War es Fahrlässigkeit? War es eine Verkettung unglücklicher Zufälle? Sicher ist nur: Der tragische Unfall im Werkunterricht veränderte das Leben von Kevin* total. Bei der Arbeit an der Drehbank schleuderte ein Holzteil für eine Käseplatte weg – der 16-Jährige erlitt einen offenen Schädelbruch.

Die Rettungsflugwacht flog den Schüler in die Zürcher Uniklinik, wo ihn Spezialisten operierten und für vier Wochen ins künstliche Koma versetzten. Fast drei Monate musste der junge Patient das Spitalbett hüten und danach zwei Monate in einer Rehabilitationsklinik verbringen.

Das Leben auf den Kopf gestellt
Als Kevin nach Hause durfte, war er nicht mehr derselbe. Er litt an einem Schädelhirntrauma, an epileptischen Anfällen und an einer Störung der Hirnfunktion. Der Unfall hinterliess auch Spuren in Kevins Gesicht: Von einer plastischen Operation blieb eine grosse Narbe zurück.

Vier Jahre nach dem Unfall zeigen sich die Spätfolgen: Kevin besucht heute eine landwirtschaftliche Schule, doch seine Leistungen sind schlecht, weil er Mühe hat, sich für längere Zeit zu konzentrieren. Zudem ist er dienstuntauglich, und es ist fraglich, ob er je wird Auto fahren können.

Kurz nach dem Unfall beantragten Kevins Eltern beim Bezirksamt Steckborn TG eine Strafuntersuchung gegen Werklehrer Alfred Zuberbühler*. Seine Unterrichtsmethoden seien in höchstem Mass mangelhaft gewesen, argumentierte der Anwalt der Eltern.

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Der Pädagoge habe seine Schüler zwar in drei Schreiben über die Grösse und die Verarbeitung von Käseplatten informiert und Vorgaben für den Umgang mit den Maschinen geliefert. Doch ein Merkblatt der Beratungsstelle für Unfallverhütung, das vor dem Gebrauch einer Drehbank in der Schule warnt, habe Zuberbühler nicht berücksichtigt.

Für den Unterricht hatte der erfahrene Lehrer ein Muster einer Käseplatte angefertigt. Die Vorlage hatte, wie es im Lehrmittel vorgeschrieben ist, einen Durchmesser von 20 Zentimetern. Seinen Schülern erlaubte Zuberbühler allerdings, eine 40-Zentimeter-Platte anzufertigen. Hätte er nicht wissen müssen, dass ein grösseres Holzstück in der Drehbank schneller brechen kann?

Eine Woche vor dem Unfall hatte Kevin seine Platte verleimt. Er musste die Arbeit aber wiederholen, weil die Platte wegen eines Missgeschicks brach. Am Tag des Unglücks zeigte Kevin seinem Lehrer die Korrekturzeichnungen, um die Platte danach in der Drehbank weiterzuverarbeiten.

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Aussage gegen Aussage
Was kurze Zeit später passierte, bleibt widersprüchlich; es steht Aussage gegen Aussage. Zuberbühler behauptet, er hätte Kevin ausdrücklich untersagt, ohne Aufsicht an der Drehbank zu arbeiten. Der Schüler hingegen kann sich an ein solches Verbot nicht erinnern. Er weiss auch nicht mehr, ob er oder Zuberbühler die Holzplatte in die Drehbank einspannte und die Drehzahl programmierte. Kevin weiss nur noch, dass er die Drehbank in Betrieb nahm. Fatal: Die Maschine war auf 2000 Umdrehungen pro Minute eingestellt statt auf 400. Dadurch drehte die grosse Platte viel zu schnell und löste sich schliesslich aus der Verankerung.

Werklehrer Alfred Zuberbühler war nicht zur Stelle, als das Holzstück mit gewaltiger Wucht aus der Drehbank geschleudert wurde, Kevin am Kopf traf und der Junge schwer verletzt zu Boden stürzte. Grund: Neben den Schülern im Holzunterricht musste der Lehrer eine Klasse im Metallwerkraum betreuen.

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Mit diesem «doppelten» Unterricht hatte sich Zuberbühler nie anfreunden können: Nur widerwillig erteilte er gleichzeitig zwei Klassen Werkunterricht. Kurz bevor der schreckliche Unfall geschah, hatte der Lehrer noch versucht, eine andere Lösung zu finden. Doch der Schulinspektor lehnte den Antrag mit dem Hinweis auf eine Verordnung des Regierungsrats ab.

Keiner trägt die Schuld
Nach Abschluss der Ermittlungen kamen das Bezirksamt Steckborn und die Thurgauer Anklagekammer zum Schluss, dass weder dem Schüler noch dem Werklehrer ein schuldhaftes Verhalten nachzuweisen sei. Das Strafverfahren gegen Alfred Zuberbühler wurde eingestellt. Kevins Eltern wollten diesen Entscheid nicht akzeptieren. Ihr Anwalt reichte beim Bundesgericht in Lausanne Beschwerde ein, blitzte allerdings ab.

Wenn aber weder Kevin noch der Lehrer Schuld am verheerenden Unglück trugen, warum mussten dann Kevins Eltern für die Unfallkosten aufkommen? Nochmals versuchten sie, zu ihrem Recht zu kommen. Nun wollten sie die Gemeinde zur Rechenschaft ziehen.

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Doch der Anwalt der Gemeinde lehnte jede Haftung ab. Obwohl die Gemeinde den gesundheitlichen Schaden, den Kevin durch den Unfall erlitten hatte, nie in Frage stellte, weigerte sie sich, eine Genugtuung zu zahlen. Das Unglück, sagte der Anwalt, sei von Kevin selber verschuldet worden. Allen anderen Schülern sei klar gewesen, dass sie die Drehbank nicht allein bedienen dürfen. Es sei zudem durchaus üblich, im Werkunterricht Käseplatten anzufertigen, und Drehbänke gäbe es in fast allen Schulhäusern, argumentierte der Jurist. Auch dass Lehrer zwei Klassen in getrennten Räumen unterrichten, sei nichts Aussergewöhnliches.

Noch etwas war dem Anwalt wichtig: Wenn das Verwaltungsgericht die Gemeinde haftbar mache, löse dies Diskussionen bei Lehrern und Schulbehörden aus. Zudem könne ein solcher Entscheid auch Folgen für andere Gemeinden haben: Diese würden kaum mehr Versicherungen finden, die sie unter Vertrag nähmen.

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Grobes Verschulden verneint
Das Thurgauer Verwaltungsgericht kam zu einem anderen Schluss: Die Gemeinde sei für den Unfall verantwortlich. Der Staat habe für einen Schaden zu haften, der von einem seiner Angestellten verursacht worden sei. Die Bearbeitung einer geleimten Holzplatte, so führten die Richter aus, berge ein Gefahrenpotenzial. Der Lehrer hätte besonders aufmerksam das Vorgehen des Schülers beobachten und damit rechnen müssen, dass Kevin die Drehbank in Betrieb nimmt. Lehrer und Gemeinden müssten dafür besorgt sein, Gefahren für die Schüler möglichst klein zu halten.

Bezüglich Verantwortlichkeit fällte das Verwaltungsgericht also einen deutlichen Entscheid. Trotzdem befanden die Richter, dass die Gemeinde keine Genugtuung an Kevin zu zahlen habe.

Mit diesem Entscheid waren weder Kevins Eltern noch die Gemeinde einverstanden; der Fall landete erneut beim Bundesgericht. Dieses bekräftigte das Urteil des Verwaltungsgerichts von A bis Z. Begründung: Anspruch auf Genugtuung bestehe nur, wenn ein besonders schweres Verschulden vorliege. Ein solches sei hier nicht gegeben.

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* Namen geändert