In nur einem Jahr sind die Ausgaben der Opferhilfe um einen Fünftel gesunken. Das zeigt die aktuelle Statistik zu den 2015 ausgerichteten Genugtuungen und Entschädigungen. Auch der längerfristige Trend zeigt: Die Direktzahlungen an Gewaltopfer gehen laufend zurück. Der Staat vergab 2010 noch für 11,4 Millionen Franken Beträge, im letzten Jahr waren es noch 6,1 Millionen Franken. Das ist ein Tiefststand, obwohl die Anzahl Fälle wie auch die Art der Delikte stabil blieben.

Dass weniger Geld fliesst, ist politisch gewollt. 2009 wurden bei der Revision des Opferhilfegesetzes Unterstützungsmittel begrenzt oder gestrichen. Das schlägt immer stärker durch. Zu stark? Wird die ­Opferhilfe, entstanden auf Initiative des Beobachters, schleichend ausgehöhlt?

Fachleute haben andere Erklärungen. «Dem Rückgang an Entschä­digungen und Genug­tuungen stehen eine Zunahme für die Soforthilfe sowie steigende Beiträge für die Hilfe Dritter gegenüber, vor allem für Anwälte», sagt Veronika Neruda, bei der Konferenz der kantonalen Sozialdirek­toren für die Opferhilfe zuständig. Der Umfang dieser Kosten wird durch die nationale Statistik nicht erfasst. Aufgrund von Meldungen aus den Kantonen geht Neruda aber davon aus, dass sich Minus und Plus die Waage halten.

Der Berner Rechtsprofessor Jonas Weber hat letztes Jahr im Auftrag des Bundesamts für Justiz das Opferhilfegesetz durchleuchtet. Dabei fiel ihm in der Praxis der kantonalen Opferhilfestellen «ein neues Kostenbewusstsein auf. Man zahlt weniger schnell selber, sondern unterstützt die Opfer darin, das Geld aus anderen Quellen einzubringen.» Wenn der Täter oder eine Sozialversicherung zahlt, werde die Staatskasse entsprechend entlastet.

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Der Trend der sinkenden Entschädigungs- oder Genugtuungs­zahlungen bedeute nicht zwingend, dass die Opfer schlechtergestellt seien. Weitere Erkenntnisse aus Webers Evaluation folgen im ­kommenden Herbst.