Es beginnt mit der Mutter einer ermordeten Frau. Eines Tages Anfang 1978 kommt die Frau in die Redaktion und erzählt von ihrem Schicksal. Wie sie nicht nur unter dem gewaltsamen Tod ihrer Tochter leidet, sondern auch unter der Behandlung durch die Behörden. Überall blitzt sie ab mit ihrem Begehren um finanzielle Unterstützung, überall erntet sie nur Achselzucken, wenn sie sich als Angehörige des Opfers im Strafverfahren gegen den Täter Gehör verschaffen will. Dazu sei sie nicht berechtigt, sagen Beamte und Untersuchungsbehörden.

Für die Redaktion ist dies eine folgenreiche Begegnung, weil sie dadurch ein grundsätzliches Problem erkennt: Für Täter gibt der Staat Millionen aus, um den Strafvollzug humaner zu gestalten. Für die Opfer tut er hingegen nichts, sondern er lässt sie in ihrem seelischen und finanziellen Elend sitzen.

Deshalb lanciert der Beobachter im September 1978 die Volksinitiative zur Entschädigung der Opfer von Gewaltverbrechen. «Es handelt sich um Gesetzeslücken, die geschlossen werden müssen», schreibt er. Und er belegt es immer und immer wieder mit Beispielen. Mit der Geschichte zweier Nachbarn etwa, die vom Amokschützen Xaver Z. lebensgefährlich verletzt werden, bleibende Schäden davontragen, aber keinen Rappen Schadenersatz bekommen. Immer und immer wieder fragt der Beobachter: «Ist es richtig, dass sich die völlig unschuldigen Opfer nun - eventuell jahrelang - selbst mit dem Täter und seinen Angehörigen vor den Zivilgerichten herumstreiten müssen?» Und immer und immer wieder druckt er Unterschriftenbögen für die Initiative ab.

Die intensive Lobbyarbeit hat Erfolg
«Zu Beginn harzte es mit dem Rücklauf», beschreibt der langjährige Beobachter-Redaktor Peter Rippmann das Echo in der Leserschaft. «Doch dann zahlte der damalige Verleger Beat Curti die Mehrkosten von 40'000 Franken für lose Unterschriftenbögen, die dem Beobachter beigelegt wurden.» Der Erfolg dieser einfachen technischen Massnahme ist überwältigend: Mit 173'069 Unterschriften kommt das Volksbegehren zwei Jahre später zustande. Der Beobachter zeigt sich damit als eine ernst zu nehmende politische Kraft.

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Und er insistiert weiter: Als die damalige Nationalrätin Elisabeth Kopp, Präsidentin der vorberatenden Kommission, Rippmann mit einem zahmen Gegenvorschlag des Parlaments zum Rückzug der Initiative bewegen will, winkt dieser ab. «Die Kommission wollte nur mittellosen Opfern Hilfe zukommen lassen», erinnert er sich. «Dabei brauchen alle Opfer von Gewaltverbrechen Beratung und ein Zeichen der Anteilnahme des Staates.»

Die Argumente und die Lobbyarbeit dringen bei den Nationalräten durch. Der angepasste Gegenentwurf wird vom Beobachter unterstützt, und Rippmann wird nach der glanzvollen Annahme des Opferhilfeartikels (80 Prozent Ja-Stimmen) eingeladen, in der Expertenkommission zur Ausarbeitung des Gesetzes mitzuwirken.

Am 1. Januar 1993 tritt das Bundesgesetz über die Hilfe an Opfer von Straftaten in Kraft. Seither haben rund 190'000 Opfer juristische, soziale, psychologische und finanzielle Hilfe erhalten. Rund 80 Millionen Franken hat der Staat mittlerweile als Entschädigung und Genugtuung an Opfer gezahlt.

«Die Opferhilfeinitiative war eine Grosstat des Beobachters», sagt der Basler Rechtsanwalt Peter Bohny, der immer wieder Opferhilfefälle begleitet. «Es ist oft wenig Geld, aber ein entscheidendes Zeichen für die Opfer, dass man sie nicht im Stich lässt.» Im Durchschnitt betrug die Genugtuung pro Fall 5000 Franken. In schweren Fällen wie den von René O. misshandelten Kindern aber bis zu 180'000 Franken.

Diese Beträge will das Parlament nun wesentlich kürzen. Genugtuungen sollen für Opfer auf 70'000 Franken und für Angehörige auf 35'000 Franken beschränkt werden, Opfer von Straftaten im Ausland sollen gar keine finanziellen Leistungen mehr erhalten. Der Nationalrat hat das revidierte Gesetz bereits abgesegnet, der Ständerat wird wohl nächstes Jahr gleich entscheiden. Damit kastriert das Parlament die Opferhilfe.

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Die Bürokratie unterläuft das Gesetz
Die Sparschraube wird im Vollzug bereits heute angesetzt: so im Fall von Josef und Iris Blättler, den Eltern von Nicole Blättler, die im Dezember 2005 umgebracht wurde. «Uns fehlte sogar das Geld für Nicoles Begräbnis», sagt Josef Blättler. Die Zürcher Opferhilfestelle zahlte nur einen Drittel der Begräbniskosten. Anträge auf Nothilfe wurden bisher mit bürokratischen Einwänden abgeblockt. Blättlers leben nach dem Tod ihrer Tochter in seelischer und auch in finanzieller Not. Iris Blättler brach kurz nach der Ermordung ihrer Tochter zusammen, konnte nicht mehr arbeiten, erhielt aber nur noch drei Monatslöhne von ihrem Arbeitgeber, da dieser keine Krankentaggeldversicherung abgeschlossen hatte. Jetzt stauen sich die Rechnungen: Neu muss eine Spitex-Pflegerin bezahlt werden, die die Arbeit von Tochter Nicole übernimmt, die Vater Blättler nach einer Herztransplantation zu Hause gepflegt hat.

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Die Zürcher Opferhilfestelle will dazu nicht Stellung nehmen, da es sich um ein hängiges Verfahren handle. Der Beobachter bleibt auch hier dran.