«Du wolltest das doch auch», sagte der Stiefbruder trocken und zündete sich eine Zigarette an. 20 Jahre nach der Vergewaltigung traf Marianne S. ihren Peiniger wieder und konfrontierte ihn mit seinem damaligen Verhalten. Da sei bei ihr eine Sicherung durchgebrannt, sagt die heute 45-Jährige. «Ich wünschte, ich hätte schon damals das Unrecht und die Demütigung in alle Welt hinausgeschrien.» Damals, als sie elf war, schwieg sie. «Aus Angst, Scham und Unwissenheit. Hätte ich doch nur mit jemandem reden können, aber die Zeiten waren eben anders.»

Sensibilisierte Öffentlichkeit
Die meisten sexuellen Übergriffe finden im Familien- oder Bekanntenkreis statt – und noch immer ist Kindsmissbrauch ein Tabu. Doch Aufsehen erregende Fälle wie zum Beispiel jener des ehemaligen Dorfpfarrers von Uznach, der sieben Jahre lang einen Knaben missbraucht hatte und vor wenigen Wochen zu viereinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt wurde, haben die Öffentlichkeit für das Thema sensibilisiert.

«Auch die statistische Erfassung ist heute besser als früher», sagt Ulrich Lips, Leiter der Kinderschutzgruppe und Opferberatungsstelle des Kinderspitals Zürich. Laut dem Kinderschutz Schweiz ist die Anzahl der angezeigten Fälle zwischen 1997 und 2000 von 1143 auf 1308 gestiegen. In zwei Dritteln der Fälle sind Mädchen die Opfer. Am häufigsten betroffen sind Mädchen zwischen sieben und zwölf Jahren. Experten gehen von einer grossen Dunkelziffer aus. Doch immer mehr Opfer brechen das Schweigen.

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Vergangenes Jahr wandten sich rund 89'000 Kinder und Jugendliche an die Telefonhilfe 147 – deutlich mehr als im Vorjahr, als 74000 Anrufe entgegengenommen wurden. «Rund drei Prozent der Gespräche betreffen direkt sexuelle Gewalt», sagt Teamleiterin Regina Suhner. «Nicht immer ist sofort klar, worum es geht.» Die Hinweise seien eher versteckt. «Da ist mal etwas gewesen mit einem Mann», lautet ein oft gehörter, zaghafter Hinweis. Oder es werden Abgrenzungsfragen gestellt: «Darf mein Onkel mich so anfassen? Muss ich es mir gefallen lassen, dass er mich auf seinen Schoss setzt?»

Opfer unter Druck gesetzt
Viele sexuell missbrauchte Kinder seien «im Umgang nicht einfach, andere wiederum sehr angepasst», sagt die Psychologin Regula Schwager von der Opferberatungsstelle Castagna in Zürich. «Sie sind durcheinander und einsam, verspüren Scham, werden oft unter Druck gesetzt und fühlen sich schuldig. Ihr Grundgefühl ist: ‹Ich muss etwas falsch gemacht haben, sonst wäre das nicht passiert.›» Manche Kinder fallen durch einen plötzlichen Leistungsknick in der Schule auf, andere werden magersüchtig oder nehmen rasch zu.

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Die meisten Opfer wagen erst im Alter ab etwa 14 Jahren oder wenn der Leidensdruck sehr gross geworden ist, bei Beratungsstellen oder der Polizei Hilfe zu suchen. Das neue Opferhilfegesetz sieht bei Jugendlichen bis 18 Videobefragungen vor, die von Psychologen ausgewertet werden. «Eine polizeiliche Befragung ist eine Belastung», sagt Regula Schwager. Die Angst, mit den Aussagen die Eltern zu belasten, sei dauernd präsent. Doch nachher stellt sich meistens Erleichterung ein. «Die Opfer fühlen sich ernst genommen, wahrscheinlich zum ersten Mal», sagt Tanja Hofmann, Spezialistin für Sexualdelikte bei der Kantonspolizei Zürich.

Knaben täten sich mit dem Outing in der Regel schwerer als Mädchen, stellt Ulrich Lips vom Kinderspital Zürich fest. Sie hätten Angst, als «Weichei» zu gelten. «Buben müssen immer die Helden sein, die Opferrolle ist für sie nicht vorgesehen; das ist eine zusätzliche Belastung.»

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Besonders schwer ist es für Kinder, die von Familienmitgliedern misshandelt werden. Die 15-jährige Anna fügt sich immer wieder Selbstverletzungen zu, «einfach, um mich wieder zu spüren». Seit sie neun ist, wird sie von ihrem Onkel vergewaltigt. Stumm und regungslos lässt sie es über sich ergehen. Anna ekelt sich, stockt, während sie erzählt. Ständig hantiert sie am Handy und zieht wie abwesend die Pulloverärmel über die schmalen Finger. Einen Ausweg aus ihrer Misere sieht sie nicht. Ist der Onkel nett, glaubt sie, ihm Zärtlichkeiten «schuldig zu sein»; verlangt er gewaltsam Sex, möchte sie ihm «am liebsten eine Pfanne über den Kopf hauen».

Machtgefälle als Triebfeder
Triebfeder für sexuelle Übergriffe ist immer ein Machtgefälle, wie es zum Beispiel auch in Sportvereinen omnipräsent ist. Selten wird ein Mensch so verehrt und bewundert wie ein guter Trainer. «Nie hätte ich mit so etwas gerechnet», sagt der Präsident eines Sportklubs im Zürcher Oberland. Einer der Trainer hatte auf Reisen das Zimmer mit einer jungen Sportlerin geteilt. Ausser dem Präsidenten wusste es der ganze Klub – doch niemand stellte kritische Fragen: Der Trainer war erfolgreich und beliebt. Mit Hilfe der Trogener Fachstelle Mira, die sich für die Prävention sexueller Ausbeutung im Freizeitbereich einsetzt, ging der Präsident der Sache schliesslich auf den Grund. Die Sportlerin bestätigte belästigende Berührungen – der Trainer wurde entlassen. «Wir machen uns mit unserer Arbeit nicht nur Freunde», sagt Mira-Leiter Urs Hofmann, «denn ab und zu müssen wir raten, Trainern die Aufgabe wegzunehmen.»

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Unterstützung erhält die Präventionsstelle Mira von höchster Bundesstelle. Unter der Führung des Bundesamts für Sport (Baspo) entwickeln Politiker aller grossen Parteien Strategien zum Schutz der Kinder. Bis Anfang Oktober sollen laut Baspo-Direktor Heinz Keller Lücken festgestellt und Massnahmen definiert werden. «Das Thema ist dringend», so Keller, «es muss viel besser und schweizweit einheitlich informiert werden.» Mit seinem Vorstoss rennt das Baspo offene Türen ein. Schon seit langem fordert die Vereinigung Marche Blanche vom Bund, in Sachen Kindsmissbrauch aktiver zu werden – zum Beispiel durch die Schaffung eines eigenen Bundesamts für die Familie.