1989 begann der Thurgauer Jugendliche eine Ausbildung bei einem 40 Jahre älteren Naturheilarzt und Physiotherapeuten. Bei einer Übernachtung in dessen Haus kam es schon bald zu sexuellen Handlungen des Mannes am damals noch nicht 16-Jährigen.

Dem Naturheilarzt gelang es auch, das Vertrauen der Eltern zu gewinnen: Er brachte sie dazu, ihm die Praxis für ihren Sohn abzukaufen. Doch auch als Eigentümer der Praxis stand der Lehrling in Abhängigkeit zum Ausbildner, von dem der junge Mann sagt, er habe ihm nur Patienten zugewiesen und Rezepturen preisgegeben, wenn er sich sexuell gefügig gezeigt habe. Es dauerte fünf Jahre, bis sich der Lehrling aus dieser Beziehung lösen konnte. Und erst Ende 1999 war er so weit, Strafanzeige gegen den früheren Lehrmeister einzureichen.

Es folgte ein juristisches Trauerspiel sondergleichen. Nachdem das Verhörrichteramt nicht einmal eine Strafuntersuchung einleiten wollte, weil es die Taten als verjährt betrachtete, reichte der Anwalt des Opfers Beschwerde ein. Doch sowohl das kantonale Untersuchungsrichteramt als auch die Anklagekammer lehnten diese ab. Es brauchte das Veto des Bundesgerichts, um die Thurgauer Justiz zum Handeln zu bringen. Als «treuwidrig und überspitzt formalistisch» rügten die Lausanner Richter das Trödeln der Instanzen.

Also musste sich die Thurgauer Anklagekammer erneut mit dem Fall befassen, wies indes die Beschwerde des Opfers wieder zurück – dreieinhalb Jahre nach Einreichen der Strafanzeige. Durch das Zeitspiel stand nur noch zur Debatte, ob der Angeklagte sein Opfer sexuell genötigt habe. Alle andern Taten waren verjährt.

Die Anklagekammer behauptete, der Naturheilarzt habe mit dem Opfer eine «homosexuelle Beziehung» gehabt, ohne «psychischen Druck» ausgeübt zu haben. Der Lehrling hätte sich ohne weiteres aus der Beziehung lösen können. Das Bundesgericht übte wiederum massive Kritik an der Vorinstanz: Die Argumentation sei «mangelhaft», da eine Abhängigkeit keineswegs auszuschliessen sei.

Nun liegt der Fall wieder bei der Thurgauer Justiz – fünf Jahre nach der Strafanzeige. Der St. Galler Anwalt des Opfers, Markus Schultz: «Ich habe noch keinen Fall erlebt, bei dem die Behörden so unsensibel reagiert haben.» Sollten die Thurgauer den Fall zu den Akten legen, würde er – je nach Begründung – ein drittes Mal ans oberste Gericht gelangen.

Der junge Mann ist heute noch in psychotherapeutischer Behandlung, muss mit Medikamenten leben und hat keine Arbeit. Laut einem ärztlichen Gutachten wurde er durch den jahrelangen Missbrauch «schwer traumatisiert und invalidisiert».

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