nivaldo, der an einem schweren, hölzernen Tisch sitzt und, weit entfernt von jedem Komfort, den nach Gerechtigkeit Dürstenden den Weg weist. Er selber übernimmt das Kriminalrechtliche, zivilrechtliche Angelegenheiten kommen aufs Oberdeck, wo Valdemir, vom Staat bestallter Verteidiger, jetzt schon umringt ist von einer Schar von Müttern mit Kindern an der Brust.

Valdemir da Silva Moraes, 44, ist Strafverteidiger aus Berufung. Anderen Kollegen, so machte er nach dem Studium die Erfahrung, war es wichtig, rasch viel Geld zu verdienen. Sein Vater war Minenarbeiter, es war nicht selbstverständlich, dass Valdemir studieren konnte. Deshalb, so denkt er, soll sein Wissen Leuten zugutekommen, die dieses Glück nicht hatten. Und hier, zwölf Reisestunden von jeder grösseren Siedlung entfernt, fehlt es den Menschen an allem: an Ärzten, an Schulen, an Gerechtigkeit. Geduldig nimmt Valdemir die Anliegen der Frauen auf, und manchmal muss er nachfragen, um den Kern ihrer dürren Aussagen herauszuschälen: «Der Vater vergisst, dass das Kind essen muss.» Dann übersetzt der Anwalt das Anliegen in die Formeln des zivilisierten Umgangs mit der hohen Justiz: «Ich, Estefany Vitoria dos Santos Almeida, vierjährig, vertreten durch meine Mutter, Keli Dayane da Silva dos Santos, Bra­silianerin, ledig, wende mich, unter der Schirmherrschaft der staatlichen Verteidigung, ehrerbietig an die Gegenwart Ihrer Exzellenz, um eine Eintreibung der Alimente vorzuschlagen…»

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Ihre Exzellenz, der Richter, Doutor Almir do Socorro Avelar, trägt ein blaues Hemd und Turnschuhe. Er sitzt, zusammen mit dem Gerichtsschreiber, im kleinen Audienzraum und wartet auf die Kunden, die der Verteidiger und der Friedensrichter zu ihm schicken, damit er Recht spreche.

Friedensrichter ist Nivaldo bloss im Nebenamt, nachdem er einen Mediationskurs des Gerichts besucht hat. Hauptsächlich ist er der Administrator der Expedition in die abgeschiedensten Inselwelten des Amazonas, die der brasilianische Bundesstaat Amapá seit 1996 alle zwei Monate durchführt, um das Recht in die Pfahlhütten der Vergessenen zu bringen, wo nur gerade die Hälfte der über 20-jährigen Bevölkerung lesen und schreiben kann.

Nivaldo ist 40, er hat drei Kinder zu Hause und ist selber am und auf dem Fluss aufgewachsen; sein Vater führte ein Amazonasschiff. Deshalb kennt er das Leben der Ribeirinhos, der Uferbewohner, und ihre Kultur, und er respektiert sie. Und darauf hat er auch die Schiffsbesatzung eingeschworen, die Bediensteten des Gerichts, die Sekretärinnen und Computerspezialisten, die Sicherheitsbeamten, die Psychologen und Sozialarbeiter, die die Dienstreise begleiten: Respekt! Respekt für diese Leute, die vom Fluss und den Früchten des Waldes leben. Respekt, auch wenn wir die Grenzen der Barbarei streifen sollten auf dieser Expedition, die uns in vergangene Zeiten zurückbringt. Respekt, damit wir selber respektiert werden! Denn wir repräsentieren das Gesetz, und das Gesetz bringt Zivilisation!

Mit rund 6500 Kilometern Länge teilt sich der Amazonas, je nach Messart, den Titel «längs­ter Fluss der Welt» mit dem Nil. Sein Einzugsgebiet ist über sechs Mil­lionen Quadratkilometer gross, und er befördert täglich so viel Wasser in den Atlantik wie die Themse in einem Jahr in die Nordsee. Der brasilianische Bundesstaat Amapá umfasst das nördliche Mündungsgebiet, er grenzt an Französisch-Guayana und Surinam. Die Portugiesen nahmen das Gebiet 1638 in Beschlag, doch dann vergassen sie es wieder, bis Ende des 19. Jahrhunderts Gold entdeckt wurde. Erfolgreich verteidigte Brasilien Amapá gegen die Besitzansprüche Frankreichs. 1988 wurde daraus ein eigener Bundesstaat, das Fussballstadion seiner Hauptstadt Macapá soll genau auf dem Äquator liegen, die eine Hälfte des Spielfelds auf der nördlichen, die andere auf der südlichen Halbkugel.

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Die Richterin aber, die die fahrende Justiz ins ­Leben rief, kam aus dem Süden Brasiliens nach Amazonien. Sueli Pini wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf, ihr Rechtsstudium finanzierte sie als Dienstmädchen. Als sie als junge Richterin nach Macapá berufen wurde, fand sie alles bestätigt, was der Justiz ihres Landes seit je angelastet wird: Sie sei extrem langsam, bürokratisch und unerreichbar für das einfache Volk. Wo in Deutschland zum Beispiel ein Richter auf 3000 Menschen kommt, ist es in Brasilien ­einer auf 30'000 Menschen. Den meisten Brasilianern, stellte Sueli ­Pini fest, fehlt das Bewusstsein für ihre Rechte. Die Richterin wollte eine andere Justiz, eine, die zum Volk geht. Sie hörte von Kollegen, die, von derselben ­Unruhe getrieben wie sie, das Gesetz per Fahrrad in abgelegene Dörfer bringen. Aber in Amapá gibt es fast keine Stras­sen, und so gründete Richterin Pini die «flussreisende Justiz». 1996 fand die erste Fahrt statt.

Am 12. Februar 2012 verliess das Schiff Macapá zum 97. Mal und fuhr mit der sinkenden Flut in Richtung des offenen Meers, an heiklen Stellen von einem Lotsen geleitet. Zwölf Stunden später kam es in Vila Progresso an, Hauptort der Inselgruppe Bailique, 4000 Einwohner, drei Morde in den letzten 15 Jahren. Am anderen Tag nahm die Equipe ihre Arbeit auf, und seither gelang es Friedensrichter Nivaldo in 19 Fällen, die Streitenden von einer gerichtlichen Auseinandersetzung abzuhalten.

Das war so im Fall der Schuldirektorin, die sich gegen die beleidigenden Äusserungen zweier streng ­katholischer Bürgerinnen wehrte. Die hatten sich ­erregt, weil die Direktorin einen protestantischen Prediger in die Schule eingeladen hatte. «Das Wort ­eines Predigers», sprach Nivaldo, «ist immer noch besser, als wenn sich die Kinder auf der Strasse he­rumtreiben und Drogen nehmen – egal, welcher Religion er angehört.» →

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Das war so im Fall des Arlo Miranda, der den Nachbarn Frederico beschuldigte, im Dorf rumzu­erzählen, er, Arlo, sei schwul und «halte den Arsch hin» für einen Jungen mit Namen Edson. «Wir Menschen», hielt Nivaldo den Streitenden vor, «haben die Angewohnheit, alles Gute, das uns widerfährt, zu vergessen. Dabei sollte es genau umgekehrt sein, wir sollten das Schlechte vergessen, den Streit begraben und uns nur an das Gute erinnern.»

Das war so im Fall des Fischers Ezequiel, der sein Haus verkauft hatte und dann, als der Baum im Garten voller Früchte hing, mit einem grossen Korb zurückkam, um die Zitronen zu pflücken. Schliesslich, führte er an, habe er sein Haus verkauft und nicht seine Früchte.

Nivaldo bat den Mann, eine Skizze des Grundstücks zu zeichnen. Dann klopfte er dem Fischer Ezequiel auf die Schulter: «Mein Lieber», beschied er ihm, «der gesunde Menschenverstand reicht aus, um festzustellen, dass alles, was innerhalb des Zauns liegt, den neuen Besitzern gehört.»

Käufer und Verkäufer unterschrieben danach den «Termo de Bomviver», die Erklärung, fürderhin friedlich zusammenzuleben. Das taten auch die beiden Schwestern Daiane, 20, und Maria, 18. Maria hatte die Schwester angezeigt, die mit Fäusten und Fingernägeln auf sie losgegangen sei. «Weil sie meinen Mann geküsst hat», verteidigte sich die Beschuldigte, aber Nivaldo hatte seine eigene Ansicht der Dinge, und damit versöhnte er die Schwestern. «Es macht mich traurig, zwei Blutsverwandte streiten zu sehen. Es gibt nichts Wichtigeres als die eigene Familie, und die muss zusammenhalten. Wohin wenden wir uns sonst, wenn es uns schlecht geht?», fragte er streng. «Wenn es aber wahr ist, was du beobachtet haben willst», so wandte er sich an die Beschuldigte, «weshalb gehst du auf die Schwester los? Wieso schickst du nicht den Mann zum Teufel? Der ist ja wohl ein Lump, der mit der Schwester der eigenen Frau anbandelt, und ich möchte wissen, was der erst treibt, wenn er ausser Haus ist.»

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Nicht immer aber gewinnt Nivaldos Überzeugungskraft die Oberhand, und manchmal muss der Friedensrichter auf die Polizisten zurückgreifen, die beide grimmiger aussehen, als ihre Namen vermuten lassen: Rosenildo und Iolanio. Nivaldo schickt sie los, um den Ehemann von Graciane, 25, Mutter zweier Kinder, zu holen. Sie ist aufs Gerichtsschiff gekommen, weil er sie geschlagen hatte.

Die Polizisten holen den Mann mit dem Schnellboot.

«Das ist nicht wahr», sagte Josemir, 35, ohne feste Arbeit.

«Doch», insistiert seine Frau.

«Ich wollte nur, dass sie die Wahrheit sagt.»

«Hör zu!», sagt Nivaldo, doch der Mann lässt sich nicht bremsen.

«Sie hat mich gezwungen, etwas zu tun, was ich gar nicht tun wollte. Und wenn ich sie geschlagen habe, dann nur, weil ich betrunken war!»

«Ich kenne nichts Schändlicheres», schneidet ihm Nivaldo das Wort ab, «als einen Mann, der seine Frau schlägt.»

«Ich verteidigte meine Würde.»

«Schweig, sonst werfe ich dich ins Gefängnis!»

Polizist Rosenildo spielt mit seinen Handschellen.

«Deine Kinder werden grösser, und sie werden sich daran erinnern, dass du ihre Mutter geschlagen hast. Glaubst du, sie werden dich noch lieben? Ist es das, was du für dein Leben willst? Hast du dir je einmal überlegt, was du deinen Kindern aufbürdest? Und was passiert, wenn du ins Gefängnis kommst? Da sitzen schon Leute, die warten nur darauf, dass ­einer kommt wie du, der seine Frau geschlagen hat. ‹So›, sagen die, ‹jetzt wirst du mal unsere Frau sein!› Josemir, ich gebe dir einen Ratschlag, der ist gratis, und du musst nicht bezahlen. Gib das Geld, das du für den Schnaps ausgibst, für deine Familie aus. Respekt kann man nicht erprügeln. Respekt verdient man sich.»

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Und dann überstellt er Seu Josemir dem Richter. Der verurteilt den Mann zu drei Monaten gemeinnütziger Arbeit.

Und jetzt, am fünften Tag der Reise, am Pier von Itamatatuba, wartet wieder eine schwierige Aufgabe auf den Friedensrichter. Vor ihm liegt das Papier mit der handschriftlichen Anklage: «Dona Alda Maria beklagt sich, dass sie von Dona Lea auf niedrigste Weise als Hure und Vagabundin beschimpft wurde.»

Auf dem Oberdeck des Schiffs gibt es zwei Tröge mit fliessendem Wasser, das aus dem Amazonas gepumpt wird. Täglich nimmt Nivaldo den einen Trog für eine knappe Stunde in Anspruch, um die Fronten zwischen Haarschnitt und ungebärdigem Bartwuchs mit grösster Exaktheit zu klären. Der Vertreter der ­Zivilisation sitzt mit glänzendem Nacken und glatten Backen am Verhandlungstisch. Die Damen ihm gegenüber sind beide in Schwarz gekleidet, beide um die vierzig. Die eine blickt flussabwärts, die andere flussaufwärts.

«Gut», sagt Dona Lea, ohne den Blick von ihrem fernen Ziel irgendwo im Atlantik zu lassen. «Ich habe sie Hure genannt. Aber nur, weil es wahr ist.»

«Gemach», sagt Nivaldo. «Was ist das für eine Geschichte?»

Es habe damit begonnen, holt Dona Lea aus, dass ihr Mann zusammen mit der – sie vermeidet das Wort – gesehen worden sei.

«Lüge», zischt Dona Alda Maria in die andere Richtung.

«Kommen wir auf den Punkt», sagt Nivaldo.

Itamatatuba ist ein Dorf mit 470 Einwohnern. Alle Häuser und alle Wege stehen auf Stelzen. Zwischen März und Juni, wenn das Regenwasser der Anden die Mündung des Amazonas erreicht, überschwemmt es die Felder der Ribeirinhos, der Ufer­bewohner, und lagert fruchtbaren Schlamm ab. Die Dörfler leben vom Anbau der Açai-Palme, deren Früchte wegen ihres Vitaminreichtums hoch gehandelt werden, vom Fischfang und vom Holzgewinn. Es gibt zwei Läden im Dorf, in denen sich die Bewohner mit allem eindecken können, was sie für das tägliche Leben brauchen, Seife, Pfannen, Kleider, Elektro­apparate, auch wenn ab Mitternacht im Dorf der Strom abgestellt wird. Dona Lea führt zusammen mit ihrem Mann das Geschäft «Avistao», Dona Alda Maria das­jenige, das gross mit «Lider» angeschrieben ist.

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Als Beweis für ihre Vorwürfe präsentiert Dona Lea einen Zettel, aus einem billigen Notizblock heraus­gerissen, den sie auf der Veranda ihres Hauses gefunden hat. «Amor, ich vermisse dich», steht da mit ­rotem Filzstift geschrieben. Das Wort «Amor», Liebe, kommt auf wenigen Zeilen insgesamt siebenmal vor, aber eine Unterschrift fehlt.

«Das ist nicht meine Schrift!», behauptet Alda ­Maria, «aber weil sie dies gegenüber meinem Mann behauptet hat, hat der mich verprügelt. Und der ist sonst ein Friedlicher.»

Nivaldo versucht, die Sachlage zu klären. «Wer sonst könnte den Brief denn geschrieben haben?»

«Ihre Angestellte», entfährt es Lea.

Nivaldo ruft Iolanio, den Polizisten, und der holt Alda Marias Angestellte. Die ist, so stellt sich heraus, ein 13-jähriges Mädchen, das angibt, die Botschaft weder gesehen noch selber geschrieben zu haben.

«Dann holt mir den Ehemann!», donnert Nivaldo.

Leas Ehemann erscheint mit gesenktem Kopf, betrachtet das Briefchen von allen Seiten und verneint stur. Nein, er wisse nicht, wer der Absender sei. Da holt seine Frau zum überraschenden Gegenangriff aus, klaubt ein zerknülltes Papier aus ihrer Tasche und knallt es auf den Tisch.

«Das war seine Antwort», sagt sie schneidend, «von ihm geschrieben, auf der Veranda deponiert.»

Nivaldo entfaltet das Papier, auch darauf, in ­blauer Tinte, mehrmals das Wort «Amor».

Der Ehemann beäugt das Blatt, dreht und wendet es, und dann gesteht er, die Liebesbotschaft geschrieben zu haben, ohne jedoch zu wissen, an wen – er ­habe nur die anonyme Absenderin des ersten, in Rot verfassten Briefchens erfreuen wollen.

Nivaldo kratzt sich am Kopf. «Ich mag ja aussehen wie ein Idiot», schimpft er, «bin aber keiner.»

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Er schickt den Ehemann nach Hause, und dann rechnet er den Frauen die Kosten vor, die eine gerichtliche Auseinandersetzung verursachen würde. Schliesslich unterschreiben beide, mit dem Vorbehalt, dass sich bis auf weiteres keine dem Laden der anderen nähere. Eine Übereinkunft des guten Zusammenlebens.

Das Schiff der Gerechtigkeit schwankt beträchtlich. Ein Boot der Umweltpolizei legt an und bringt vier Sünder an Bord, die mit zwei Revolvern, drei Schrotflinten, zehn erlegten Wasserschweinen und einem Kaiman erwischt wurden. Ihr Boot war in ­einer Sandbank stecken geblieben, sonst hätte das Gesetz die Wilderer kaum gefasst.

Auf dem Oberdeck ist Verteidiger Valdemir noch immer von Hilfesuchenden umringt, und nicht immer geht es um Alimentenzahlungen. Ein Mann will, dass seine von ihm geschiedene Frau den Computer herausrückt, den einzigen gemeinsamen Besitz. Eine Frau möchte ihren richtigen Namen zurück; das Ehepaar, vom dem sie aufgezogen wurde, hatte sie als ihr eigenes Kind ausgegeben. Auf den ersten Fahrten des Justizschiffs, so weiss Valdemir, besass fast die Hälfte der Bevölkerung keinen Geburtsschein und war in keinem amtlichen Register eingeschrieben. Das hat sich, dank der reisenden Justiz, geändert. Jetzt klauben die Klienten ihre Dokumente aus dicken Schichten von Umschlägen und Plastiktüten hervor, in denen sie wasserdicht aufgehoben sind. Rosiel Ferreira hat ihr Kind noch nicht ins Geburtsregister eintragen lassen, sie hat nur den Fussabdruck bei sich, den ihr die Hebamme nach der Geburt gegeben hat. Rosiel ist 13-jährig, ihr Kind ist einen Monat alt.

«Wie lange warst du mit dem Mann zusammen?», fragt Valdemir.

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Rosiel, selber noch ein Kind, senkt den Kopf und schweigt.

«Wie lange?», fragt er den Burschen, der, wie das Mädchen, mit den Eltern gekommen ist.

«Zwei Tage», antwortet er.

«Oh, du grosser Mann», sagt der Verteidiger. Die Zuhörer kichern.

«Schau dir das Kind an», fährt der Verteidiger fort. «Gleicht es dir nicht? Kommt es dir nicht bekannt vor?»

Der Junge schüttelt den Kopf.

«Die Erzeugerin des investigierten Kindes und der zu Investigierende hatten ein Liebesverhältnis für die Dauer von zwei Tagen», schreibt der Verteidiger in seinen Computer, und dann, in grossen Buchstaben: «Vaterschaftsuntersuchung und Alimente».

Dann schickt er ihn zum Richter.

«Wann genau fand diese Beziehung statt?», fragt Richter Almiro Socorro – Turnschuhe, blaues Hemd – den 19-Jährigen, der Jefferson heisst.

«März 2011», antwortet der Junge.

«Damals», stellt der Richter fest, «warst du selber noch minderjährig. Deshalb wirst du nicht angeklagt.» Er blättert in den Notizen. →

«Ende Dezember kam das Kind zur Welt. Du zweifelst, dass du der Vater bist?»

Jefferson bestätigt.

«Die Zweifel werden dich teuer zu stehen kommen», sagt der Richter. «Ich verpflichte dich, die Kosten der genetischen Untersuchung zu übernehmen. Die können nur in der Hauptstadt Macapá durch­geführt werden. Deshalb musst du auch die Reisekosten für Mutter und Kind übernehmen, und du wirst jetzt schon Alimente zahlen, auch wenn die ­Vaterschaft noch nicht endgültig geklärt ist.»

Im kleinen Audienzraum auf dem Oberdeck druckt der Schreiber das Urteil aus.

«Arbeitest du?», will der Richter wissen.

Jefferson schüttelt den Kopf.

«Und wie willst du das alles bezahlen?»

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Sein Vater, der Händler auf dem Fluss ist, werde ihn unter­stützen.

Es ist die zweite Reise, die Richter Almiro Socorro auf dem Justizschiff mitmacht, und manchmal hat er das Gefühl, sie führe ihn zurück in die eigene Kindheit, in der man sich ebenfalls keine grossen Träume leisten konnte. Aber Almiro war ein fleissiger Schüler, und so machte er die Erfahrung, dass nichts unmöglich ist, wenn man sich anstrengt. Er wurde Polizist, studierte abends, wurde Richter. «Aber hier», sagt er, «ist es anders, Recht zu sprechen. Hier ist man nicht geschützt durch dicke Wände und viele Vorzimmer. Hier sitzt man direkt der Realität gegenüber, und man muss zum Psychologen und zum Sozio­logen werden, um sie zu verstehen.»

Streiten arme Menschen anders?

«Grundsätzlich sind die Ursachen für Zwist und Streit überall gleich, es menschelt bei Armen und bei Reichen, Klatsch und Eifersucht gibt es überall. In der Abgeschiedenheit und Armut dieser Gegend hat sich etwas entwickelt, was uns immer wieder schockiert. Wir sind mit sehr vielen Fällen von sexuellem Missbrauch an Kindern und Minderjährigen konfrontiert, meistens innerhalb der Familie, häufig von Vätern an ihren Töchtern. Wir versuchen, diese Barbarei mit harten Strafen zu bekämpfen, wir betreiben Aufklärung in den Schulen, sagen, dass das nicht richtig ist, ermutigen die Kinder, die Täter anzuzeigen.»

Weshalb ist es so wichtig, dass die Justiz zu den Leuten kommt?

«Die Menschen am Fluss kennen keine Sicherheit, der Staat ist wenig vertreten, die öffentlichen Dienste fehlen weitgehend. Wo sollen die Leute reklamieren? Vielen fehlt das Geld für die Fahrt in die Hauptstadt. Die letzte Tür ist die Justiz. Unsere Präsenz gibt den Leuten eine Sicherheit. Sie müssen ihre Probleme nicht selber lösen und nicht mit Gewalt.»

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Bald darauf klopft es an der Tür, Josianne und Marcela kommen herein, 14 und 17 Jahre alt, begleitet von ihrer Mutter. Die Mutter trägt Schlarpen und einen zerschlissenen Rock, die Mädchen sind sauber gekleidet.

«Ich wusste von nichts», weint sie, «die Töchter haben im Stillen gelitten.»

Auf der letzten Fahrt des Justizschiffs, als eine Psychologin die Schule besuchte, offenbarten ihr die Mädchen, dass sie seit frühesten Jahren von ihrem Vater missbraucht wurden. Der Mann befindet sich in Untersuchungshaft, heute sollten sie ihre Aussagen machen.

«Aber», bedauert der Untersuchungsrichter, «leider hat der Staatsanwalt die Reise nicht mitgemacht. Ohne Vertreter der Anklage kann ich die Aussagen nicht aufnehmen. Sonst kommt der Täter wegen eines Verfahrensfehlers frei.»

Der Schreiber gibt ihnen einen neuen Termin in zwei Monaten.

Rosenildo und Iolanio, die Polizisten, bringen die vier Männer herein, die mit zehn erlegten Wasserschweinen und einem Kaiman erwischt wurden.

«Wir jagten zum Eigenverzehr», verteidigen sie sich, «das ist erlaubt.»

«Aber», sagt der Richter, «die Waffen sind nicht registriert.»

Im Jahr 2003 trat in Brasilien ein neues Waffen­gesetz in Kraft. Es gab den Besitzern fünf Jahre Zeit, ihre Waffen registrieren zu lassen.

«Wusstet ihr das?»

Die Sünder schütteln den Kopf.

«Die Waffen werden konfisziert bleiben, und es wird eine Anklage erstattet.»

Die Männer gehen weg, der Richter seufzt. «Viele Leute hier leben von der Jagd und vom Fischfang. Leider sind die Gesetze nicht immer den lokalen Gegebenheiten angepasst. Aber als Richter hat man die Möglichkeit, sich auf höheres Recht zu beziehen, auf die Verfassung, und so ist es meistens trotzdem möglich, ein angemessenes Urteil zu fällen.»

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Auch Verteidiger Valdemir hat jetzt sein letztes Protokoll unterschrieben. Drei Sekretärinnen stempeln noch, die anderen schminken sich schon. Es ist der letzte Abend vor der Rückreise, und Nivaldo hat für alle, die Lust darauf haben, im Dorf ein spezielles Abendessen organisiert.

Das Menü ist nicht ganz gesetzeskonform, aber durchaus im Sinne von Nivaldo, König Salomon vom Amazonas.

«Nach der Arbeit kommt das Vergnügen.»

Es gibt Wasserschwein gekocht, Kaiman gebraten.

Dann, morgens um fünf Uhr. Mit der ansteigenden Flut nimmt das Schiff der Gerechtigkeit wieder Fahrt auf in Richtung Hauptstadt Macapá, und die Hängematten bewegen sich wie die Schaukeln in ­einem Vogelkäfig.

Der Autor Ruedi Leuthold lebt als freier Autor in Rio de Janeiro. Soeben ist sein Buch «Brasi­lien – der Traum vom ­Aufstieg» erschienen (Nagel & Kimche, 208 Seiten, CHF 28.90).