Sport gilt als gesund und erwünscht. Doch wer Sport treiben will, hat hierzulande mitunter ein Problem. So liegen sich zum Beispiel die Gemeinde Stetten AG und ein Anwohner seit sechs Jahren in den Haaren. Dieser fühlte sich durch den Lärm vom Sportplatz gestört und verlangte kürzere Betriebszeiten. Mit Erfolg: Das Aargauer Departement für Bau, Verkehr und Umwelt entschied, dass mit Sport unter der Woche um 21 Uhr Schluss sein müsse, an Wochenenden sogar um 18 Uhr. Die Gemeinde wehrt sich vor dem Verwaltungsgericht; sie will den Betrieb bis 22 Uhr zulassen. «Uns geht es um die grundlegende Frage: Was ist höher zu gewichten, das Interesse eines Einzelnen oder das der Allgemeinheit?», sagt Gemeindeschreiber Emil Wehle.

Es gibt Dutzende von Rechtsfällen
Ein anderes Beispiel: Tausende demonstrierten vor wenigen Wochen gegen einen Entscheid des Aargauer Verwaltungsgerichts, das in einem Streit um die Betriebszeiten der Sportanlage Würenlos zugunsten des Ruhebedürfnisses einiger weniger Anwohner entschied. Auch hier soll Sport nach 21 Uhr verboten sein. Der Gemeinderat geht nun vor Bundesgericht. Ähnliche Betriebszeiten fordern Anwohner in einem Rechtsstreit im aargauischen Bremgarten.

Seit Jahren beschäftigen Dutzende von Streitereien um den Lärm von Sportplätzen Behörden und Gerichte quer durch die Schweiz. Oft gelingt es lärmempfindlichen Anwohnern sogar, Sportprojekte zu Fall zu bringen. So etwa in Kirchberg SG. Hier wollte «Volley Kirchberg» ein Beachvolleyball-Feld erstellen. Der Platz wäre vorhanden gewesen, die rechtliche Grundlage auch. Doch rund 30 Anwohner wehrten sich gegen das Spielfeld. Nach Ansicht von Schulratspräsident Alfons Schönenberger hätte das Projekt bewilligt werden müssen. Doch die Opponenten hätten mit Sicherheit rekurriert. «Der Widerstand war zu gross», erzählt Schönenberger, «und die Initianten hatten nicht die Kraft, das Projekt durchzuziehen.» Sowohl er wie Gemeindepräsident Christoph Häne bedauern das Scheitern des Vorhabens. «Es besteht leider die Tendenz in unserer Gesellschaft», so Häne, «dass viele nur für sich schauen und sich wenig um das allgemeine Interesse kümmern.» Und Schönenberger ergänzt: «Viele sind in den letzten Jahren empfindlicher gegenüber Lärm geworden.»

So auch in Schönenbuch BL. Vor vier Jahren bewilligte die Gemeindeversammlung einen Kredit, um ein Gelände in der Gewerbezone für einen Skate-Platz zu asphaltieren. Die Geräte für 70'000 Franken hätte der Vater eines Skaters bezahlt. Nach Rekursen von Anwohnern entschied vor einem Jahr das Baselbieter Bauinspektorat, dass die Anlage nur bis 19 Uhr betrieben werden dürfe. Dagegen wiederum rekurrierte die Gemeinde und akzeptierte schliesslich als Kompromiss 20 Uhr.

Nicht nur bei der Skate-Anlage, sondern auch beim Sportplatz im Dorf gibt es immer wieder Reklamationen. Gemeindepräsident Markus Oser kann noch verstehen, dass sich direkte Anwohner der Skate-Anlage gewehrt haben. «Wenig Verständnis habe ich aber für diejenigen, die ihr Haus an den Sportplatz im Dorf gebaut haben und sich jetzt beschweren», meint er. Einige dieser Reklamanten hätten früher zudem selbst auf dem Sportplatz bei Flutlicht bis 22 Uhr intensiv Tennis gespielt.

Oft sind es nur Einzelne, die sich durch Sportlärm gestört fühlen. In Affeltrangen TG argumentierte ein Kläger vor dem Bezirksgericht Münchwilen, er könne seinen Sitzplatz nicht mehr benutzen und werde richtiggehend terrorisiert. Er verlangt, dass die Spielwiese beim Schulhaus werktags ab 18 Uhr, an Wochenenden und in den Ferien überhaupt nicht mehr benützt werden darf. Die Gemeinde hingegen will Betriebszeiten bis 22 Uhr. «Der Fall ist sehr heikel», sagt Ulrich Mattenberger, Präsident der Primarschulgemeinde, «wie das bei Nachbarschaftskonflikten halt so ist.» Weiter möchte er sich nicht äussern.

Anzeige

Alle warten auf das Bundesgericht
Einschränkungen nach Klagen von lärmsensiblen Anwohnern gab es auch im thurgauischen Märstetten. Hier müssen die Schulhausanlagen um 21 Uhr verlassen werden. Ein Bewachungsdienst kontrollierte letzten Sommer die Einhaltung der Betriebszeiten. Nun gehen halt die Skater, die nicht um neun Uhr ins Bett wollen, woanders hin - das Problem verlagert sich einfach.

Auch in Märstetten zeigt sich: Oft gehören zu den Empfindlichsten diejenigen, die falsche Vorstellungen vom Landleben haben. «Reklamationen erhalten wir ab und zu von lärmgeplagten Städtern, die meinen, auf dem Land sei es völlig ruhig», sagt Gemeindeammann Martin Stuber.

Oft geht es nicht nur um Sportlärm. Auch zuknallende Autotüren und wegfahrende Autos nerven. Andere unterschätzen die Lärmquellen: «Wer in die Nähe eines Schulhauses zieht, sollte wissen, was auf ihn zukommt», sagt Walter Banga, Gemeindepräsident von Münchenstein BL.

Banga zeigt, dass es auch anders geht: Als der Kanton 31 Gemeinden mit einer Street-Soccer-Anlage beschenkte, waren etliche gar nicht erfreut. Weil es Reklamationen von Anwohnern hagelte, räumten verschiedene Gemeinden das Geschenk bald wieder ab, so auch Münchenstein. Letzte Saison wurde die Anlage wieder aufgestellt, ein Reglement sorgte für geordneten Betrieb, laute Musik war verboten, der Dorfpolizist kontrollierte regelmässig. Alle zwei Monate wird die Anlage in ein anderes Quartier gezügelt, so dass alle etwas davon haben. «Ideal ist diese Lösung nicht», sagt Banga, «aber sie funktioniert.»

Die Gemeinden stecken in einem Zielkonflikt: Es gilt das Ruhebedürfnis von Anwohnern zu schützen und auf der anderen Seite der Jugend genügend Sportmöglichkeiten zur Verfügung zu stellen. Denn, so hörte man es an der Würenloser Demonstration mehrfach, Sport trage «zum seelischen Gleichgewicht» bei. Auf welcher Seite er steht, macht Adolf Ogi, Uno-Sonderbeauftragter für Sport, klar: «Wir müssen alles tun, um Freude an der Bewegung zu fördern, denn Fettleibigkeit ist eines der grössten und teuersten Zukunftsprobleme.» Dazu brauche es aber Anreize: «Deshalb wäre ich dafür, dass unsere Sportanlagen möglichst lange geöffnet sind. Also etwa von acht Uhr morgens bis Mitternacht.»

Etliche Gemeinden warten gespannt auf den Entscheid des Bundesgerichts im Fall Würenlos. Sie wollen einen Sportbetrieb bis 22 Uhr. Sollte das Bundesgericht aber ruhebedürftige Anwohner von Sportplätzen quer durchs Land schützen und Einschränkungen verlangen, müssten viele Klubs ihren Trainingsbetrieb massiv einschränken. Stellvertretend für viele sagt Urs Saladin, Verantwortlicher der Amateurliga beim Schweizerischen Fussballverband: «Für den Sportbetrieb hätte das ganz einschneidende Folgen, etliche Klubs müssten wohl Aktiv-Mannschaften auflösen.»

Vielleicht knüpft das Bundesgericht an ein eigenes Urteil aus dem Jahr 2005 an. Damals entschied es, dass das Ruhebedürfnis einer Frau in Winterthur durch Kinderlärm nicht gestört werde. Die Frau hatte sich bis nach Lausanne gegen die Sanierung eines Spielplatzes gewehrt.

Anzeige