Der spektakuläre Raub- und Mordzug des Verbrecherduos Ernst Deubelbeiss und Kurt Schürmann erschütterte die Nachkriegsschweiz gewaltig. Die beiden Schwerverbrecher marodierten im Zürichbiet, benutzten bei ihren Überfällen Maschinenpistolen und schossen sich rücksichtslos den Fluchtweg frei.

Das war Anfang der fünfziger Jahre. Erstmals berichteten die Schweizer Medien ausführlich und reisserisch über die Untaten und die Verfolgungsjagden. Der Typus des Polizeireporters war geboren, und er fand in der Boulevardpresse genügend Raum und Leser, um Verbrechen in allen Variationen publikumswirksam auszuschlachten.

Herr und Frau Schweizer achteten fortan, dass die Türen nachts stets geschlossen waren. Und überall in der Schweiz bildeten die Polizeikorps professionelle Kriminalabteilungen, um die «aus Amerika überschwappende Verbrechenswelle», wie es damals hiess, zu bekämpfen.

Seither ist die Schweiz punkto Kriminalität keine Insel der Unschuld mehr. Und wachsender Wohlstand sowie zunehmende Verstädterung haben dazu geführt, dass vor allem Vermögens- und Gewaltdelikte heute fester Bestandteil unseres Alltags sind.

300'000 Delikte pro Jahr
Rund 300'000 Straftaten werden jedes Jahr in unserem Land begangen. Statistisch gesehen wird also jeder zwanzigste Einwohner der Schweiz jährlich Opfer eines Delikts – oder selber straffällig. 192 Tötungsdelikte wurden letztes Jahr registriert, 5247 Fälle von Körperverletzung, 278'285 Diebstähle, 76'322 Einbrüche, 2642 Raubüberfälle und 447 Vergewaltigungen. Grund genug also, sich täglich vor einer möglichen Straftat am eigenen Leib zu fürchten?

Tatsache ist: Die Schweiz gehört nach wie vor zu den sichersten Staaten Europas. Die Zahl der registrierten Straftaten pro 1000 Einwohner zeigt zudem, wie sehr subjektives Sicherheitsempfinden und statistische Wirklichkeit auseinanderklaffen können.

Noch sicherer als die Schweiz sind nach dieser Statistik die Mittelmeerländer Italien und Spanien, wo viele Touristen Angst vor Diebstählen haben. Die tiefe Quote dürfte allerdings auch damit zusammenhängen, dass das Anzeigeverhalten in diesen Ländern weniger ausgeprägt ist als in unseren Breitengraden.

Gesamtzahl der Delikte nimmt ab
Auch eine genauere Betrachtung der Kriminalitätszahlen relativiert das Bild von der steigenden Kriminalität deutlich: Die Gesamtzahl der erfassten Straftaten in der Schweiz lag – nach Spitzen in den Jahren 1991 (359'000) und 1997 (338'000) – Ende 1999 mit 311'000 Delikten tiefer als 1990 (335'000 Straftaten).

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In einigen Deliktgruppen ist seit drei Jahren sogar ein deutlicher Rückgang feststellbar. Etwa bei den Diebstählen, deren Zahl sich seit 1997 von 310'412 auf 278'285 verringerte. Aber auch bei den Einbrüchen: 1997 wurden noch 82'559 Rapporte erstellt, 1999 nur noch deren 76'322.

Zwar haben Tötungsdelikte und Vergewaltigungen im Fünfjahresvergleich zugenommen. Im Zehnjahresvergleich sind die Deliktraten in diesem Bereich jedoch stabil: 1990 wurden 214 Tötungen erfasst, letztes Jahr noch 192; die Zahl der Vergewaltigungen stieg im gleichen Zeitraum von 428 auf 447.

Dennoch fühlt sich ein grosser Teil der Bevölkerung zunehmend bedroht, wie regelmässige Befragungen durch Meinungsforschungsinstitute zeigen: In einer Demoscope-Studie vom letzten Jahr beurteilten 69 Prozent der Befragten die Kriminalität im Land als «untragbar».

«Die Einschätzung der Kriminalität in der Bevölkerung unterliegt grossen Schwankungen und ändert sich rasch, vor allem wenn schwere Verbrechen aufgedeckt und in den Medien breit dargestellt werden», schreibt die Schweizerische Koordinationsstelle für Verbrechensbekämpfung in ihrem polizeilichen Sicherheitsratgeber. Auch eine 1993 im Auftrag der Konferenz der kantonalen Justiz- und Polizeidirektoren durchgeführte Erhebung bestätigt die Differenz zwischen der subjektiven Einschätzung und der tatsächlichen Gefahr: Viele Menschen zählen sich zum Kreis der potenziellen Opfer einer Straftat, obwohl dazu gar kein ersichtlicher Grund besteht. 67 Prozent haben Angst, bestohlen zu werden, 57 Prozent fürchten sich vor Einbrechern, 30 Prozent der Frauen vor sexuellen Angriffen – obwohl das statistische Risiko in keinem Verhältnis zum subjektiven Empfinden steht.

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Immer mehr Leute haben Angst
Psychologisch ist dies einfach erklärbar: Das Flugzeug ist zwar statistisch gesehen das sicherste Verkehrsmittel – und trotzdem leiden überproportional viele Menschen unter Flugangst. Kein Wunder: Ob man als einzelnes Individuum Opfer eines Flugzeugunglücks wird, ist bei aller Statistik nicht berechenbar.

Genau gleich verhält es sich mit der Einschätzung der Kriminalität. Dazu kommt, dass auch ein temporärer Rückgang der Kriminalitätsraten offenbar noch nicht ausreicht, um das allgemeine Sicherheitsgefühl der Bevölkerung zu erhöhen. «Ein statistischer Rückgang der Kriminalität ist auch nicht zwingend ein Indiz dafür, dass die Sicherheit objektiv grösser geworden ist», stellt der Zürcher Staatsanwalt Andreas Brunner, Spezialist für Sexualstrafrecht, fest. «In vielen Deliktbereichen hängt die Zahl der erfassten Straftaten einzig und allein vom Anzeigeverhalten der Bevölkerung ab.»

Umgekehrt ist aber auch eine temporäre statistische Zunahme bestimmter Verbrechen kein schlüssiges Indiz dafür, dass effektiv mehr solcher Delikte begangen werden. Staatsanwalt Brunner führt denn auch die steigenden Raten in diesem Bereich zu einem guten Teil auf das Anzeigeverhalten zurück. «Dazu kommt die in den letzten Jahren vorgenommene Spezialisierung von Polizei und Justiz in diesem Bereich.» Auch habe die Schaffung des Opferhilfegesetzes die statistische Entwicklung beeinflusst.

«Die Angst vor dem Verbrechen ist sicher übertrieben», sagt René Duttli, Präventionsspezialist bei der Zürcher Kantonspolizei. Ein Grund dafür sei die Berichterstattung in den Medien, «vor allem bei spektakulären Fällen mit hoher Gewaltbereitschaft der Täter».

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Ein klassisches Beispiel sind die «Schlafzimmerräuber», eine Bande von äusserst gewalttätigen Einbrechern, die vor etlichen Jahren in der Deutschschweiz ihr Unwesen trieben. «Das ist bei den Leuten hängen geblieben und erschreckt sie noch immer», sagt René Duttli. «"Schlafzimmerräuber" gilt heute als Synonym für jeden nächtlichen Einbrecher in ein bewohntes Haus, obwohl die allermeisten Einbrecher den Kontakt mit den schlafenden Bewohnern tunlichst vermeiden und mit den eigentlichen Schlafzimmerräubern, die auch vergewaltigten und Leute misshandelten, nichts gemein haben.» Die Polizei versucht mit Präventionsarbeit die Angst vor Verbrechen nicht zusätzlich zu schüren, sondern in Hinsicht auf die realistische Bedrohungslage zu relativieren. Präventionsfachmann René Duttli: «Wenn ich nach einem Referat höre, dass die Leute sich nach einem Vortrag sicherer fühlen, weiss ich, dass ich gute Arbeit geleistet habe.»

Organisierte Kriminalität nimmt zu
Zunehmend Sorgen bereiten den Experten von Bund und Kantonen hingegen jene Formen von Kriminalität, von denen sich die Bevölkerung im allgemeinen nicht bedroht fühlt. Dazu zählt zum Beispiel der weltweite Vormarsch des organisierten Verbrechens.

Kriminelle Phänomene wie internationaler Menschenhandel und organisierte Kinderprostitution, Geldwäscherei, Waffenhandel, Zigarettenschmuggel oder Infiltration der Wirtschaft durch mafiöse Unternehmen werden im öffentlichen Bewusstsein kaum als Gefahr wahrgenommen – solange deren gewaltsame Begleiterscheinungen ohne konkrete Folgen für den Einzelnen bleiben.

«Die kriminelle Organisation Solnzevskaja hat in der Schweiz über Firmen Fuss gefasst», heisst es nüchtern in einem Lagebericht des Bundesamts für Polizeiwesen über organisierte Kriminalität. Und weiter: «Aus polizeilichen Quellen geht hervor, dass die Solnzevskaja in ungefähr zwanzig Morden, die in Russland und in den umliegenden europäischen Ländern begangen wurden, verwickelt ist. Kampfbrigaden, die aus professionellen Killern bestehen, führen Erpressungen und Entführungen aus. Die Organisation ist sowohl in der nördlichen wie auch in der südlichen Hemisphäre aktiv – inbesondere in den USA, Russland, Grossbritannien, Österreich, der Schweiz, Polen, Ungarn, Bulgarien, Kanada, Frankreich, Israel, Peru, Argentinien und in Costa Rica.»

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Apropos selektive Wahrnehmung: 1997 wurden in der Schweiz 21311 Personen wegen eines Verstosses gegen das Strafgesetzbuch verurteilt – darunter 7171 Diebe, 969 Veruntreuer, 1145 Körperverletzer und elf Mörder. Weit mehr Leute, nämlich 35'033 Personen, kassierten im selben Jahr eine Strafe wegen eines Verstosses gegen das Strassenverkehrsgesetz.

Zahl der Blaufahrer steigt rasant
16'684 der Bestraften waren Blaufahrer. Und: Ein Viertel aller Strassenverkehrsdelinquenten sind Wiederholungstäter, wie das Bundesamt für Statistik diesen August in einer Studie nachwies. Innerhalb von dreissig Jahren hat sich die Zahl der Verurteilungen wegen Fahrens in angetrunkenem Zustand fast verdreifacht, jene wegen grober Verkehrsregelverletzung innerhalb von nur zehn Jahren gar vervierfacht.

Die Wahrscheinlichkeit, Opfer eines Verkehrsrowdys zu werden, ist also um einiges höher als jene, einem Räuber, Vergewaltiger oder gar Mörder in die Hände zu fallen. Doch wer denkt schon daran, wenn er morgens ins Auto steigt?

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