Ahmed stammt aus dem Nahen Osten und sitzt seit 1997 wegen Vergehen gegen das Betäubungsmittelgesetz in Bostadel ZG. 2003 wird er entlassen. Seine Betreuer sind zufrieden mit ihm: Er leistet gute Arbeit in der Schreinerei und der Metallwerkstatt, hält seine Zelle sauber, lernt in der Freizeit Deutsch und hat mit Aufsehern und Mitgefangenen selten Zoff. Doch Ahmed bleibt in der geschlossenen Anstalt – bis zum letzten Tag seiner Strafe. Dann gehts per Flugzeug in seine Heimat. Ein Schweizer mit der gleichen Strafe wie Ahmed und ebenso guter Führung hätte bei Halbzeit bereits einige Urlaube hinter sich und würde nun in eine halb offene Anstalt verlegt. Mit einem Arbeitsvertrag in der Tasche träte er nach Verbüssung von zwei Dritteln der Strafe den Weg in die Freiheit an. Bei Krisen könnte er sich an die Bewährungshelfer wenden. Der stufenweise Ubergang ins Normalleben bewahrt immerhin die Hälfte der Straftäter vor einem Rückfall.

Ahmed hingegen wird nicht auf die Freiheit vorbereitet. Halbgefangenschaft, ja selbst Urlaube werden Ausländern ohne Beziehung zur Schweiz fast nie zugestanden. Grund: Fluchtgefahr. Immerhin hat Ahmed sich in Bostadel beachtliche Fähigkeiten in der Holz- und Metallbearbeitung erworben. Was sie ihm im Nahen Osten nützen, wird sich weisen.

Artikel 37 des Strafgesetzbuchs bleibt jedoch weitgehend toter Buchstabe: «Der Vollzug der Strafe soll erziehend auf den Gefangenen einwirken und ihn auf den Wiedereintritt in das bürgerliche Leben vorbereiten. (…) Er soll womöglich mit Arbeiten beschäftigt werden, die seinen Fähigkeiten entsprechen und die ihn in den Stand setzen, in der Freiheit seinen Unterhalt zu erwerben.»

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Wie sieht das «bürgerliche Leben» in Ahmeds Heimat aus? Das ist ebenso unklar wie die Wirkung des Strafvollzugs auf den Afrikaner Nas. Auch er sitzt wegen Drogendelikten ein. Er hat zur Schweiz keinen Bezug – zu seinen Angehörigen in Afrika aber auch nicht. «Was nun?», wird er sich dereinst fragen, wenn er in Lagos, Bujumbura oder Dakar aus dem Flugzeug steigt.

Für Linard Arquint, Direktor der Straf-anstalt Bostadel, ist klar: «Diese Art Strafvollzug kostet uns Unsummen Geld und bringt weder der Schweiz noch den Straftätern und ihren Heimatländern etwas.»

Ein Tag Gefangenschaft kostet die Schweizer Steuerzahlenden rund 240 Franken. Im Hochsicherheitstrakt können diese Kosten 500 Franken pro Tag übersteigen. In Bostadel mit 108 Insassen sitzen nur 20 Prozent Schweizer ein. 80 Prozent sind Ausländer, von denen vier Fünftel nach der Verbüssung ausgeschafft werden.

Andere Kulturen – andere Strafen
Ob dies nach der ganzen Strafe oder nach zwei Dritteln der Fall ist, bestimmen die einweisenden Kantone. Wobei sie ab und zu groteske Auflagen machen. Arquint: «Ein Kanton insistiert darauf, dass ein gefährlicher Verbrecher nicht nach zwei Dritteln der Strafe ausgeschafft werden dürfe. Das sei für sein Heimatland nicht zumutbar. Aber ist es denn nach der ganzen Verbüssung zumutbar?»

Viele Straffällige begreifen zudem unser Rechts- und Strafsystem nicht. Bostadel-Direktor Arquint: «Fundamental islamische Strafen sind für uns nur schlecht nachvollziehbar. Ebenso exotisch wirken auf Täter anderer Kulturen unser korrektes juristisches Vorgehen bei der Einvernahme sowie der Strafvollzug, dessen Ziel die Resozialisierung ist.»

Arquints Lösung heisst bedingte Amnestie. Wer die Hälfte seiner Strafe abgesessen hat, soll postwendend in sein Heimatland zurückgebracht werden. Reist er schwarz wieder ein, muss er den Rest der alten Strafe plus eventuell eine neue absitzen. Damit sind allerdings noch nicht alle Fragen vom Tisch.

Unklar ist beispielsweise die Abgrenzung: Welche ethnischen Gruppen kommen in den Genuss der vorzeitigen Entlassung? «Einfacher ist es», so Arquint, «jene Gefangenen zu definieren, die nicht davon profitieren werden. Das sind jene, die aus Ländern mit Strafkulturen stammen, die der unseren ähnlich sind. Dazu zählen die meisten europäischen Staaten, mit Ausnahme des Balkans, sowie Nordamerika, Australien und Neuseeland. Auch nicht profitieren werden Gefangene, die wegen Delikten gegen Leib und Leben – Vergewaltiger, Mörder – einsitzen oder sonst eine sehr lange Strafe verbüssen. Doch das muss noch ausdiskutiert werden.»

Gleichbehandlung aller Gefangenen
Im Weiteren geht es um die Gleichstellung im Strafvollzug. Strafgefangene nehmen eine ungleiche Behandlung sehr übel. Sie empfinden den zweiten Teil der Strafe – also den begleiteten Ubergang zur Freiheit – nicht nur als Wohltat, sondern auch als Einschränkung. Wer davon befreit wird, hat in den Augen seiner Mitgefangenen einen Vorteil. Die Gefangenen, merkt Arquint an, würden ja schon von den Gerichten ungleich behandelt. «Natürlich tut die Justiz, als messe sie immer mit gleichen Ellen. Doch das stimmt nicht. Drogendelikte werden nicht in allen Kantonen gleich beurteilt. In der Westschweiz werden Verkehrssünder milder angefasst als in der Deutschschweiz.» Trotzdem ist für Arquint klar: «Eine Amnestie bringt mehr Vor- als Nachteile. Denn der Strafvollzug ist immer ein Binnensystem. Die Probleme aller Herren Länder können wir nicht lösen.» Die Amnestie könnte zudem rasch in Kraft treten – und die Schweiz könnte damit sehr schnell sehr viel Geld sparen.

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