Michael Genge-Russo wohnt mit seiner Frau und zwei Kindern in einer herrschaftlichen Villa im aargauischen Zufikon. Elf Monate lang bezahlte er die Miete von 5000 Franken monatlich nicht mehr. Gegen die gerichtliche Ausweisung wehrte er sich vorerst mit allen juristischen Mitteln. Die Vermieter mussten zusätzlich noch 7000 Franken Räumungsvorschuss ans Gericht bezahlen. Letzter Stand: Gemäss Vereinbarung ziehen Genges Ende Januar aus. Wenn nicht, wird zwangsgeräumt.

Wenn die Vermieter vor Vertragsabschluss gewusst hätten, wer Michael Genge ist, hätte ihnen das eine Menge Sorgen erspart. Von 1987 bis Dezember 2007 brachte er es auf 106 Verlustscheine; Gesamtsumme: Fr. 1'232'121.50. Betreibungen seit 2004: 159, ausstehender Betrag total: Fr. 2'137'767.10. Jeden Monat kommen weitere Betreibungen von zigtausend Franken hinzu.

Genge ist beileibe kein unbeschriebenes Blatt: Er wurde im Sommer 2003 vom Bundesgericht in letzter Instanz zu 17 Monaten Gefängnis unbedingt verurteilt - unter anderem wegen Betrugs, Urkundenfälschung, Veruntreuung und unrechtmässigen Bezugs von Arbeitslosengeldern. Neun Jahre hatte das Verfahren von der Anklage bis zur Verurteilung gedauert.

Der Mann hat eine schillernde Vergangenheit. Der heute 59-Jährige kam 1970 aus Deutschland in die Schweiz. Er gab als Berufsbezeichnung Zahntechniker an. Mit drei Dentallabors ging er in den neunziger Jahren pleite. Dann entdeckte Genge eine Marktlücke und mutierte zum «Berater»: Gegen Gebühr kontrollierte er Zahnarztofferten, Rechnungen und Zahnersatzmaterialien. Die Ratsuchenden vermittelte er an Zahnärzte seiner Wahl. Schliesslich mischte er auch noch bei Kauf und Verkauf von Zahnarztpraxen mit sowie bei der Vermittlung von Personal.

Genge verdiente sein Geld sowohl mit den Ratsuchenden als auch mit den Zahnärzten - von neutraler Beratung kann da keine Rede sein. Zahnärzte berichten, er habe sie auch um Darlehen gebeten, zum Beispiel für seine Auto-Leasingverträge. Die Raten habe er nie zurückbezahlt. «Ich musste für 15'000 Franken geradestehen», erzählt einer der Betroffenen dem Beobachter. Alle Anfragen des Beobachters liess Genge unbeantwortet.

Betagte Frau um eine Million geprellt
Bedient hat er sich selbst bei Ratsuchenden wie der heute 94-jährigen Marthe M. (Name der Redaktion bekannt). Er brachte sie um ihr ganzes Vermögen, fast eine Million Franken. Der Fall machte schweizweit Schlagzeilen und trug ihm eine weitere Verurteilung wegen gewerbsmässigen Betrugs ein.

Alles Vergangenheit? Nein. Genge rekurrierte und «beriet» bis vor kurzem weiter. «Oft riet Genge zu Implantaten oder zu Totalsanierungen und schickte die Leute zu Zahnärzten, die mitspielten», sagt ein heute selbständiger Zahnarzt. Er hatte früher in einer Zürcher Gruppenpraxis gearbeitet, der Genge zahlreiche Patienten zuhielt. Der Zahnarzt wundert sich: «Warum darf sich jemand ohne entsprechende Ausbildung so viel anmassen?» Werner Fischer, Kantonszahnarzt in Zürich, sagt zur Rechtslage: «Solange jemand nur berät und weder Befunde erhebt noch Diagnosen stellt, braucht es keine Bewilligung. Wenn er etwa auf Röntgenbilder von Zahnärzten verweist, bewegt er sich in einer Grauzone.»

Auch das Betreibungsamt Zufikon scheint kapituliert zu haben: Im Mai 2004 gestand es dem Schuldenbaron ein Existenzminimum von 13'300 Franken zu und akzeptierte unter anderem einen Posten von 4500 Franken für «Sekretärin Büro». Den Anteil seines Gehalts, den Genge dem Betreibungsamt abliefern sollte, bezahlte er nicht. Erst vor kurzem erschien der Pfändungsbeamte, und zwar nach Voranmeldung, in der Villa des Schuldners. Alles Verwertbare war weggeräumt. Von Versäumnissen will Marcel Locher vom Betreibungsamt Zufikon aber nichts wissen: «Wir haben alle rechtlichen Möglichkeiten ausgenutzt.» Das bedeutet für die Gläubiger: Sie müssten selber klagen.

Einer der Betroffenen ist Beat Ming, Inhaber der gleichnamigen Schreinerei in Bremgarten AG. Er wartet vergeblich auf über 15'000 Franken, die ihm Genge für Möbelstücke schuldet: «Bisher ist vom Betreibungsamt nichts verwertet worden.» Das Prozedere lässt ihn am System zweifeln: «Geschützt werden die Schuldner, nicht die Gläubiger», ist er überzeugt. Genge ist für ihn ein Schurke der besonderen Art: «Anstatt einzubrechen, lässt er sich die Waren frei Haus liefern.» Oder wie es ein anderer Kenner der Umstände formuliert: «Genge hat es mit beispielloser Frechheit und Tücke verstanden, das formalistische Betreibungsverfahren in eine Endlosschleife zu schicken.»

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Ein Meister der Verschleppungstaktik
Die Justiz ist ebenfalls überfordert: Auch das hängige Verfahren, bei dem die betagte Marthe M. klagt, kommt nur schleppend voran. Genge liess am Bezirksgericht Zürich Termine platzen, ein Arztzeugnis genügte jeweils. Ende 2006 wurde er zwar wegen gewerbsmässigen Betrugs zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Aber er zog den Fall weiter. Die Verhandlung vor Obergericht findet nun frühestens im April 2008 statt. Dann ist das Opfer 95 Jahre alt. Und dann gibt es ja noch das Bundesgericht.

Seine Anlaufstelle «Zahnarzt-Ratgeber» hat Genge mittlerweile verkauft. Sie soll nun von zwei Zahnärzten und einem Juristen wiedereröffnet werden. Vor Gericht sprach Genge von einem Verkaufspreis von zwei Millionen Franken. Marcel Bauer, einer der neuen Inhaber, will seinerseits keine Auskunft geben, die Konditionen seien «streng vertraulich». Das Betreibungsamt Zufikon sollte sich vielleicht mal wieder einschalten.

Schwächen im System
Renitente Schuldner nutzen laut dem Schweizerischen Verband Creditreform die Schwächen im Betreibungsverfahren aus. Zieht ein Schuldner mehrmals um, kommt der Gläubiger nicht umhin, an jeder Adresse eine Einwohner- wie auch eine Betreibungsauskunft einzuholen. Eine zeitraubende und kostspielige Angelegenheit, denn an jedem Ort wird für den Auszug eine Gebühr erhoben. Eine gemeinsame Datenbank der Betreibungsämter existiert nicht. Erhebt der Schuldner Rechtsvorschlag, kostet das Fortsetzungsbegehren zusätzlich. Die Folgen: Insolvenzen und fruchtlose Pfändungen bescheren den Gläubigern Jahr für Jahr Verluste von schätzungsweise zehn Milliarden Franken.

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