Die Vorschrift ist klar und in den meisten Verfassungen verankert: Niemand darf aufgrund seines Geschlechts diskriminiert werden. Keiner, der bei Trost ist, wird gegen dieses grundlegende Menschenrecht Widerspruch anmelden.

Umso irritierender ist die immer lauter werdende Debatte um Frauenquoten für Kaderstellen. Wo eine zwingende Quote zur Vorgabe wird, wird es zwangsläufig Fälle geben, in denen letztlich das Geschlecht entscheidet über eine Bewerbung – wo also Privilegierungen und Diskriminierungen die Folge sind.

Es drohen «Chefinnen per Gesetz», wie es die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» auf den Punkt bringt. Denn um die Quotenziele innert nützlicher Frist zu erfüllen, müssten fast alle frei werdenden Topkaderstellen in den nächsten Jahren mit Frauen besetzt werden. Die Chancengleichheit – ein während Jahrzehnten erkämpftes Grundrecht – würde für die junge männliche Akademikergeneration mit einem Federstrich geopfert. Das kann und darf nicht der Ansatz sein, um das erwünschte Ziel eines höheren Frauenanteils in Chefetagen zu erreichen.

Es ist mehr als befremdend, dass auch Politikerinnen, die vor kurzem ernsthaft total anonymisierte Bewerbungen forderten, um Diskriminierungen von Ausländern und Frauen zu verhindern, offensichtlich kein Problem damit haben, wenn männliche Bewerber aussortiert würden.

Man mag argumentieren, früher seien eben die Frauen benachteiligt gewesen. Aber wer für Gleichstellung eintritt, darf nicht die Chancengleichheit opfern – auch nicht vorübergehend. Chancengleichheit ist die DNA der Gleichstellung. Die Zwangsquote wäre deshalb ein Rückschritt.

Es ist zudem eine Bürokratenidee, ein anvisiertes Ziel der Einfachheit halber gleich zur Massnahme dafür zu machen. Eine Quote muss erreicht, nicht verordnet werden. Die Voraussetzungen dafür sind gegeben.

Frauen nehmen häufiger eine Abzweigung

Wir haben heute mehr und besser ausgebildete Frauen als je zuvor. In vielen Fächern der Universitäten stellen sie die Mehrzahl. Fast alle Firmen wünschen sich mehr Frauen in Führungspositionen, weil es oft die Frauen sind, die über den Erfolg eines Produkts am Markt entscheiden, weil gut durchmischte Führungskader das Arbeitsklima verbessern und ausgewogenere Lösungen erarbeiten.

Auch die Strukturen, um Job und Kindererziehung zu vereinbaren, werden seit Jahren verbessert, Kinderkrippen, Hortplätze, Tagesschulen ausgebaut. Vermehrt bieten Firmen Hand zu Teilzeitlösungen. Natürlich wünscht man sich mehr. Insbesondere in Topkadern sind Teilzeitstellen und Jobsharing noch rar. Doch auch hier wird sich aufgrund veränderter Bedürfnisse in den nächsten Jahren vieles bewegen.

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Die Frage, wie viele Frauen künftig Kaderposten besetzen, hängt nicht von einer Quote ab, sondern in erster Linie von ihnen selber. Denn Frauen sind in den Chefetagen schon heute nicht deshalb untervertreten, weil ihnen die Chancen dazu fehlen, sondern weil sie auf dem Weg zur Top-Position öfter eine Abzweigung nehmen als ihre männlichen Konkurrenten.

Spätestens im Spannungsfeld von Job und Familie setzen viele Frauen die Prioritäten anders als die meisten Männer. Sie sind seltener bereit, alles dem Job und einem Plan unterzuordnen als ihre Kollegen. Dafür fühlen sie sich stärker verantwortlich im menschlichen und familiären Bereich.

Das sind bewusste Entscheide – und vielleicht sogar die wertvolleren, als alles einer Karriere zu opfern.

Man könnte kühn verkürzen: Männern ists wichtiger, dass man
ein gesetztes Ziel erreicht, Frauen legen mehr Wert darauf, wie man es erreicht. Wobei natürlich jeder Mensch männliche und weibliche Verhaltensweisen nutzt.

Aber was für ein Glück, dass es beide Geschlechter gibt, was für eine Torheit, nicht beide Qualitäten hochzuhalten und beide gleichermassen wertzuschätzen.

Lassen wir also Frauen und Männer selber entscheiden, welche dieser Qualitäten und Verhaltensweisen sie höher gewichten wollen. Und tun wir möglichst alles dafür, dass diese Entscheidung frei von Sachzwängen fallen kann. Denn die Gesellschaft und eine erfolgreiche Wirtschaft brauchen die Qualitäten beider Geschlechter am individuell bestmöglichen Platz.

Eine Zwangsquote als Hilfestellung brauchen die Frauen für diese Entscheidung sicher nicht. Dafür sind sie viel zu gut qualifiziert.

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