Gabriella Pichert macht sich Sorgen. Die Oberärztin arbeitet am Zürcher Universitätsspital mit Leuten, die in der Familie eine vererbte Krebsart haben – zum Beispiel Brustkrebs. Bis jetzt schickte Gabriella Pichert Blutproben von Betroffenen in ein Labor nach Genf. Wie lange das noch möglich ist, steht nicht fest: Am 23. Mai erhielt die US-Gentechfirma Myriad zwei Patente auf das Brustkrebs-Gen BCRA1, gültig für ganz Europa.

Das könnte Folgen haben: Kaum hatte Myriad das Patent für die USA in der Tasche, teilte die Firma den Labors in den Staaten mit, sie hätten ihre Untersuchungen sofort einzustellen und fortan den Test von Myriad zu verwenden – doch der ist doppelt so teuer. «Das droht jetzt auch in der Schweiz», sagt Gabriella Pichert. «Wenn diese Praxis einreisst, betrifft das bald nicht nur Menschen mit einer vererbten Neigung zu Krebs, sondern auch solche mit anderen Krankheiten.»

Die Befürchtungen der Ärztin sind berechtigt, denn der Ausverkauf des menschlichen Körpers läuft auf Hochtouren. Pharma- und Gentechunternehmen sicherten sich in den letzten Jahren Tausende von Patenten für menschliche Genomsequenzen, Zellen und Proteine. Die englische Zeitung «The Guardian» förderte zutage, dass bereits 9300 Patente erteilt wurden. Tausende von weiteren Anträgen sind hängig: Allein am Europäischen Patentamt (EPA) in München, das für die Patenterteilungen in ganz Europa (inklusive Schweiz) zuständig ist, werden jeden Monat rund 40 neue Anträge auf Lebewesen eingereicht.

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Der Profit ist das höchste Ziel
Der Grund: Ein Patent verleiht dem Inhaber während 20 Jahren das Monopol auf seine Erfindung. Während dieser Zeit darf der Erfinder andere daran hindern, damit ohne sein Einverständnis Geld zu verdienen. Er kontrolliert somit sämtliche Anwendungen, die daraus entwickelt werden. Nach Ansicht der Pharmaindustrie ist auch ein isoliertes Gen eine Erfindung. Wer also etwas mit dem patentierten Gen anfangen will – beispielsweise ein Medikament herstellen –, muss dem Patentinhaber Lizenzgebühren zahlen. Dabei sind Millionenbeträge im Spiel.

Der Run auf die «Geldquelle Mensch» begann vor gut zehn Jahren. Damals startete der Forschungsverbund HUGO mit der Entschlüsselung menschlichen Erbguts. Die Hoffnung der Genetiker: mit dem neuen Wissen unheilbare Krankheiten besiegen. Doch schnell erkannten geschäftstüchtige Wissenschaftler den gigantischen Markt, der dahinter steckt. Innert kurzer Zeit schossen Gentechunternehmen aus dem Boden und veranstalteten einen regelrechten Wettkampf. Das Ziel: die Monopolisierung von möglichst vielen Gensequenzen. Die Waffe: das Patent.

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Die mit öffentlichen Geldern finanzierten HUGO-Forscher machten ihre Entdeckungen im Internet allgemein zugänglich. Nicht so private Firmen wie Incyte, Millennium Pharmaceuticals oder Human Genome Sciences (HGS). Sie meldeten die entdeckten menschlichen Bausteine zum Patent an. Und seither ist vor der Patentierwut der Industrie nichts mehr sicher.

Längst nicht alle diese Firmen wollen aber Medikamente entwickeln. Einige verkaufen die Patentlizenzen für teures Geld an zahlungskräftige Pharmakonzerne. Dabei steht nicht der Patient im Vordergrund, sondern der Profit. Nicht weniger als 767 Millionen Franken lässt sich etwa die Firma Bayer die Nutzung des Gendatenmaterials der Firma Millennium kosten. Auch Schweizer Pharmamultis haben solche Verträge: Roche mit der Firma Incyte und Novartis mit der Firma Celera. Wie viel das kostet, will in Basel keiner verraten.

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Die Schweizer Pharma- und Biotechnologiefirmen mischen im Geschäft mit den Patenten kräftig mit. Eine Recherche des Beobachters am Europäischen Patentamt in München bringt es an den Tag: Der Pharmariese Roche zum Beispiel hat über 50 Gene zur Patentierung angemeldet, die entweder den Menschen oder ein Tier betreffen. Mindestens zehn Patente sind inzwischen schon erteilt.

«Im Verhältnis zu andern in der Branche haben wir wenig Genpatente», sagt Klaus Lindpaintner, Leiter der Abteilung Genetics bei Roche. Das trifft zwar auf das Mutterhaus in Basel zu. Nur: Roche besitzt die Aktienmehrheit am Biotechnologieunternehmen Genentech, das weltweit zu den Grössten im Patentbusiness zählt.

Ausserdem ist Roche in ein höchst umstrittenes Genprojekt involviert: Die isländische Firma Decode ist dabei, die Gendaten der gesamten isländischen Bevölkerung zu erfassen und kommerziell auszuwerten. In diesem Jahr hat Decode bereits ein Patent auf ein Gen beantragt, das für krankhafte Schlafanfälle zuständig ist. Für das exklusive Nutzungsrecht an diesen Genen der Isländer zahlt Roche alles in allem 330 Millionen Franken.

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Auch die Konkurrenz lässt sich nicht lumpen. Der Novartis-Konzern und seine Tochterfirmen haben laut eigenen Angaben bereits rund 120 Genpatente angemeldet – 20 davon sind schon erteilt. Dazu kommen mindestens 100 Anträge der Firma Chiron, an der Novartis ebenfalls eine Beteiligung hält. Die Beobachter-Recherchen in München zeigen, dass Novartis auch in diesem Jahr aktiv war: Der Multi hat ein Asthma-Gen angemeldet. Konrad Becker, Leiter der Patentabteilung von Novartis: «Wir melden die Patente an, um gegenüber der Konkurrenz einen Vorsprung zu erringen».

Ärzte kritisieren Pharmamultis
Angesichts der Goldgräberstimmung streiten sich Experten über die Frage: Darf man menschliche Gene patentieren? «Ohne diese Patente wäre Forschung gar nicht möglich. Und es gäbe zudem keine neuen Medikamente mehr», sagt Thomas Cueni von der Interpharma, dem Branchenverband der Schweizer Pharmaindustrie. «Das ist nicht anders, als wenn man eine mechanische Erfindung patentieren lässt.»

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Anders sieht das Florianne Koechlin, Leiterin der Schweizer Koordination «Kein Patent auf Leben». «Das ist unethisch», sagt die Biologin, «es kann einfach nicht sein, dass Teile des menschlichen Körpers von ein paar wenigen Weltkonzernen kontrolliert werden.»

Solche Argumente werden von Pharmavertretern als romantische Gefühlsduselei belächelt. Eine Gensequenz mache doch noch keinen Menschen aus. Nur: Inzwischen sind es längst nicht mehr bloss die Umweltorganisationen, die der Patentiererei kritisch gegenüberstehen. «Es ist wenig überzeugend, wenn man das Patentrecht für mechanische Objekte eins zu eins auf sich selbst reproduzierende Lebewesen respektive deren Gene überträgt», kritisiert der prominente Gentechbefürworter Klaus Ammann, Direktor des Botanischen Gartens in Bern.

Der Weltärzteverband fordert, Gene von der Patentierung auszuschliessen. Und namhafte Wissenschaftler wie der Genforscher und Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Ernst-Ludwig Winnacker, sind überzeugt, dass das Patentieren von menschlichen Genen die Forschung nicht fördert, sondern behindert.

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Denn oft haben die Patentinhaber keine Ahnung, wofür das Gen gut ist. So meldete die Firma HGS 1995 den CCR5-Rezeptor zum Patent an – ohne zu wissen, welche Rolle diese Erbanlage spielt. Ein Jahr später fanden andere Wissenschaftler heraus, dass der Rezeptor das Eindringen von HI-Viren in menschliche Zellen beeinflusst. Doch obwohl die Aufklärung dieser Funktion die grössere intellektuelle Leistung war, darf allein die Patentbesitzerin HGS über die Entwicklung und Vermarktung neuer Aidsmedikamente auf der Basis dieses Rezeptors bestimmen.

Wer das Patent hat, besitzt Macht
Wer hat da überhaupt noch Lust zu forschen? Die Aussicht auf jahrelange Rechtshändel kann kleine Forschungsteams und Firmen abschrecken, ihre vielversprechenden Therapieansätze weiterzuverfolgen. Bereits heute muss ein Hersteller für eine neu entwickelte Arznei acht bis zehn Erfindungen von Dritten berücksichtigen und entsprechend Lizenzgebühren zahlen.

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Kommt hinzu, dass manche Patente extrem weitreichend sind. So sicherte sich die Firma Myriad neben einer Brustkrebs-Gensequenz in allen Mutationen auch die daraus codierten Proteine sowie das Recht auf Diagnose, Therapie und das Testen neuer Arzneimittel; zudem auf sämtliche Zellen und Tiere, in die das Gen übertragen wird.

Im Klartext: Myriad besitzt in der Heilung und Erforschung der erblichen Variante von Brustkrebs das Monopol. Wissenschaftler gehen sogar davon aus, dass das gleiche Gen auch an der Entstehung von Dickdarm- und Prostatakrebs beteiligt ist. Das weltweit anerkannte Krebsforschungszentrum Curie in Paris hat deshalb das Patent angefochten. Unterstützt wird Curie vom Europäischen Parlament.

Die Schweizer Forscher beschäftigen sich erst punktuell mit der Thematik. «Der Fall Myriad hat uns aufgeschreckt», sagt Suzanne Braga von der Schweizerischen Gesellschaft für medizinische Genetik. «Wir müssen uns des Themas intensiver annehmen.» Eine gute Idee. Denn spätestens im Januar will der Bundesrat die Revision des Patentgesetzes in die Vernehmlassung schicken. Kernpunkt ist die Umsetzung der EU-Richtlinie «Rechtlicher Schutz biotechnologischer Erfindungen». Das ist just jene Richtlinie, die in Europa immer stärker auf Kritik stösst.

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Die Richtlinie hält zwar fest, dass die Patentierung menschlicher Elemente verboten ist. Aber: Die Patentierung von isolierten menschlichen Elementen ist erlaubt. Ausserdem trickst die Richtlinie den Begriff «Erfindung» aus: Eigentlich gelten Patente nur für echte Erfindungen, zum Beispiel für eine neue Maschine. Da es aber schwer erklärbar ist, weshalb ein Gen die Erfindung eines Pharmakonzerns sein sollte, wurde der Text so formuliert, dass nun auch patentiert werden kann, was ein Forscher entdeckt – sofern er dafür einen kommerziellen Nutzen nennen kann.

Das Europäische Parlament stimmte der Richtlinie 1998 nach einem massiven Lobbying der Industrie zu. Bis im Sommer 2000 hätte sie von den einzelnen EU-Staaten umgesetzt werden müssen. Doch das ist bis heute in vielen Ländern nicht passiert. Offensichtlich dämmerte es inzwischen mehreren Staaten, welche Konsequenzen die Umsetzung hat. Italien, Holland und Norwegen reichten gegen die Richtlinie am Europäischen Gerichtshof gar eine Klage ein. Und auch Europarat und Unesco kritisierten die Patentierung von Lebewesen wiederholt und heftig.

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Nichtsdestotrotz hält sich das Europäische Patentamt in München stur an die umstrittene Richtlinie. Zwar betonen die Patentprüfer in München immer wieder, dass die Grenze zur Patentierung ganzer Menschen nicht überschritten werden dürfe. So sei es etwa verboten, menschliche Ei- und Samenzellen zu manipulieren. Doch regelmässig fördern patentkritische Organisationen bei ihren Recherchen Patente an den Tag, die gerade gegen diese Grundsätze verstossen. Allein im Jahr 2000 wurden rund zwölf Anträge gezählt, in denen unter anderem menschliche Embryonen und Eingriffe in die menschliche Keimbahn patentiert werden sollen. Dazu kommen unzählige Anmeldungen, in denen der Mensch zwar nicht ausdrücklich genannt wird, die aber so formuliert sind, dass sie den Menschen mit einschliessen.

Beispiel Geschlechtszellenmanipulation: Bei einem patentierten Verfahren der Universität Edinburgh werden Ei- und Samenzellen von Säugetieren manipuliert – ein gentechnischer Eingriff, der sich auch auf alle nachfolgenden Generationen auswirkt. Vordergründig geht es zwar um Nutztiere, in der Patentschrift aber wird der Mensch ausdrücklich mit einbezogen.

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Beispiel Mischwesen: Die australische Firma Amrad, die mit der Schweizer Gentechfirma Serono einen Zusammenarbeitsvertrag unterhält, hat ein Patent auf ein Mischwesen erhalten, wobei laut Patentschrift «die tierischen Embryos von Mäusen, Vögeln, Schafen, Schweinen, Rindern, Ziegen oder Fischen stammen und die embryonalen Stammzellen von Menschen, Mäusen, Vögeln, Schafen, Schweinen, Rindern, Ziegen oder Fischen».

Beispiel Klon: Die schottischen Schöpfer des Klonschafs Dolly haben ein Patent fürs Klonen beantragt, das sich auf alle Säugetiere erstreckt, inklusive Mensch. Das Patent deckt nicht nur das Verfahren ab, sondern auch die dadurch erzeugten Klone selber. In Grossbritannien wurde das Patent Ende 2000 bereits erteilt.

Schweizer an zentralen Stellen
«Es ist haarsträubend und absolut verantwortungslos, was die Patentprüfer alles durchgehen lassen», ärgert sich Bruno Heinzer von Greenpeace Schweiz. Doch beim EPA ist man immun gegen Kritik. «Wir sind keine Ethikkommission», sagt Pressesprecher Rainer Osterwalder. «Wir führen nur aus, was in der Richtlinie steht.» Kurz: Die Patentrechtler in München scheren sich nicht um ethische Fragen.

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Eine Änderung der Patenterteilungspraxis steht nicht zur Diskussion – im Gegenteil: Nachdem der Europäische Gerichtshof Anfang Oktober die Klage Italiens gegen die Richtlinie abgelehnt hat, fühlt man sich in München bestätigt. Dass das Europäische Parlament die Patentprüfer zur gleichen Zeit aufforderte, die Praxis grundsätzlich zu überdenken, interessiert weniger: «Wir sind keine EU-Institution, und daher hat die Resolution auch keine bindende Wirkung für uns», sagt Pressesprecher Osterwalder.

Pikant ist, dass ausgerechnet Schweizer am EPA eine zentrale Rolle spielen: Roland Grossenbacher, der Direktor des Schweizer Patentamts (IGE), ist gleichzeitig Verwaltungsratspräsident der Europäischen Patentorganisation. Und Peter Messerli, der früher ebenfalls im IGE arbeitete, ist heute Vorsitzender der Grossen Beschwerdekammer in München. Gräbt man in den Schweizer Zeitungsarchiven, fällt auf, dass sich sowohl Messerli als auch Grossenbacher seit je für ein ausgesprochen industriefreundliches Patentrecht eingesetzt haben.

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Entsprechend tönt es denn auch aus dem Justizdepartement von Bundesrätin Ruth Metzler, wo das IGE angegliedert ist. In der Antwort auf eine Interpellation von SP-Nationalrat Hans Widmer beispielsweise brauchte der Bundesrat haargenau die gleichen Worte wie die Patentprüfer in München: «Die Patentbehörde ist keine Ethikkommission.» Das kommt uns doch bekannt vor.