Vielleicht haben die Denkmalschützer in der Schweiz bald ein neues Objekt: Spielplätze. Denn Orte, an denen Kinder sich im Freien austoben können, werden immer rarer. Jetzt hat die Okaj, die kantonale Kinder- und Jugendförderung Zürich, Alarm geschlagen: Anwohner wehren sich immer häufiger mit Einsprachen gegen den Bau neuer Spielplätze oder erwirken, dass Schulhausplätze ausserhalb der Unterrichtszeiten verriegelt sind. Und diese Anliegen kommen meist durch. So muss etwa der Abwart die Fussballtore eines Wädenswiler Schulhauses am Wochenende anketten, damit sie nur eingeschränkt benutzbar sind. Und in Dübendorf scheiterten alle Versuche, einen Spielplatz zu eröffnen, an Einsprachen. Jetzt müssen die Kinder mit einem Spielbus vorliebnehmen, der ab und zu vorbeikommt.

Eine bedenkliche Entwicklung. Daher fordert die Okaj: Kinderlärm soll aus der Lärmschutzverordnung gestrichen werden. Kinderlärm soll – wie in Deutschland – nicht mehr einklagbar sein. Das ist sinnvoll, denn Gerichte sind die falsche Instanz, um sich mit diesen Fragen zu befassen.

Schon festzustellen, wann Kinderlärm einen Sollwert überschreitet, ist sehr schwierig: da und dort ein Kreischen, Stille, dann wieder lautes Gejohle. Deshalb gibt es auch keinen gesetzlich festgelegten Grenzwert wie etwa beim Strassen-, Bau- oder Flugzeuglärm.

Und wie sinnvoll ist es, dass sich vielbeschäftigte Bundesrichter etwa mit der Frage befassen müssen, ob Kindergartenkinder in Winterthur auf einem Spielplatzturm zu laut sind oder ob die Krippenkinder des Kantonsspitals Aarau die Anwohner stören, wenn sie draussen herumtollen? In beiden Fällen entschieden die Bundesrichter übrigens zugunsten der Kinder.

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Wichtig im Kampf gegen Übergewicht

Hinzu kommt: Jedes fünfte Kind in der Schweiz bringt zu viele Kilos auf die Waage. Die Gesundheitsförderung Schweiz empfiehlt: «Achten Sie darauf, dass sich Ihre Kinder möglichst an Orten aufhalten, wo sie sich ungestört bewegen und herumtoben können. Möglichst draussen, zum Beispiel auf einem Spielplatz.»

Der Bund gibt viel Geld für Präventions­kampagnen gegen Übergewicht aus, pro Jahr 2,95 Millionen Franken. Ausserdem verursacht Übergewicht jährlich Gesundheitskosten von 5,8 Milliarden, Tendenz steigend. Und wer als Kind zu dick ist, bleibt es häufig als Erwachsener. Doch Fachleute raten davon ab, Kinder auf Diät zu setzen, denn oft sind Diäten der erste Schritt in die Essstörung. Das Rezept heisst vielmehr: mehr Bewegung.

Zudem sitzen die Kinder zu oft vor dem Computer, vor dem Fernseher. Auch in diesem Fall empfehlen Fachleute das Spielen im Freien gern als gesunde Alternative. Nur: wo?

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In den Keller, mit schalldichten Wänden?

Der starke Bewegungsdrang von Kindern ist für ihre Entwicklung unabdingbar. Körper und Hirnentwicklung sind gerade in den ersten Lebensjahren eng miteinander verknüpft. Das kindliche Hirn lernt durch Bewegung. Auch deshalb ist es ein Armutszeugnis, wenn die Grossen die Kleinen immer mehr aus dem öffentlichen Raum verdrängen.

Vielleicht hilft es den Kinderlosen und Älteren, sich einfach mal zurückzuerinnern, wie viel Spass sie hatten, als sie damals die Rutschbahn noch das fünfzigste Mal unter Gekreische runtergerutscht sind. Stellen sich die Spielplatz-Verhinderer vielleicht vor, dass sich die Kinder in der Wohnung austoben sollen? Dann stehen sehr schnell die Nachbarn auf der Matte. Oder vielleicht im Keller, die Wände schalldicht isoliert?

Die Geburtenrate in der Schweiz ist seit 1970 um 20 Prozent gesunken. Weil es weniger Kinder gibt, sollten die Kinder von heute eigentlich mehr Platz zum Toben haben. Doch die Menschen beanspruchen immer mehr Wohnfläche für sich. Oder Berufstätige suchen sich eine Gemeinde zum Arbeiten, die andere zum Schlafen, und dort soll dann bitte Ruhe herrschen. Dabei tragen die Pendler selbst zum hohen Lärmpegel bei: 1,3 Millionen Menschen in der Schweiz leiden unter Strassenlärm.

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Wenn Kinderlärm nicht mehr einklagbar ist, heisst das noch lange nicht, dass man sich nicht mehr wehren kann. Viel sinnvoller als ein Gerichtsprozess ist das Gespräch mit den Eltern. Die wissen nämlich genau, dass man sich manchmal nach Ruhe sehnt.

Und ausserdem: Sind die Kinder nicht mehr allzu klein, kann man auch mit ihnen in freundlichem Ton über sein Anliegen sprechen.