Es war ein Tag im Juni vor zwei Jahren, der das Leben von Andreas Walder* für immer veränderte. Die Polizei ­beschlagnahmte bei einer Hausdurchsuchung weit über 100'000 illegale pornographische Bilder und Filme. Die meisten zeigen Jugendliche, Kinder, Kleinkinder und Säuglinge. Nach 64 Tagen wurde Walder aus der Untersuchungshaft entlassen. Er war geständig. Juristisch ist der Fall bis heute hängig. Seine Frau und seine zwei Kinder hat er seither nicht mehr gesehen.

«Ich wollte kein Bild verpassen»

«Eigentlich verabscheue ich Gewalt, ich bin auch kein Gewalttäter. Und doch war da dieses Jucken. Ich konnte es nicht las­sen, musste nach neuem Material suchen, wollte kein Bild verpassen», erzählt der 45-Jährige. Angefangen hatte es vor 12 Jahren mit Softporno-Fotos von David Hamilton, die vorwiegend junge, nackte Mädchen ­zeigen. Was Walder spürte, als er diese Bilder sah, fällt ihm heute schwer, in Worte zu fassen: «Mir war aber vom ersten Klick an klar, dass mich die Bilder auf eine Weise ansprachen, die nicht richtig war.» Er habe immer wieder versucht aufzuhören. «Doch man hat keine Chance. Es ist eine derart starke Kraft, die einen zieht», erklärt er.

Damals war er arbeitslos, verbrachte viel Zeit vor dem Computer und fing an, nach immer expliziteren Darstellungen zu suchen. «Unappetitliches», so nennt er Kinderpornographie, sei auf dem offenen Web kaum erhältlich. So stieg er tiefer in die Illegalität ab, um an das zu kommen, was ihm gefiel. Nie genügte ihm, was er ­bereits hatte. Stets suchte er nach mehr.

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Über Jahre hat Walder zwei Welten, zwei Persönlichkeiten kreiert: eine reale, eine virtuelle. Geahnt, so glaubt er, hat niemand etwas. Für ihre Beziehungsprobleme gab sich seine Frau selbst die Schuld. Und auch dafür, dass ihr Mann beim gemeinsamen Essen immer schneller verschwand. «Am Tisch war plötzlich wieder dieses Jucken. Ich konnte nicht mehr warten. Ich musste nach Material suchen», erzählt Walder.

Die Hemmschwelle wurde immer klei­ner. Aus Teenagern wurden Kinder, aus Kindern Kleinkinder und aus Kleinkindern Säuglinge. «Generell kann man sagen, dass alle mit dieser Neigung noch ein bisschen mehr und noch ein bisschen heftigeres Material wollen», fügt er distanzierend hinzu. Grenzen kannte er keine. Zwar habe ihn die Kombination Gewalt und Kinder je nach Darstellung angewidert, nie jedoch vom Download abgehalten.

Die eigenen Kinder nackt fotografiert

Auch die Geburt seiner zwei Kinder Thomas* und Noemi* (heute 6 und 7) änderte nichts. «Ich glaube, ich war ein guter Vater», sagt er heute. Doch eines Tages, als Walder kein neues Material fand, fielen alle Hemmungen. Im Rausch der Sucht machte er fast 100 Nacktbilder von seinen eigenen Kindern. Rund ein Drittel davon waren explizite Abbildungen von deren Genitalien. Zu einem uneingeschränkten Schuldeingeständnis kann er sich nicht durchringen: «Ich habe da im Prinzip alle Grenzen ein bisschen überschritten.»

«Ich musste mich mit schwierigen Gefühlen auseinandersetzen. Mein Leben war kompliziert, und ich war völlig allein», so Walder. Natürlich müsse es Strafen geben. Natürlich dürfe niemand ungeschoren davonkommen. Und natürlich: Hätte er wählen können, hätte er sich eine solche Vorliebe nicht ausgesucht. Sich Hilfe zu holen war für ihn allerdings nie eine Option. ­«Jemandem davon zu erzählen wäre gleich­bedeutend mit einer Einwilligung, ins Gefängnis zu gehen.» Es macht deshalb keinen Sinn, an die Vernunft und das Verantwortungsbewusstsein der Täter zu appellie­ren: «Zu stark sind die Gefühle, die Triebe, die Sucht.»

Zehn Jahre hatte er Bilder gesammelt, ohne Schutz durch eine verfälschte IP-Adresse oder Ähnliches. Mit der Zeit entwickelte er ein Gespür für «saubere» illegale Seiten und jene im Graubereich. Der Unterschied sei kaum zu erklären. Manchmal seien es einzelne Wörter gewesen, die ihn vermuten liessen, dass die Seite unter Beobachtung der Polizei stehen könnte. Dennoch klickte Walder vor zwei Jahren ­eine Seite zu viel an. Schon als sie sich ge­laden hatte, dachte er: «Oh, das ist nicht ganz optimal.»

*Namen geändert