Da hat jemand Grosses vor: 20'000 Mitglieder soll der Schweizerische KMU-Verband (SKV) Ende 2012 aufweisen: «Wir sind ganz zuversichtlich, dass wir dies erreichen», schreibt Roland Rupp, Vizepräsident und Leiter der Geschäftsstelle des SKV, im Jahresbericht 2011.

Er wird sich mächtig ins Zeug legen müssen, denn nach internen Dokumenten hatte der 2007 gegründete Verband Anfang März gerade mal 1964 Mitglieder. Roland Rupp nennt deshalb in der Öffentlichkeit lieber eine andere Zahl: Der SKV «betreue» 8700 Firmen, schreibt er in den Publikationen des Verbands. Mehr Firmen unter den Fittichen des SKV, das bringt mehr Medienauftritte für Geschäftsführer Rupp und mehr Inserate in der Zeitschrift «Erfolg», dem «offiziellen Organ» des SKV. Die 8700 sind jedoch eine gewagt hohe Zahl. Sie kommt zustande, wenn man alle Firmen zusammenzählt, die sich auf einer der 31 «KMU Netzwerkplattformen» im Internet registriert haben. Dabei ist es problemlos möglich, eine Firma auf mehreren Plattformen einzutragen – und so dem KMU-Verband zu virtueller Grösse verhelfen.

Illegal: Keine Mitgliederversammlung

Registriert sind die Websites auch nicht auf den SKV, sondern auf eine von Rupps priva­ten Firmen, die MVM Unternehmensberatung AG. Weiter führt Rupp unter anderem die KMU Netzwerk AG und die KMU Netzwerk Verlag GmbH. Ihr im Handels­register eingetragenes Domizil haben alle Firmen an Rupps Privatadresse, wo auch der offi­ziel­le Sitz des KMU-Verbands ist. In Realität teilen sich jedoch Firmen und Verband Räumlichkeiten an der Zuger Blegistrasse.

Wie ein Privatunternehmen führt Rupp auch den KMU-Verband. Auf eine Mitgliederversammlung 2008 und 2009 wurde verzichtet, «weil der SKV erstmals erst im Au­gust 2008 Mitglieder aufnahm und durch das verlängerte Geschäftsjahr 2008/2009 dies nicht nötig war», wie Rupp sagt. Und da sich für die Mitgliederversammlungen 2010 und 2011 niemand angemeldet habe, «hat man darauf verzichtet und alle Geschäfte durch die Vereinsführung abgewickelt». Die Einladungen zu den Versammlungen seien damals per E-Mail erfolgt, erklärt Rupp. Die entsprechenden Mails, die dies beweisen würden, will er jedoch dem Beobachter nicht zusenden.

Tatsächlich wickelte die Vereinsführung, in der laut Insidern allein Rupp den Ton angibt, die Geschäfte ab – und wie. An einer halbstündigen Sitzung wählte man am 6. Januar 2010 zu dritt nicht bloss einen neuen Präsidenten, sondern beschloss auch gleich noch die Alleinherrschaft im Verband: Mit einer Statutenänderung wurde die Mitgliederversammlung als oberstes Organ aus den Statuten gekippt – eine klar widerrechtliche Bestimmung. Nach Zivilgesetzbuch muss jeder Verein oder Verband zwingend eine Mitgliederversammlung als oberstes Organ haben. Diese Versammlung hat als einziges Organ die Kompetenz, den Vorstand zu wählen und die Rechnung abzunehmen.

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Obschon eine Mitgliederversammlung also gemäss Statuten gar nicht mehr existierte, berief der Vorstand am 8. März 2012 per Anzeige im offiziellen Verbandsorgan eine solche ein. Zentrales Traktandum des Anlasses in Sursee: eine Statutenänderung, bei der besagte Mitgliederversammlung wieder eingeführt wurde – allerdings ohne die Kompetenz, den Vorstand zu wählen, und somit wiederum widerrechtlich.

Unter den Anwesenden in Sursee war auch Markus Arnitz. Der selbständige Kinesiologe liegt mit SKV-Geschäftsstellenleiter Rupp wegen einer einst geplanten Gesundheitsplattform für KMU unter der Ägide des SKV seit zwei Jahren im Streit. Der Verband braucht seiner Ansicht nach einen neuen Vorstand, der Rupps Kompetenzen beschneiden und seine Aktivitäten besser kontrollieren würde: «Der Verband dient primär dazu, die verschiedenen Firmen von Roland Rupp mit Aufträgen zu versorgen.»

Tatsächlich sind die Übergänge zwischen Rupps privaten Firmen und dem KMU-Verband ausgesprochen fliessend. Die Zeitschrift «Erfolg» etwa, von Rupps KMU Netz­werk Verlag GmbH kurz vor der Gründung des KMU-Verbands erstmals herausgegeben, trägt den Titel «Offizielles Organ des Schweizerischen KMU Verbandes». Dafür er­hält der Netzwerk-Verlag vom SKV 36 Franken pro Mitglied. Eine Erfolgsgeschichte ist die Zeitschrift nicht. Laut SKV-Web­site beträgt die gedruckte Auflage zwar 5000 Exemplare. Zusätzlich werde die elektronische Ausgabe 25'000-mal heruntergeladen. Die Wemf, die AG für Werbemedienforschung, kam bei einer Auswertung im Februar aber bloss auf 9191 Exemplare. Man habe leider noch keine Zeit gehabt, die Website zu aktualisieren, erklärt Rupp.

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Die Netzwerk Verlag GmbH besorgt für den SKV auch die sogenannten «Partner» – Firmen, die im Online-Auftritt und auf den Printprodukten des Verbands ständig präsent sind. Eine Partnerschaft kostet 18'000 Franken pro Jahr. 4500 davon gehen an den – auf Provisionsbasis angestellten – Mitarbeiter, der den Partner akquiriert hat, 5500 Franken streicht laut Budget 2012 Rupps Netzwerk Verlag GmbH ein – als Entschädigung für die Inserate, die der Partner im «offiziellen Organ» des SKV zugut hat. Dem SKV bleiben damit gerade mal 8000 Franken.

Reines Wunschdenken beim Budget

Mit den Finanzen ist es ohnehin so eine Sache beim SKV. Die Budgets der vergangenen Jahre suggerierten jeweils einen blühenden, stetig wachsenden Verband. 2010 sollten laut Budget Erträge von 1,12 Millionen erzielt werden. 810'000 Franken davon sollten aus Mitgliederbeiträgen stammen. Dass dies reines Wunschdenken war, zeigt die Erfolgsrechnung: Gerade mal 105'000 Franken zahlten die Mitglieder, der Ertrag betrug knapp 430 000 Franken. Die Erfolgsrechnung 2011 – budgetierter Ertrag 980'000 Franken, davon 700'000 aus Mitgliederbeiträgen – lag bei der Mitgliederversammlung Anfang März noch nicht vor.

Wachsen wolle der Verband nun, indem sich «andere, kleinere Verbände» beim SKV «anhängen», wie Rupp erklärt. Deren Mitglieder würden dann zu einem reduzierten Beitrag auch vom SKV vertreten. Um welche kleineren Verbände es sich dabei handelt, will Rupp nicht sagen. Das sei «noch nicht spruchreif».

Man kann auf Jahresbericht und -rechnung 2012 gespannt sein.

Dieser Artikel entstand aufgrund von Hinweisen, die der Beobachter über seine Whistleblower-Plattform www.sichermelden.ch erhielt.

 

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