Beobachter: Vermummte randalieren am Match Aarau gegen Basel, ein paar Tage später fliegen Steine in die Frontscheibe eines Fan-Busses – was geht Ihnen da durch den Kopf?
Roger Schneeberger: Ich frage mich, wie viele solche Vorfälle es in der Schweiz noch geben muss, bis sich alle Beteiligten – Klubs, Ligen, Politik, Polizei, Strafverfolgung – zu gemeinsamem und entschlossenem Handeln zusammenraufen, wie es in andern Staaten passiert. Ich bin überzeugt, dass wir nicht weiterkommen, wenn wir keine gemeinsame Sichtweise und kein gemeinsames Programm entwickeln.

Beobachter: Was hat sich verändert?
Schneeberger: Die Fanszene ist sehr uneinheitlich geworden. Wir gehen in der Schweiz von 600 bis 700 aktiv Gewalt suchenden und von zusätzlich 2000 situativ zu Gewalt neigenden Personen aus. 75 Prozent davon sind dem Fussball zuzurechnen. Pro Spiel der Super League sind das also durchschnittlich rund 400 problematische «Fans». Die häufig gehörte Aussage, dass 99 Prozent der Fans friedlich seien, trifft also leider nicht zu.

Beobachter: War es früher nicht so, dass es vom Spielresultat abhing, ob es Ärger gab?
Schneeberger: Bei der aktiv Gewalt suchenden Gruppe spielt das Resultat keine Rolle, da geht es um den Adrenalinkick, der mit der Gewaltanwendung verbunden ist. Immer wieder erstaunt mich die Tatsache, dass sich gros­se Teile der Fankurven je nach Lage mit den Randalierern solidarisieren, wenn es gegen einen gemeinsamen Feind geht. Das können gegnerische Fans sein, Angehörige privater Sicherheitsdienste oder die Polizei. Darin unterscheidet sich die heutige Szene von der Grösse wie auch vom Verhalten her von den früheren Hools, die abgesprochene Kämpfe mit klaren Regeln gegeneinander austrugen. Die waren für das Umfeld deutlich weniger problematisch.

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Beobachter: Welche Bedeutung hat die Datenbank Hoogan?
Schneeberger: Darin sind gegen 1400 Personen verzeichnet, die mit Stadionverboten, Rayonver­boten, Meldeauflagen oder Polizeigewahrsam belegt wurden. Bei rund 600 sind die Massnahmen aktiv. Die Datenbank ist aber nur beschränkt aus­sagekräftig, um Gewaltentwicklungen zu analysieren. Sie zeigt bloss den Erfolg der Strafverfolgung, nicht aber die grosse Dunkelziffer. Wir haben leider oft gewalt­tätige Vorfälle mit Hunderten von Beteiligten, bei denen die Polizei mit Distanzmitteln wie Wasserwerfer oder Gummischrot arbeiten muss, um gegnerische Gruppen auseinanderzuhalten. Hier kommt es regelmässig zu keinen oder nur zu wenigen Verhaftungen.

Beobachter: Und alle geben den Schwarzen Peter weiter. Wer ist denn Ihrer Meinung nach schuld?
Schneeberger: Die Gewalttäter. Das Schwarzpeterspiel ist aber im Gang, wenn es um die Diskussion geht, wer was tun müsste. Wir möchten es überwinden und lancierten darum wieder einen Dialog zwischen Politik und Sport.

Beobachter: Was bringen das Hooligan-Konkordat und die Diskussionen um die Kombitickets, die den Gästefans vorschreiben sollen, wie sie anreisen? Kommen die 30, die Ärger wollen, dann nicht einfach mit Autos?
Schneeberger: Wenn 30 Randalierer mit Autos anreisen, sind sie polizeilich deutlich besser in den Griff zu bekommen, als wenn sie sich inmitten grosser Fangruppen bewegen. Die Möglichkeit des Kombitickets, die gemäss Konkordat besteht, soll aber in erster Linie dafür sorgen, dass die Gästefans an den Bahn­höfen aussteigen, die nahe der Stadien liegen. So lassen sich unbewilligte Fanwalks in den Stadtzentren verhindern. Das lässt sich erreichen, indem im Gästesektor nur Fans zugelassen sind, die mit dem bezeichneten Zug angereist sind. Das System funktioniert in Holland und Belgien. Es gibt keinen Grund, weshalb es nicht auch in der Schweiz funktionieren sollte.

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Roger Scheeberger, Generalsekretär der Konferenz kantonaler Polizeidirektoren.

Quelle: private Aufnahme