Else Kurz* hat Hautkrebs. Sie befindet sich in der sogenannt dritten Phase – es gibt Hoffnung auf lebensverlängernde Behandlungen, nicht aber auf Heilung.

Dabei ging die 47-jährige Pharmazeutin jährlich zu ihrem Dermatologen, um sich auf Hautveränderungen untersuchen zu lassen. Bei ihrer Arbeit für ein internationales Hilfswerk war sie immer wieder in Ländern mit starker Sonneneinstrahlung im Einsatz. Sie war sich der Risiken bewusst.

Im Winter 2010 war Else Kurz für zwei Wochen in der Schweiz und vereinbarte einen Termin beim Dermatologen. Dieser fand an ihrem Oberschenkel ein Muttermal, das er entfernte und zur Untersuchung einschickte. Kurz gab dem Arzt die Anschrift ihrer Mutter als Rechnungsadresse an. Else Kurz reiste wieder ins Ausland. Die Rechnung wurde beglichen, und Kurz hörte nichts mehr von ihrem langjährigen Arzt.

Sie nahm an, keine Nachricht bedeute automatisch eine gute Nachricht. Ein paar Monate später jedoch war das Muttermal wieder da, es wuchs und begann Form und Farbe zu ändern. «Ich weiss, ich hätte mich in diesem Moment sofort beim Arzt melden sollen», sagt Else Kurz rückblickend. Aber erst als sie im Oktober in die Schweiz zurückkam, suchte sie ihren Dermatologen auf, der sie noch am selben Tag in die Notfallstation der Uniklinik Zürich einwies. Sie hatte Hautkrebs und bereits Metastasen. Von 29 Lymphknoten waren 19 befallen.

Anzeige

Wie weit geht ärztliche Verantwortung?

In der Klinik erfuhr Else Kurz, dass ihr Dermatologe bereits im Januar die Erstdiagnose erhalten hatte: Das Muttermal war ein Melanom, schwarzer Hautkrebs. Weshalb, fragt sie sich, hatte der Arzt nicht versucht, sie zu erreichen, um sie zu warnen? «Nach Erhalt der Erstdiagno­se», schreibt der Dermatologe in einer Stellungnahme an die Ombudsstelle der Ärztegesellschaft, «habe ich bzw. mein Sekretariat in den folgenden Tagen versucht, die Patientin zu erreichen, leider erfolglos.» Gegenüber dem Beobachter wollte er sich nicht äussern.

Wie weit muss ein Arzt gehen, um eine Patientin zu erreichen, die eine lebens­bedrohende Krankheit hat, bei deren Behandlung jede Woche zählt? «Die Mutter der Patientin informieren durfte er nicht, das verbietet ihm das Arztgeheimnis», sagt Erika Ziltener von der Schweizerischen Patientenstelle. «Allerdings hätte er der Mutter auch schreiben können, sie solle der Tochter ausrichten, sie solle sich melden.» Laut Kurz kannte der Dermatologe ihre private Mailadresse wie auch ihren Arbeitgeber. Der Arzt schreibt, er habe keine ­Adresse gehabt, und sie habe auch keine Kontaktperson oder Vertraute angegeben.

Anzeige

Die Zuständige der Schweizerischen Stiftung SPO Patientenschutz schreibt in ihrem Abschlussbericht: «Meiner Meinung nach hat der Arzt nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft, um Frau Kurz zu erreichen.»

Sowohl bei der Schweizerischen Patien­tenstelle als auch bei der Stiftung SPO Pa­tientenschutz liegen immer wieder Fälle vor, bei denen die Kommunikation zu spät erfolgte oder gänzlich vergessen ging. «Vermutlich sind die, die sich deswegen bei uns melden, nur die Spitze des Eisbergs», sagt die Präsidentin der SPO, Margrit Kessler.

Erika Ziltener von der Patientenstelle findet, Patienten, die verreisen, sollten auf Information in jedem Fall beharren oder sich selber beim Arzt melden, um zu erfahren, wie der Laborbefund lautet. Es kann auch sinnvoll sein, neben der Rechnungsadresse eine Vertrauensperson anzugeben, die der Arzt kontaktieren kann, ohne das Arztgeheimnis zu verletzten. So kann verhindert werden, dass wertvolle Zeit verstreicht.

*Name geändert

Anzeige

Walter Fellmann, Rechtsprofessor in Luzern, über Sorgfaltspflicht, Arztgeheimnis und die unklare Rechtslage.

Beobachter: Herr Fellmann, wie weit geht die ärztliche Sorgfaltspflicht genau?
Walter Fellmann: Der Arzt muss die Interessen des Patienten bestmöglich wahren. Der Behandlungsvertrag ist rechtlich gesehen ein einfacher Auftrag: Der Arzt haftet für getreue und sorgfältige Ausführung seines Auftrags. Für den Heilungserfolg kann und muss er nicht garantieren.

Beobachter: Was bedeutet das konkret im Fall von Else Kurz? Was hätte der Arzt noch unternehmen müssen, um sie zu warnen?
Fellmann: Bei der Diagnose eines malignen Melanoms spielt der Faktor Zeit eine wesentliche Rolle. Der Arzt musste also sofort handeln. Wenn er wirklich versucht hat, die Patientin zu erreichen, hat er seine Sorgfaltspflicht erfüllt. Es wäre Sache der Patientin gewesen, sicherzustellen, dass sie der Arzt nötigenfalls erreichen kann.

Anzeige

Beobachter: Der Arzt gibt an, der Mutter der Patientin ein ­Konsultationskärtchen geschickt zu haben, das aber offenbar nie angekommen ist. Genügt das?
Fellmann: Viel mehr konnte der Arzt nicht tun, er war an das Arztgeheimnis gebunden. Dazu kommt, dass die Frau, als sich das Muttermal zu verändern begann, nicht einfach davon ­ausgehen durfte, keine Nachricht sei eine gute Nachricht. Auch vom Patienten darf man ein gewisses Mass an Selbstverantwortung fordern. Man hätte daher spätestens dann von ihr verlangen dürfen, sich beim Arzt zu melden und sich nach der Diagnose zu erkundigen.

Beobachter: Wie sieht die Rechtslage in einem solchen Fall aus?
Fellmann: Die in einem Prozess zu klärende Frage wäre, wer für den Umstand verantwortlich ist, dass der Arzt die Patientin nicht erreicht hat. Für die Patientin wäre das ein höchst riskanter Prozess.

Anzeige
Quelle: Getty Images