Exakt 27 Schritte sind es vom Gartentor zum Hauseingang an der Eichstrasse 6 in Zürich. Ein vifer Postbote schafft das hin und zurück in weniger als 30 Sekunden. Exakt 21 Monate hat es gedauert, bis die Post in einem nervenaufreibenden Kleinkrieg klein beigab und sich bereit­ erklärte, ihre Briefträger weiterhin auf diese Reise zu schicken, wie sie es seit dem Bau des Hauses anno 1878 machte.

Warum die Post ausgerechnet an Gabriela Rimml ein Exempel statuieren wollte, kann sich die selbstständige Psychiatriepflegefachfrau nicht erklären. An derselben Strasse liegen fünf weitere, identische Häuschen. Überall liegen die Briefkästen nicht an der Grundstücksgrenze, sondern beim Eingang des Hauses auf der Rückseite. Jedenfalls hat sich der Staatsbetrieb mit ihr die falsche Gegnerin ausgesucht. «Wie viel Aufwand ich betreiben muss, hat mich nie gekümmert», sagt die energische 49-Jährige. «Wichtig war mir, dass jemand der Post beibringt, dass ihre Forderung unberechtigt ist.»

Der gelbe Riese wird garstig

Fast zwei Jahre und Dutzende ­Interventionen bei Post-Konzernchefin Susanne Ruoff, bei der Aufsichtsbehörde Postcom, beim Bundesverwaltungsgericht, beim Ständerat und bei Bundesrätin Doris Leuthard brauchte es, bis das auch die Post einsah. Dabei war die Ausgangslage eigentlich klar: Rimmls Haus umfasst drei Wohnungen und gilt deshalb als Mehrfamilienhaus – damit entfällt die Pflicht, die Briefkästen an der Strasse zu platzieren. Zudem könnte Rimmls 91-jährige Mutter, die im Parterre wohnt, wegen ihrer schweren Gehbehinderung laut ärztlichem Attest gar nicht so weit gehen. Daher müsste die Post die Briefe bis zur Haustüre zustellen, selbst wenn die Frau im Einfamilienhaus lebte.

Die Post war anderer Meinung. Die 91-Jährige hätte 500 Meter zur nächsten Poststelle gehen sollen und nicht bloss die 20 Meter zum Gartentor. Nur zwei Wochen nachdem eine Postbotin der gehbehinderten Frau Ende August 2014 mündlich mitgeteilt hatte, sie müsse den Briefkasten zur Strasse hin versetzen, wurde den Bewohnern kurzerhand keine Post mehr zugestellt. Wichtige Briefe, etwa Bankauszüge, blieben unauffindbar. Als Rimml bei der Polizei Anzeige einreichte «wegen Verdachts auf Entwendung der Post durch Postangestellte», wurde tags ­darauf die Post kommentarlos wieder zugestellt.

Doch ein gutes halbes Jahr und ­einen ergebnislosen Briefwechsel später stellte die Post zum zweiten Mal die Zustellung ein – volle zweieinhalb ­Monate lang, bis sie von der Aufsichts­behörde Postcom zurückgepfiffen wurde. Während dieser Zeit hätten alle Bewohner die Post in der 500 Meter entfernten Postfiliale abholen sollen. Doch sie weigerten sich. Deshalb blieb die Post stapelweise liegen. Damit war der Streit allerdings noch längst nicht beigelegt, denn die Postcom hatte nur einen provisorischen Zwischenentscheid gefällt, den die Post nicht akzeptieren wollte.

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Viel Geld wegen einer Bagatelle

Zudem entbrannte ein Konflikt darüber, wer die Verfahrens­kosten berappen sollte. Hier musste das Bundesverwaltungsgericht ein Machtwort sprechen – zugunsten von Gabriela Rimml. Allerdings erst, nachdem sie 1000 Franken Vorschuss bezahlt hatte. «Nicht jeder kann sich solche ­Verfahren leisten», sagt Rimml, «die Post setzt gezielt auf eine Zermürbungstaktik.»

Besonders verärgert reagierte die Post, als Rimml ihren Unmut über «Machtmissbrauch und Willkür» auf Facebook, Twitter und in einem Internetblog veröffentlichte und dafür ein paar Hundert Follower fand.

Als Rimml den Chef der lokalen Postfiliale dabei ertappte, wie er den Briefkasten und die Liegenschaft fotografierte, eskalierte der Konflikt definitiv. Rimml warf der Post «Stalking» vor, diese klagte über das «uneinsichtige Verhalten» der Kundin. Besonders absurd: Einen Einschreibebrief Rimmls an den Konzernsitz in Bern schickte die Post als «unzustellbar» zurück, kostenpflichtig natürlich, mit dem Vermerk: «Weggezogen, Nachsendefrist abgelaufen».