Beobachter: Herr Rehmann, Sie haben die Nationale Ethikkommission (NEK) 2001 aufgebaut und waren während acht Jahren deren Präsident. Ihr Einfluss auf die Politik allerdings blieb gering.
Christoph Rehmann-Sutter: Wir konnten etwa bei der Präimplantationsdiagnostik in der Politik einiges bewegen. Das Parlament hatte mehrfach Vorstösse für ein Gesetz abgelehnt, das erlaubt, Embryonen auf Krankheiten zu untersuchen, bevor sie in den Mutterleib eingepflanzt werden. Nachdem sich die NEK unter gewissen Bedingungen für die Präimplantationsdiagnosik ausgesprochen hatte, bewirkte diese Stellungnahme ein Umdenken in der Politik.

Beobachter: Viele Stellungnahmen der NEK liefern eine ethische Begründung in Fragen, welche die Politik längst entschieden hat. Ist die NEK nicht oft nur ein Feigenblatt?
Rehmann-Sutter: Ganz am Anfang ihrer Tätigkeit im Jahr 2001 hat die NEK in dieser Frage ein Exempel statuiert. Eine starke Lobby von Wissenschaftlern setzte sich damals für die Stammzellenforschung ein, obwohl die rechtliche und ethische Situation unklar war. Die NEK stellte sich dagegen und verlangte, dass zuvor der politische Entscheid gefällt wird, unter welchen Bedingungen entstehendes menschliches Leben für Forschungszwecke verfügbar gemacht werden darf. Das Resultat war das Stammzellenforschungsgesetz.

Beobachter: Auf grosse Resonanz in der Bevölkerung stösst das Thema Sterbehilfe. Doch gerade hier blieb die NEK bisher erfolglos. Bereits vor vier Jahren forderte sie, dass Sterbehilfeorganisationen unter staatliche Aufsicht gestellt werden. Doch geschehen ist nichts.
Rehmann-Sutter: Der frühere Justizminister Christoph Blocher war der Meinung, dass der Staat die Sterbehilfeorganisationen nicht legitimieren darf. Der Vorschlag der NEK, Sorgfaltskriterien für die Sterbehilfeorganisationen einzuführen, war für ihn bereits ein Schritt in diese Richtung.

Beobachter: Ist es das nicht?
Rehmann-Sutter: Hier geht es um ein Abwägen. Wenn der Staat die organisierte Sterbehilfe nicht regelt, geht er das Risiko ein, dass eine unkontrollierte Eigendynamik entsteht. Es ist eine Tatsache: Bei der Suizidbeihilfe haben wir in der Schweiz weltweit die largesten rechtlichen Regelungen. Um Missbräuche auszuschliessen, verlangt die NEK, dass die Sterbehilfeorganisationen ein gewisses Korsett erhalten sollen. In dieser Richtung hat Bundesrätin Eveline Widmer Schlumpf nun neue Aufsichtsregeln angekündigt.

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Beobachter: Die NEK äussert sich meist zu medizinischen Fragen am Anfang und am Ende des Lebens. Werden diese Bereiche auch in Zukunft die ethisch heiklen Felder sein?
Rehmann-Sutter: Es liegt in der Natur der Sache, dass sich am Anfang und am Ende des Lebens medizinisch die meisten ethischen Fragen stellen. In Zukunft wird sich die NEK aber vermehrt auch mit der Mitte des Lebens beschäftigen müssen. Ein Beispiel: Gentests werden eine immer grössere Rolle spielen. Diese werden nicht nur dazu eingesetzt, eine Krankheit zu diagnostizieren, sondern auch um das Risiko festzustellen, an Darm- oder Brustkrebs oder an einem anderen Leiden zu erkranken.

Beobachter: Welche ethischen Fragen stellen sich dabei?
Rehmann-Sutter: Die Medizin wird sich vermehrt zu einer Gesundheitsmedizin entwickeln. Wir werden dann quasi ständig Patienten sein, auch wenn wir gesund sind. Hier müssen wir uns überlegen, was gute Medizin ist und wie viel medizinische Kontrolle wir über unseren Körper wollen.

Fachleute als Berater

Die Nationale Ethikkommission (NEK) besteht aus 18 Experten. Das ausserparlamentarische Gremium ist vom Bundesrat eingesetzt und soll die Entwicklung der medizinischen Forschung und ihre Anwendung verfolgen und aus ethischer Sicht beratend Stellung nehmen. Christoph Rehmann-Sutter, 50, Professor für Bioethik, ist Präsident der NEK. Er tritt Ende März zurück. Seine Nachfolge bestimmt der Bundesrat.