«Die Polizei findet, wir hätten im Park nichts zu suchen, und jagt uns ohne Grund weg», erzählt Andre. Der schlacksige Junge hockt rittlings auf einer Banklehne und blickt genervt in die Runde. «Wenn wir uns nicht dünn machen, setzt es eine Busse ab», ergänzt sein Freund Steve. Vor kurzem kamen drei Uniformierte: Wenn er in einer Stunde noch im Park angetroffen werde, drohten sie, habe er eine Anzeige am Hals.

Steve blieb. Und fasste bei der nächsten Polizeikontrolle eine Busse von 130 Franken: «Einfach nur, weil ich da war.» Er zerquetscht eine Zigarettenkippe mit dem Absatz und sagt: «Das lasse ich mir nicht gefallen. Die vertreiben mich nicht. Und wenn sie mich wieder büssen.»

Es ist ein sonniger Herbstabend in der Elisabethenanlage vor dem Basler Bahnhof. Eine Hand voll Jugendlicher hält sich im Park auf. Die Stimmung ist friedlich, man sitzt oder steht herum, raucht Zigaretten, vielleicht einen Joint, eine junge Frau spielt mit ihrem Hund. Der zentral gelegene Garten ist ein beliebter Treffpunkt der Kids. Viele schauen nach der Arbeit rasch vorbei. Darunter auch ein paar Punks, jeder mit seinen eigenen Problemen. Einige hängen fast den ganzen Tag im Park oder in der nahen Unterführung herum, mischeln etwas Münz, trinken ihr Bier.

Herumgescheucht wie Vieh
Seit ein paar Wochen jedoch markiert die Polizei vermehrt Präsenz, macht Kontrollen, schickt die jungen Leute weg, verteilt Bussen. «Manchmal musst du alle zwei, drei Stunden deinen Ausweis zeigen und die Säcke leeren», ärgert sich Andre. «Reine Schikane» sei das, eine Art «psychologische Kriegsführung».

Der dauernde Stress mit der Polizei verleidet dem Lehrling, der nicht nur so aussieht wie ein netter, wohlerzogener Junge, sondern sich auch so verhält. «Statt in Frieden meinen Feierabend geniessen zu können, werde ich ständig belästigt und fortgejagt.» Etliche der Jungen meiden mittlerweile den Park. «Wir werden herumgescheucht wie Vieh», sagt Thomas. Er bezieht eine IV-Rente und kann sich eigentlich keine weitere Busse leisten. Trotzdem ist er hier: «Wir können uns ja nicht einfach in Luft auflösen.»

In einem Bogen passieren Geschäftsleute mit Krawatte und Aktenmappe das Grüppchen, vereinzelt gibt es herablassende Blicke. Markus spuckt seinen Kaugummi aus und setzt ein breites Grinsen auf: «Das sind jetzt wohl jene, die die Polizei rufen, weil sie sich durch unsern Anblick gestört fühlen.» Dann wird er ernster. Es heisse immer, die Öffentlichkeit wolle sie nicht hier haben. «Aber ich zähle auch zur Öffentlichkeit. Ich arbeite den ganzen Tag auf dem Bau und bezahle wie andere meine Steuern.» Das Ganze sei «eine Frechheit», ereifert sich Daniela und pfeift ihren Hund zurück, der gerade im Begriff ist, eine Blumenrabatte umzubuddeln.

Sie nimmt einen kräftigen Schluck Bier aus der Dose. Es gebe ja auch ältere «Alki» hier, sagt sie, aber: «Ich bin anscheinend weniger wert. Auf mich geht man los.» Zum Beweis kramt sie ihren Bussbescheid aus der Jeansjacke. Die Anklage ist pauschal abgefasst. Seit einiger Zeit, heisst es da, seien bei der Polizei teils massive Beschwerden gegen die Ansammlung von Leuten in der Elisabethenanlage eingegangen: «Diese halten sich hier immer wieder über längere Zeit auf und lassen sich dabei nieder… Die Leute fallen der Öffentlichkeit insbesondere dadurch auf, dass sie immer in Gruppen auftreten… Die meisten halten Flaschen oder Dosen in der Hand oder haben diese in einer Vielzahl um sich herum abgestellt. In der Regel werfen sie dann Abfälle zu Boden.»

Anzeige

Die Polizei sieht sich verpflichtet, gezielte Aktionen durchzuführen, um «Ruhe und Sicherheit» wieder herzustellen. Die Jugendlichen werden alle «unmissverständlich weggewiesen, mit der Anordnung, dass sie sich nicht mehr in dieser Form und zu diesem Zweck in der Anlage aufzuhalten haben».

Sie stützt sich dabei meistens auf Paragraph 16 des Ubertretungsstrafrechts, der auf «Diensterschwerung und Nichtbefolgen polizeilicher Anordnungen» lautet. Im Klartext heisst das: Die jungen Leute werden nicht wegen irgendeines persönlichen Verhaltens gebüsst, sondern weil sie sich der Staatsgewalt widersetzen und sich nicht vertreiben lassen.

Dass diese Rechtslage dünn ist, weiss man auch bei der Polizei. Zwar sei die gesetzliche Grundlage gegeben, sagt Oberleutnant Bruno Schwizer. «Wir würden uns aber eine klarere Handhabe wünschen.» Die Basler Polizei beantragte deshalb bei der Regierung einen so genannten Wegweisartikel, wie ihn erst wenige Kantone kennen. «Damit wäre die Sache für uns einfacher.» Zwar gibt es schon heute den Tatbestand «Erregen eines öffentlichen Ärgernisses», doch der ist relativ schwammig und, so Bruno Schwizer, «noch schwerer anwendbar».

Das polizeiliche Grossaufgebot im Elisabethenpark rechtfertigt Polizeisprecher Klaus Mannhart damit, dass der Bahnhof in letzter Zeit zu einem neuen Drogenumschlagplatz geworden sei. «Unser Ziel heisst: keine offene Drogenszene. Die versuchen wir mit allen Mitteln zu verhindern.» Im Zusammenhang mit Razzien und Fahndungen würden auch mal alle jungen Leute angehalten, die in der Gegend seien. «Wir gehen aber nicht gezielt gegen diese Jugendlichen vor», beteuert Mannhart.

Anzeige

Hoteliers haben sich beklagt
Der für das Bahnhofsgebiet zuständige Polizeikommissär Peter Zimmermann hingegen sagt klar, dass randständige junge Menschen hier «nicht erwünscht» seien. Hoteliers und Geschäftsinhaber hätten sich in letzter Zeit vermehrt wegen deren Anwesenheit beklagt. «Da müssen wir eben nach dem Rechten schauen. Das ist schliesslich ein öffentliches Ärgernis.»

Die SBB möchten den Bahnhof zu einer Visitenkarte machen. Da findet es der Polizeikommissär nur verständlich, dass man «Leute in der Art» nicht mehr hier haben wolle. «Solche Jungen mit ihrer Erscheinungsform stören.» Die verstärkte Polizeipräsenz soll laut Zimmermann eine präventive Wirkung haben: «Wenn die Jugendlichen uns sehen, hauen sie automatisch ab. Und genau das ist unser Ziel.»

Für Gassenarbeiterin Theres Wernli vom Verein «Schwarzer Peter» widerspiegelt diese Haltung der Polizei das Sankt-Florians-Prinzip. «Die Frage ist, wo diese Jungen sonst hin sollen. Sie sind doch nirgendwo willkommen.» Für die Beiz fehlt vielen das Geld, und Orte im öffentlichen Raum, wo auch Jugendliche aus Randgruppen toleriert und in Ruhe gelassen werden, gibt es in Basel kaum. Bereits laufen ähnliche Vertreibungsaktionen auf dem Theaterplatz.

Dabei haben viele dieser Jugendlichen keine Arbeit – und zum Teil auch kein Obdach. «Diese jungen Leute», so Theres Wernli, «sitzen nicht einfach hier, weil es ihnen gefällt, sondern weil sie sonst kein Netz haben. Mit ihren Aufräumarbeiten treibt die Polizei sie in die Isolation.» Für die Gassenarbeit würden sie damit unerreichbar. Die Folge: «Sie tauchen irgendwo unter, der Kontakt ist ständig unterbrochen oder abgerissen, und wir können kaum mehr mit ihnen arbeiten.»

Anzeige

Als Abschaum behandelt
Bei den Jugendlichen führe der Stress mit der Polizei dazu, dass sie noch weniger zu sich und ihren Sachen schauten. «Sie fragen sich doch, was das überhaupt noch soll», sagt die Gassenarbeiterin Monika Walti. «Sie fühlen sich entwertet, als Abschaum der Gesellschaft behandelt, wenn nur schon ihre reine Präsenz als störend empfunden wird.»

Monika Walti verwahrt sich mit Nachdruck gegen die Darstellung der Polizei, der Bahnhof sei der neuste Drogenumschlagplatz. «Das ist eine Verfälschung der Realität.» Sicher gebe es rund um den Bahnhof Drogen. «Aber ich wehre mich dagegen, dass es im Park im grossen Stil illegale harte Drogen geben soll.»

Für Monika Walti kann das Vorgehen der Polizei nur einen Grund haben: «Man will ein sauberes Basel, und diese jungen Leute passen nicht ins Stadtbild.»