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Kindsmissbrauch«Ist das Umfeld wachsam, kann man vieles verhindern»

Um sexuellen Kindsmissbrauch zu verhindern, reicht auf Opfer ausgerichtete Prävention nicht aus, sagt Expertin Corina Elmer.

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Beobachter: Roman Polanski lädt ein junges Mädchen zu einem Fotoshooting ein und vergeht sich an ihr. Wie gängig ist diese Masche?
Corina Elmer: Ein potentieller Täter hat bestimmte Strategien, um ans Opfer heranzukommen. Dazu gehört die Vorspiegelung falscher Tatsachen, ein Lockangebot etwa. Bei einem jungen Mädchen kann das ein Fotoshooting sein; bei einem Kind das Versprechen, ihm herzige Kätzchen zu zeigen.

Beobachter: Wie kann man so etwas verhindern?
Elmer: Man kann Kinder und Jugendliche altersgerecht darauf vorbereiten, solchen Verlockungen zu widerstehen. Doch die Opferprävention hat Grenzen.

Beobachter: Das heisst, man kann Kindern nicht beibringen, sich davor zu schützen?
Elmer: Die Opfer kann man nur begrenzt verantwortlich machen für ihren eigenen Schutz, schliesslich sind sie das schwächste Glied in der Kette. Wir arbeiten daher in der Prävention mit den Bezugspersonen im Umfeld, mit Eltern und Lehrpersonen. Es braucht Massnahmen im Umfeld – und auf der Ebene von möglichen Tätern.

Beobachter: Wie sehen diese Massnahmen aus?
Elmer: Die meisten sexuellen Verbrechen passieren in einem Umfeld, in dem sich Opfer und Täter kennen. Ist das Umfeld wachsam, kann vieles verhindert werden. Bei Polanski war zu Beginn wohl noch eine erwachsene Person dabei. Sie hätte hinterfragen können, was ein Erwachsener alleine mit einer 13-Jährigen vorhat. Im Nachhinein zeigt sich oft, dass es Vorzeichen für Übergriffssituationen gegeben hat, aber niemand reagierte. Ein Täter muss ja erst einmal dazu kommen, mit seinem Opfer allein zu sein.

Beobachter: Für kleine Kinder gibt es Bilderbücher zum Thema sexueller Übergriff, für ältere Selbstverteidigungskurse. Bringt das nichts?
Elmer: Doch, im Idealfall geschieht Prävention von klein auf. Eltern können ihren Kindern früh beibringen: Dein Körper gehört dir, du darfst Nein sagen, wenn dir etwas zu viel ist. Das ist eine emanzipatorische Erziehungshaltung, die Kinder und Jugendliche mit ihren Bedürfnissen und Intimsphären ernst nimmt. Ebenso setzt auch die Täterprävention bereits früh an, indem man Kindern beibringt, dass sie die Grenzen des anderen respektieren müssen.

Beobachter: Wie konkret soll man die Gefahren benennen?
Elmer: Eltern sollen schrittweise und altersgerecht informieren. Bei kleinen Kindern kann man sagen: Wenn dich jemand anfasst und du das nicht willst, darfst du dich wehren. Bei älteren Mädchen, die bereits ausgehen, ist es wichtig, dass man benennt, was geschehen kann. Von Drinks, die man offeriert bekommt, um gefügiger zu werden, bis hin zur Vergewaltigung.

Beobachter: Starke Mädchen werden weniger leicht Opfer als schwache. Ist das wirklich so?
Elmer: Ja, wer in einer Erziehung aufwächst, die die Gleichberechtigung der Geschlechter betont, wird sich eher gegen Grenzüberschreitungen wehren. Stärke lernt man auf verschiedene Weise. Wenn man ein Kind auf einen Baum klettern lässt, kann es zwar fallen, aber es lernt seine Grenzen und Kräfte kennen. Wer Nein sagen und sich wehren darf, wird stark. Ähnlich verhält es sich mit Sexualität und Intimität: Uninformiertheit schwächt, Autonomie hingegen stärkt.

Beobachter: Das Mädchen im Fall Polanski hat mehrmals Nein gesagt.
Elmer: Das zeigt, wie schwierig es letztlich für ein Kind ist, sich gegen einen Erwachsenen zur Wehr zu setzen. Doch das Opfer trägt keine Schuld. Der Erwachsene kann sich immer durchsetzen – wenn es sein muss, mit manifester oder subtiler Gewalt.

Beobachter: Wie sinnvoll sind technische Hilfsmittel, etwa Handys zur Überwachung oder Pfefferspray?
Elmer: Für Leute, die sich damit sicherer fühlen, kann das sinnvoll sein. Aber man muss damit umgehen können. Vergewaltigungsstatistiken jedoch zeigen, dass Frauen und Mädchen, die sich mit viel Körpereinsatz und Schreien wehren, die besseren Chancen haben, einen Täter abzuwehren.

Corina Elmer ist Pädagogin und Koleiterin von Limita, Zürcher Fachstelle zur Prävention sexueller Ausbeutung von Mädchen und Jungen. Infos: www.limita-zh.ch.

Veröffentlicht am 12. Oktober 2009