Wenn die Männer mit ihren Karabinern und Sturmgewehren in Hergiswil NW die Renggstrasse hinauf pilgern, ist es vorbei mit der Ruhe im Dorf. Die Schiessanlage der Schützengesellschaft liegt mitten im Wohngebiet. Zwischen «Feuer frei» und «Feuer einstellen» ist im südlichsten Teil der Gemeinde am Vierwaldstättersee an einen Nachmittagsschlaf nicht mehr zu denken.

Theoretisch ist damit am 31. März 2002 Schluss. Laut eidgenössischer Lärmschutzverordnung (LSV) müsste die Anlage bis zu diesem Stichtag entweder lärmtechnisch saniert oder geschlossen sein. Keines von beidem wird jedoch der Fall sein: In Hergiswil wird voraussichtlich auch nach dem 1. April 2002 noch quer durchs Dorf geschossen – mit behördlichem Segen. «Sanierungspotenzial ausgeschöpft», heisst es in den Unterlagen, die bis Ende Juni in der Gemeindeverwaltung auflagen. Dort konnten die Betroffenen zur Tatsache Stellung nehmen, dass an der Renggstrasse trotz allem weiter geballert werden wird.

Der lange Kampf der Nidwaldner Schützen gegen eine unterirdische Schiessanlage für die ganze Region scheint also vorerst gewonnen: Neben Hergiswil sind auch sieben andere Schiessstände, welche die LSV-Auflagen von 1987 nicht erfüllen, weiterhin in Betrieb.

Die Kantonsregierung verfügte zwar Einschränkungen bei den Betriebszeiten, will aber – mit einer Ausnahme – die Anlagen nicht stilllegen: Das «Obligatorische», das Feldschiessen sowie die Kurse für Jungschützen und Schützenmeister lägen «im Interesse der Gesamtverteidigung», schreibt der Regierungsrat. Und: Der Verteidigungsaspekt vermöge in diesem Fall «die Interessen des Lärmschutzes zu überwiegen».

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Überforderte Gemeinden
Nidwalden ist kein Einzelfall. Neun Monate vor Ablauf der 15-jährigen Sanierungsfrist erfüllen erst 53 Prozent aller Schiessanlagen die LSV-Normen. Das zeigt eine Liste des «Cercle Bruit», der Vereinigung kantonaler Lärmschutzfachleute. «Zahlreiche Kantone haben die Angelegenheit an die Gemeinden delegiert», sagt der basellandschaftliche Lärmschutzbeauftragte Peter Trauffer. Die Kritik des Experten: «Das Thema Lärm ist viel zu komplex zum Delegieren.» Und weil die Gemeinden in den meisten Fällen nicht nur die Verantwortung für die Sanierung, sondern auch gleich deren Finanzierung übernehmen mussten, verschwand das Dossier vielerorts tief unten in der Schublade.

In einigen Fällen indes nicht ganz zu Unrecht, wie Heinz Ellenberger, Schiesslärm-Projektleiter des Kantons Bern, sagt: «Vor allem für ländliche Gemeinden ist dieser Lärm hauptsächlich ein Problem des Gesetzgebers.» Das halbe Dorf sei sowieso im Schützenverein engagiert – darum gebe es meistens auch keine Klagen von Einwohnern gegen den Schiessbetrieb.

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Der Schützenverein bietet laut Ellenberger «oft noch den letzten Zusammenhalt im Dorf»; nicht zuletzt deshalb hielten sich die Berner Behörden aus den Diskussionen um die Fusion von Schiessanlagen weitgehend heraus. In den 400 Gemeinden des Kantons sind heute nicht weniger als 432 Anlagen in Betrieb. Allein in Sigriswil oberhalb des Thunersees stehen acht Anlagen – eine pro 500 Einwohner. Paradiesische Zustände für die Schützen.

«Fremde Fötzel» unerwünscht
Wer über Jahre hinweg immer die gleiche Scheibe ins Visier genommen hat, lässt sich nicht so leicht zum Umzug auf einen andern Schiessstand überreden. Und eine Gemeinschaftsanlage kommt für viele erst recht nicht in Frage: «Vor allem viele ältere Schützen wehren sich, mit Mitgliedern einer andern Gesellschaft im gleichen Stand zu schiessen», sagt Lärmexperte Trauffer. «Sie wollen keine fremden Fötzel in ihrer Anlage.»

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So bleiben auch die Schützen von Kehrsatz BE lieber unter sich. Sie wehren sich mit Händen und Füssen dagegen, das «Obligatorische» künftig in der lärmsanierten Schiessanlage «Platten» in der Nachbargemeinde Köniz zu absolvieren; sie wollen weiterhin im «Gummersloch» schiessen – auf Könizer Gemeindegebiet, notabene. Der Rechtsstreit über die Sanierungspläne für die veraltete und nicht LSV-konforme Anlage im «Gummersloch» ist derzeit beim Bundesgericht hängig.

Es braucht keine prophetischen Fähigkeiten, um vorauszusagen, dass am 1. April 2002 noch längst nicht alle Schiessanlagen zwischen Genfer- und Bodensee den Anforderungen der Lärmschutzverordnung genügen werden. Zumal die LSV ein Hintertürchen offen lässt: Falls eine Sanierung «unverhältnismässige Betriebseinschränkungen oder Kosten» verursachen würde, darf die Vollzugsbehörde so genannte Erleichterungen gewähren. Mit bestimmten Einschränkungen wie kürzeren Schiesszeiten dürfen dann auch nicht LSV-konforme Anlagen weiterhin betrieben werden.

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Die zuständige Bundesstelle kann dies bloss zur Kenntnis nehmen: «Der Vollzug der LSV liegt in der Kompetenz der Kantone», sagt Urs Jörg, Chef Lärmbekämpfung im Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft (Buwal). «Der Bund hat keine rechtlichen Möglichkeiten, die Schliessung von zu lauten Anlagen zu verfügen.»

Das können nur die Kantone, und diese haben sich bisher nicht gross ins Zeug gelegt. Im Kanton St. Gallen, wo laut Statistik des «Cercle Bruit» erst ein Fünftel aller Anlagen der LSV entspricht, kommt eine solche Verfügung nicht in Frage. Der Regierungsrat hat den Vollzug der Verordnung ebenfalls an die Gemeinden delegiert.

«Verschlafen ist ein etwas hartes Wort», wehrt der St. Galler Lärmschutzbeauftragte Martin Hohl Kritik ab, «aber die politische Komponente kann sehr hoch sein.» Will heissen: Wer als Dorfpolitiker überleben will, gewährt für eine zu laute Schiessanlage lieber eine «Erleichterung», als sich mit dem Schützenverein anzulegen.

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In Bern hingegen verfügte der Regierungsrat bei neun Anlagen die Stilllegung auf Ende März 2002. So bleiben im Bernbiet noch rund 100 Anlagen, die bis zu diesem Zeitpunkt saniert sein müssen. «Das sind zwar noch relativ viele», räumt Lärmschutzfachmann Ellenberger ein, «aber wir sind zuversichtlich, dass unsere Schiessanlagen bis zum Ablauf der Frist lärmmässig saniert sein werden.»

Schützenverband schiesst scharf
Für den Schützenverband bedeutet das baldige Aus gewisser Anlagen kein Sakrileg. «Klar tut es weh, nach 20 Jahren plötzlich den angestammten Schiessstand nicht mehr benützen zu dürfen», sagt Geschäftsführer Urs Weibel. «Aber viele Gemeinden haben es verpennt, rechtzeitig ihre Anlagen zu sanieren.» Weibel mag deshalb «nicht jedes Mal aufjaulen, wenn ein Stand geschlossen wird». Er ist auch dagegen, dass die Sanierungsfrist verlängert wird, wie das der Aargauer FDP-Nationalrat Willy Loretan 1998 vom Bundesrat verlangt hatte: «Die Frist war weiss Gott lang genug.»

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Für Urs Weibel ist zudem klar, dass gerade die Schützen an der Lärmschutzverordnung ein grosses Interesse haben müssen: «Die LSV sagt nicht nur, was Schützen nicht tun dürfen, sondern sie legt auch fest, was von den Anwohnern toleriert werden muss. Wenn die Grenzwerte eingehalten werden, kann sich keiner mehr über den Lärm beschweren.»