Beobachter: Die Erkenntnisse der Ermittlungsbehörden über die Aktivitäten der organisierten Kriminalität in der Schweiz sind äusserst dünn. Wird die Gefahr überschätzt?
Marcel Niggli: Sicher nicht. Aber der Begriff organisierte Kriminalität ist äusserst unscharf. Wenn sich zwei oder drei Leute zusammentun, um über einen gewissen Zeitraum ein illegales Geschäft aufzuziehen, hat das mit organisierter Kriminalität nicht viel zu tun. Aber fast alle Ermittlungen laufen eben auf der untersten Ebene. Zum Beispiel im Drogenhandel. Das ist Augenwischerei.

Beobachter: Wo liegen denn die wirklichen Probleme?
Niggli: Wie in der legalen Wirtschaft ist das Risiko auch beim organisierten Verbrechen auf den untersten Einkommensstufen am grössten. Aber gerade dort gibt es einen unerschöpflichen Vorrat an Personal.

Beobachter: Wie rekrutiert die Mafia dieses Personal?
Niggli: Halten Sie sich doch mal vor Augen, unter welchen Umständen zum Beispiel die Menschen in den ehemaligen Ostblockländern leben müssen. Es gibt ein ständig wachsendes Heer von bitterarmen Menschen, die nicht die geringste Chance haben, in der legalen Wirtschaft auf einen grünen Zweig zu kommen. Wenn die Schweizer Polizei 1000 solcher Menschen festnimmt, kommen nächste Woche 10'000 neue. Auf dieser untersten Ebene ist der Krieg gegen das organisierte Verbrechen nicht zu gewinnen. Hinzu kommt, dass die Asylpolitik in Westeuropa und eben auch in der Schweiz die Rekrutierung des Fussvolks für die mafiösen Organisationen begünstigt.

Beobachter: Warum soll die Asylpolitik schuld sein?
Niggli: Wie müsste ich vorgehen, wenn ich nach allen bekannten soziologischen und kriminologischen Erkenntnissen einen Kriminellen «heranzüchten» wollte? Ich würde einen jungen Mann aus seiner angestammten Umgebung herauslösen, ihn mit anderen jungen Männern zusammenstecken, ihn unter ökonomischen Druck setzen und ihm gleichzeitig legale Verdienstmöglichkeiten entziehen. Da haben wir ungefähr eine Schilderung unserer Asylpolitik in der Praxis.

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Beobachter: Was müsste getan werden?
Niggli: Zuerst einmal braucht es den politischen Willen, um die ursächlichen Zusammenhänge zwischen der legalen und der illegalen Wirtschaft zu erkennen. Die immer stärkere Gewinnorientierung, die Loskoppelung von der gesellschaftlichen Verantwortung der Unternehmen und die unkontrollierte Deregulierung, Liberalisierung und Globalisierung sind alles Faktoren, die das organisierte Verbrechen enorm begünstigen.

Beobachter: Wie weit reicht denn der Einfluss der Mafia bereits?
Niggli: Allein bei den wenigen bekannten Fällen in der Schweiz reden wir schon von Milliardenbeträgen. Die lassen sich nicht über Pizzerien und Kebab-Imbissbuden waschen. Man muss schon sehr naiv sein, um zu glauben, dass kriminelle Organisationen nicht schon im grossen Stil Beteiligungen von renommierten Firmen halten.

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Beobachter: Gibt es auch handfeste Belege für solche Zusammenhänge?
Niggli: In allen Ländern, in denen entsprechende Untersuchungen durchgeführt wurden, sind solche Verflechtungen bekannt. Gegen die muss man vorgehen. Nehmen wir das Beispiel USA. Der so genannte «War on Drugs», also die massive Offensive gegen den Drogenhandel und den Drogenanbau, hat zwei Jahrzehnte lang rein gar nichts gebracht, ausser noch höheren Profiten für die Mafia. Aber eine gezielte Untersuchung der Verflechtungen legaler Wirtschaftsunternehmen in den achtziger Jahren hat über 100 organisierte Gangster der höchsten Hierarchiestufe hinter Gitter gebracht und grosse Mafiaorganisationen nachhaltig geschwächt.

Beobachter: Die Verstrickungen werden immer komplexer. Woher sollen die Behörden die Ressourcen für grosse Ermittlungen nehmen?
Niggli: Das liegt meiner Ansicht nach auf der Hand: Rund 85 Prozent aller Strafgefangenen mit längeren Gefängnisstrafen sitzen wegen Drogenhandels ein. Das kostet Unsummen von Geld, verstopft die Gefängnisse und bindet einen Grossteil der polizeilichen Ermittlungstätigkeit. Wenn wir endlich von der Drogenprohibition ablassen würden, würden wir der organisierten Kriminalität nicht nur eines ihrer wichtigsten finanziellen Standbeine wegtreten, wir hätten auf einen Schlag auch die nötigen Kapazitäten, um den Kampf gegen die Mafia ernsthaft anzugehen.

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