Alles war bereits bezahlt. Der gemischte Chor Rupperswil freute sich letzten August auf seine Vereinsreise in die Toskana. Auf dem Programm stand ein Besuch der Puccini-Festspiele in Torre del Lago. Eine Woche vor der Abreise dann der Schock: Das Reisebüro Vögtli-Reisen AG sagte die Reise wegen «Liquiditätsmangels» ab und meldete Konkurs an.

Bis heute wartet der Chor Rupperswil auf sein Geld: Gut 22'000 Franken der 30 Mitglieder sind ausstehend und werden es wohl auch bleiben, denn Vögtli-Reisen hatte keine Kundengeldabsicherung. «Mein Mann und ich hatten uns so engagiert für die Reise», sagt Heidi Küffer, die den Ausflug organisiert hatte. «Wir sind sehr traurig.»

So dürfte es einigen gehen. Denn nach wie vor geschäften viele Reisebüros illegal. «600 der rund 2200 Reisebüros haben keine Kundengeldabsicherung», sagt Walter Kunz, Geschäftsführer des Schweizerischen Reisebüroverbands (SRV). Eine erschreckend hohe Zahl. Dabei schreibt das Pauschalreisegesetz (PRG) seit 1994 vor, dass Reiseveranstalter das Feriengeld der Kunden absichern müssen.

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Wieso foutieren sich so viele Reisebüros um das Gesetz? Der Beobachter fragte bei 20 unversicherten Reisebüros nach (siehe «Reisebüro-Stichprobe»). Rolf Metz, Experte für Reiserecht, kommentiert die häufigsten Ausreden:

  • «Wir verkaufen keine Pauschalreisen.» Das Reisebüro Gutmann Travel in Zürich verzichtet wie viele andere auf die Reisegeldabsicherung, weil es meistens nur Flüge und kaum Pauschalreisen verkaufe. Tatsächlich gilt das PRG nur, wenn ein Anbieter ein Reisepaket oder zwei unterschiedliche Einzelleistungen, zum Beispiel Flug und Unterkunft, zu einem Gesamtpreis verkauft. Doch praktisch jedes Reisebüro kommt irgendwann einmal in diese Lage. «Die meisten veranstalten mehrmals jährlich Pauschalreisen», so Metz.

  • «Wir sind zu klein, eine Versicherung lohnt sich nicht.» Dazu meint Metz: «Das Gesetz schützt die Konsumenten. Kann sich ein Reisebüro die Sicherstellung nicht leisten, muss es auf den Verkauf solcher Reisen verzichten.»

  • «Eine Reise buchen ist Vertrauenssache.» «Wir verkaufen nur Produkte von seriösen Anbietern», sagt etwa Jorge Alonso von Solymar Reisen in Basel. «Die Kunden vertrauen uns auch ohne Versicherung.» Ein Argument, das für Rolf Metz nicht zählt: «Das Gesetz schreibt die Sicherstellung der Gelder klar vor, es fragt nicht nach Kundenvertrauen.»

  • «Wir haben eine eigene Kundengeldabsicherung.» Die Castell Reisen & Vertriebs AG in Näfels beispielsweise sichert ihre Gelder mit einem eigenen notariell verwalteten Fonds ab. Das würde den Reisenden im Ernstfall jedoch herzlich wenig nützen: «Solche Fonds wären Teil der Konkursmasse», erläutert Metz, «deshalb sind sie keine Garantie.»

Keine Strafen vorgesehen
Selbst neun Jahre nach der Einführung des Pauschalreisegesetzes bringen zahlreiche Reisebüros solche Ausflüchte vor – ohne Konsequenzen. Denn das Gesetz verlangt zwar eine Reisegarantie, kennt aber bei Zuwiderhandlung weder Strafen noch Sanktionen. «Der Bundesrat hatte damals Strafbestimmungen im Gesetz vorgesehen. Das Parlament hat diese aber vollumfänglich abgelehnt», sagt Giacomo Roncoroni vom Bundesamt für Justiz. Er glaubt nicht, dass sich an dieser Haltung etwas geändert hat. «Wir zählen weiterhin auf die Selbstverantwortung der Reisebranche, damit haben wir gute Erfahrungen gemacht.»

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Doch die Branche schaffte es bisher nicht, die Sünder zu bekehren. Walter Kunz vom SRV fordert einen Bussenkatalog: «Wir brauchen ein Instrument, um Säumige strafen zu können.» Ins gleiche Horn stösst auch Reiserechtsexperte Metz: «Es kann nicht sein, dass der Bund ein Gesetz erlässt, dessen Durchsetzung aber nicht unterstützt.» Zum Beispiel müsste man sich überlegen, ob Reisebüros ohne Versicherung wegen unlauteren Wettbewerbs verklagt werden könnten.

Zumindest werden jetzt die grossen Reiseveranstalter aktiv. «Die Lage hat sich zugespitzt», sagt Hans-Peter Nehmer von der Hotelplan-Gruppe. «Wir mussten uns von einer Hand voll nicht versicherter Reisebüros trennen.» Ähnlich tönt es auch bei Kuoni. Die Marktleader verstärken den Druck auf die Reisebüros: Nur wer versichert ist, kann heute mit Kuoni oder Hotelplan zusammenarbeiten.

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Diese Massnahme scheint Wirkung zu zeigen: Der Garantiefonds der Schweizer Reisebranche verbucht massiv mehr Beitrittsgesuche – statt wie üblich rund 25 pro Jahr wurden letztes Jahr 105 neue Mitglieder aufgenommen.

Der Schweizerische Reisebüroverband springt auf den Zug: Im Mai wird an einer ausserordentlichen Generalversammlung abgestimmt, ob SRV-Mitglieder nur noch versicherte Büros beliefern dürfen. «Ich schätze, dass wir damit durchkommen», meint SRV-Geschäftsführer Walter Kunz. «Das ist ganz im Sinne der Konsumenten», so Nicolas Oetterli, Ombudsmann der Schweizer Reisebranche.

Rücktritt vom Vertrag möglich
Doch längst nicht alle Reisebüros sind Mitglied beim SRV. Also werden sich wohl auch in Zukunft viele Reiseveranstalter nicht an diese Vorschriften halten und vom zahnlosen PRG profitieren.

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Der Vögtli-Geschädigten Heidi Küffer war die ganze Geschichte eine Lehre: «Heute frage ich immer nach, ob das Reisebüro auch eine Reisegarantie hat. Sonst buche ich nicht.» Das ist der einzige Weg, wie sich Kundinnen und Kunden absichern können, damit aus dem Ferientraum kein Albtraum wird. «Auf Verlangen des Konsumenten muss der Veranstalter die Sicherstellung nachweisen. Erbringt er diesen Nachweis nicht, so kann der Konsument vom Vertrag zurücktreten» – so stehts im Pauschalreisegesetz.