Beobachter: Otto Piller, wie erklären Sie dem Mann auf der Strasse, dass eine Packung Aspirin Cadrio plötzlich 28 statt 17 Franken kostet?
Otto Piller: Ich verstehe, dass viele Leute das nicht begreifen. Umso wichtiger ist es, dass die Apotheker ihre Aufgabe wahrnehmen und ihr neues Preismodell erklären.

Beobachter: Wie würden Sie das Preismodell erklären?
Piller: Der Apotheker soll nicht mehr daran interessiert sein, teure Medikamente zu verkaufen, weil er bei höheren Preisen eine grössere Marge kassiert. Die alte Prozentmarge wurde auf ein Minimum für die Logistik reduziert. Dafür gibt es eine Beratungszulage, die bei allen Medikamenten gleich hoch ist. Weil wir das Modell zum Start kostenneutral umgesetzt haben, wurden die billigeren Medikamente teurer und die teureren billiger. Mit der Zeit soll dann ein Spareffekt eintreten.

Beobachter: Viele Leute ärgert aber, dass man angesichts der Kostenspirale im Gesundheitswesen überhaupt Medikamentenpreise erhöht.
Piller: Bei Medikamenten, die nicht von der Krankenkasse bezahlt werden, hat sich nichts geändert. Und die kassenpflichtigen Medikamente bezahlen die Leute in der Regel nicht selber.

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Beobachter: Ausser man ist selten krank oder hat eine hohe Jahresfranchise abgeschlossen. Ist das nicht ungerecht?
Piller: Nein, das ist es nicht. Wer sagt denn, dass Leute, die meistens gesund sind, nicht auch teure Medikamente brauchen? Wer nur einmal eine schwere Infektion hat, braucht vielleicht für 130 Franken Antibiotika. Und weil diese billiger sind als früher, spart die betreffende Person sogar Geld.

Beobachter: Die Apotheker berechnen die neue Beratungszulage auch bei Leuten, die seit Jahren das gleiche Medikament brauchen. Ist das nicht lächerlich?
Piller: Dieses Argument kann ich nachvollziehen. Wenn ich ein Auto will, bezahle ich auch keine Beratungszulage. Aber: Beim Autokauf kann ich das Produkt und den Verkäufer frei wählen. Im Gesundheitswesen funktioniert dieser Wettbewerb nicht. Deshalb mussten wir irgendwie den Anreiz brechen, dass immer teurere Medikamente verkauft werden.

Beobachter: Gibt es diese Tendenz überhaupt?
Piller: Die Medikamentenkosten sind im letzten Jahr um fast 350 Millionen Franken gestiegen. Die Apotheker sagen aber, dass die Menge der verkauften Packungen nicht massiv zugenommen hat. Das heisst: Es gibt einen Trend hin zu den teuren Medikamenten. Und gerade diese werden mit dem neuen Modell günstiger. Alle Experten erachten das neue Modell als einen Schritt in die richtige Richtung.

Beobachter: Apotheker sind angehalten, statt Originalprodukte günstigere Nachahmermedikamente zu verkaufen. Wird damit nicht das Vertrauen zum rezeptschreibenden Arzt untergraben?
Piller: Nein, denn wir müssen überall ansetzen. Mit einer Kampagne müssen die Ärzte aufgefordert werden, mehr Generika zu verschreiben. Anderseits ist der Apotheker im Umgang mit pharmazeutischen Produkten die am besten ausgebildete Person.

Beobachter: Böse Zungen sagen, die Hauptaufgabe der Apotheker sei es, die Schrift der Ärzte auf den Rezepten zu entziffern. Braucht es überhaupt Apotheker?
Piller: Ich wehre mich für diesen Berufsstand. Ich bin sogar der Ansicht, die Apotheker müssten eine wichtigere Rolle übernehmen.

Beobachter: Was heisst das?
Piller: Es ist nicht sinnvoll, dass die Leute mit jedem «Bobo» zum Arzt rennen. Bei leichtem Kopfweh oder einem Schnupfen kann auch der Apotheker weiterhelfen.

Beobachter: Das neue Preismodell soll mittelfristig die Medikamentenkosten um 200 Millionen Franken pro Jahr senken. Was tun Sie, wenn dieser Effekt ausbleibt?
Piller: Der Piller Otto kann in seiner Funktion höchstens Vorschläge machen – handeln müssten der Bundesrat und das Parlament. Ich gehe davon aus, dass wir in rund einem Jahr sehen, ob die Änderung der Anreize etwas bewirkt. Sollte das nicht der Fall sein, muss man sich erneut überlegen, ob die ambulanten Kosten nicht doch mit einem Globalbudget nach oben beschränkt werden müssten.