Kontrastmittel sind ein Segen für die Mediziner und die Patienten, aber extrem teuer: Die Spitäler geben für sie jährlich 40 Millionen Franken aus. Erst das Kontrastmittel macht den Tumor fürs Auge erkennbar. Doch während die Röntgenaufnahmen deutliche Befunde zulassen, läuft in manchen Spitälern der Einkauf der jodhaltigen Präparate höchst undurchsichtig ab.

Nicht die Spitalapotheker, wie sonst bei Medikamentenbestellungen üblich, sondern die Radiologen selbst verhandeln mit der Pharmaindustrie über den Einkaufspreis. So läuft es etwa im Berner Zieglerspital, im Bürgerspital Solothurn oder im Berner Tiefenau-Spital. Warum das so ist, weiss niemand so genau. «Die Radiologen sind ein kleines Grüppchen, das traditionellerweise enge Kontakte zur Pharmaindustrie hat», sagt eine Szenekennerin, die unerkannt bleiben will.

Ganz geheuer ist es dabei vielen Spitälern längst nicht mehr. Denn hinter vorgehaltener Hand wird schon lange gemunkelt, dass die Ärzte mit den Kontrastmittelherstellern verbotene Geschäfte abwickeln. Dieser Verdacht bestätigt sich jetzt in Offerten von Firmen, die sich an Chefärzte richten. In den dem Beobachter vorliegenden Briefen bieten die Hersteller Röntgenkontrastmittel an und machen den Ärzten darüber hinaus sehr verlockende Angebote. Die Firma Amersham Health AG – eine der grössten der Branche – verspricht den Radiologen bei Handelseinigkeit unverblümt: «Wir sind zudem bereit, Sie mit Verbrauchsmaterial wie Druckzylindern, Ventilen, Spritzen und Druckschläuchen kostenlos zu beliefern.»

«Solche Zusatzangebote sind gemäss Artikel 33 des Heilmittelgesetzes verboten. Sie schlagen sich nicht im Einkaufspreis nieder», meint Preisüberwacher Rudolf Strahm. Amersham-Geschäftsführer Daniel Traar sagt dazu: «Das Gesetz lässt Rabatte unter gewissen Voraussetzungen zu. Die von uns offerierte Zusatzleistung wäre Teil eines Dienstleistungsvertrags mit dem Spital und finanziell unbedeutend gewesen. Das Spital entschloss sich jedoch für ein Konkurrenzprodukt.»

Das Spital weiss von nichts
Dokumente zeigen, dass auch die Firma Schering Schweiz AG mit Spitalärzten fragwürdige Geschäfte abwickelt. So überlässt sie Chefärzten zum Beispiel einen Injektomaten – kostenlos. Mit dem Gerät können Ärzte die Kontrastmittel ins Blut der Patienten einleiten. Kostenpunkt der Apparatur: über 4000 Franken. Auch dieses Angebot sei verboten, sagt ein vom Beobachter hinzugezogener Pharmajurist und Heilmittelgesetz-Experte, der unerkannt bleiben will.

Schering schreibt den Ärzten zwar, sie müssten «über die Erfahrungen und den Einsatz des Geräts» berichten – als müssten die Ärzte quasi als Gegengeschäft den Apparat wissenschaftlich testen. Dazu der Heilmittelgesetz-Experte: «Solche Gegengeschäfte dürfen nicht mit der Lieferung von Kontrastmitteln gekoppelt werden, quasi als verkappte Vergünstigung.» Schering-Direktor Daniel Baumgartner sagt, sämtliche Vereinbarungen mit Kunden würden «systematisch von unseren Rechtsberatern hinsichtlich Form, Transparenz und Inhalt» geprüft. Baumgartner ist sich deshalb sicher, «dass hier kein Verstoss gegen das Heilmittelgesetz vorliegt».

In manchen Spitälern werden Gelder zwischen den Röntgenärzten und den Pharmafirmen hin- und hergeschoben – ohne dass die Spitaldirektion davon weiss. Das Vorgehen habe System, sagt Enea Martinelli, bis vor kurzem Präsident der Schweizer Spitalapotheker. Martinelli, selbst Spitalapotheker, musste im Spital in Interlaken gemeinsam mit den Radiologen die Geschäftspraktiken durchleuchten: «Wir haben seither ein transparentes System, das dem Gesetz standhält.»

Gefängnis bis zu sechs Monaten droht
Das sei nicht überall so. Enea Martinelli beschreibt, wie die fragwürdigen Deals ablaufen: «Ärzte handeln mit einem Kontrastmittelhersteller einen Rabatt aus. Das Spital erfährt davon nichts und überweist in der Folge der Firma den vollen Rechnungsbetrag.» Die Firma erstatte darauf hinterrücks den gewährten Rabatt zurück an die Ärzte: «Das Geld fliesst aber nicht etwa auf ein Konto des Spitals, sondern in einen Fonds der Radiologen. Oder es wird auf einem Konto des Kontrastmittelherstellers selbst parkiert», erklärt Spitalapotheker Martinelli.

Aus diesen schwarzen Kassen heraus finanzieren die Radiologen laut Martinelli eigene Weiterbildungen und neue Geräte. Stossend für ihn ist, dass die Höhe der Vergünstigungen umsatzabhängig ist. «Je mehr Kontrastmittel die Ärzte bestellen, umso mehr Geld fliesst in die Kassen.»

Firmen, die solche unzulässigen, so genannten geldwerten Vorteile anbieten, machen sich gemäss Artikel 33 des Heilmittelgesetzes strafbar. Für den Preisüberwacher Rudolf Strahm verstossen aber auch die Ärzte gegen das Heilmittelgesetz: «Fonds und Ähnliches sind grundsätzlich verboten.» Überdies liege ein Verstoss gegen das Krankenversicherungsgesetz vor. Denn Spitäler müssen Rabatte an die Krankenkassen und damit an die Prämienzahler weitergeben.

Für den vom Beobachter zugezogenen Pharmajuristen steht fest: «Ärzte machen sich der Bestechung schuldig, wenn sie verbotene Vergünstigungen annehmen.» Den Ärzten drohen Bussen bis zu 100'000 Franken oder Gefängnis bis zu sechs Monaten.

Die Strafverfolgung ist Sache der Heilmittelkontrollstelle Swissmedic. Zurzeit laufe ein einziges Verfahren im Zusammenhang mit Kontrastmitteln, sagt Andreas Balsiger, Leiter des dortigen Rechtsdienstes. Zu einem rechtskräftigen Urteil ist es noch nicht gekommen.

Auf dem Buckel der Prämienzahler
Dies kann den Radiologen (Jahreseinkommen: über 400'000 Franken) und der Pharmaindustrie recht sein. Doch für die Krankenkassen und die Prämienzahler bedeuten die intransparenten Geschäfte einen finanziellen Mehraufwand. «Wenn die Radiologen einkaufen, geben allein drei Waadtländer Spitäler jährlich insgesamt 145'000 Franken zu viel aus», sagt Georges Zelger von der Zentralapotheke Nord-Waadtland, die Spitäler mit Medikamenten versorgt.

Um diese unnötigen Mehrkosten zu ermitteln, holte Zelger Offerten für Kontrastmittel ein und verglich sie mit bereits bezahlten Rechnungen. Doch die verantwortlichen Spitalärzte zeigten sich nicht kooperativ. Die Spitaldirektion musste intervenieren, um an die Rechnungen heranzukommen. Zelgers Fazit: «Würden die Radiologen nicht wie bisher unabhängig bei verschiedenen Firmen, sondern zentral über die Apotheke und beim gleichen Anbieter einkaufen, könnten sogar gegen 200'000 Franken eingespart werden.»

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