1. Home
  2. Gesetze & Recht
  3. Strafvollzug: Erklärt uns das!

StrafvollzugErklärt uns das!

Für 29'000 Franken pro Monat soll ein gewalttätiger Teenager, bei dem sämtliche Massnahmen nichts nützten, resozialisiert werden. Da stellt die Öffentlichkeit zu Recht Fragen.

Von

Die Sendung «Reporter» auf SRF 1 trug den unschuldigen Titel «Der Jugend­anwalt». Was dann kam, bewegt seither die halbe Schweiz. Der Zürcher Jugendanwalt Hansueli Gürber, laut «Reporter» ein Mensch, «der sich gegen gesellschaftliche Normen stellt», präsentierte darin seinen Therapieansatz für einen 17-jährigen Gewalttäter, bei dem alle bisherigen Massnahmen versagt hätten.

Gürbers Lösung: Der Jugendliche – im Beitrag Carlos genannt – wohnt seit Anfang Jahr in einer 4½-Zimmer-Wohnung mit einer «Ersatzmutter», die ihm ein Zuhause vermitteln soll. Zudem zahlt ihm der Staat Thaiboxstunden bei einem zehnmaligen Weltmeister und einen Privatlehrer für den Schulunterricht. Das alles eingebettet in ein zehnköpfiges Team von Sozialarbeitern, die dem Jugendlichen helfen sollen, Tritt zu fassen. Kosten pro Monat: 29'000 Franken.

Seither geht es mit Carlos angeblich aufwärts. Es entwickle sich gut, man streite höchstens darüber, wer das schönere Zimmer habe, sagt «Ersatzmutter» Mariam im Fern­sehen. Auch Jugendanwalt Gürber ist vom Konzept «sehr überzeugt». Es habe Unterbringungen gegeben, «die das Doppelte kosteten».

Gut, kommen solche Fälle ans Licht

Der «Blick» sprach von «Sozialwahn», einem Staat, der einen ehe­maligen Messerstecher «zur Killer-Maschine» ausbilde. Die NZZ reagierte erst nach viertägigem Schweigen. Der «Tages-Anzeiger» verteidigte die Massnahmen und meinte, wenn die Wohnbetreuerin Carlos gegen seinen Willen dazu ­bringe, Ingwertee zu trinken, übe sie «subtilen Druck» aus auf den jungen Mann und bringe ihn «gekonnt dahin, wo sie ihn haben will». Gürbers einzige Fehlleistung sei es gewesen, den Fall überhaupt so zu präsentieren.

Ganz im Gegenteil: Es ist sehr gut, dass ein solcher Fall ans Licht gekommen ist. Es ­ist aufschlussreich zu erfahren, wie selbstverständlich, ja selbstherrlich sogar teuerste und fragwürdige Massnahmen anscheinend ohne kritische Rück­fragen angeordnet werden ­können. Und es ist vielsagend, wie die Medien gemäss ihren ­erwartbaren politischen Rollen reagierten und Position bezogen haben.

Der «Fall Carlos» zeigt, dass die Schweiz im Umgang mit schwer therapierbaren Gewal­t­tätern ein ernsthaftes Problem hat: Schwer erklärbare Massnahmen und Kosten werden je nach politischer Couleur skandalisiert, heruntergespielt oder schöngeredet.

Wir wollen die Massnahmen verstehen

Wir massen uns nicht an, die Erwägungen im Fall Carlos zu beurteilen oder zu ver­urteilen. Fachleute sprachen gegenüber dem Beobachter von einem «Einzelfall» und davon, dass man berücksichtigen müsse, «was durch eine Massnahme allenfalls an finanziellen und sozialen Kosten verhindert werden kann».

Tatsache aber ist, dass man dem schwer erziehbaren Carlos, der sich selber nicht vorstellen kann, acht Stunden am Tag zu arbeiten wie andere auch, eine luxuriöse Rundumwohlfühlwelt bezahlt. Tatsache ist, dass das heute 20-jährige Opfer, das von Carlos mit dem Messer lebensgefährlich verletzt wurde, bis heute lediglich eine Opferhilfe in Höhe von 3500 Franken in Aussicht gestellt bekam.

Sicher: Das sind zwei getrennte Betrachtungen, dennoch entsteht der Eindruck, der Staat kümmere sich stärker um die Täter als um die Opfer. Die bis jetzt bekannten Fakten müssen für all die stossend wirken, die sich abmühen, um über die Runden zu kommen. Es klingt nach einer Art Nötigung, wenn Gewalttäter derart umsorgt werden, bloss weil Gefahr besteht, dass sie erneut delinquieren.

Die Zürcher Regierung verspricht, dieser Tage einen ­Bericht zum Fall Carlo vorzulegen. Umfassende Aufklärung ist dringend nötig.

Es ist zweifellos richtig, dass möglichst alles getan werden soll, um entgleiste Jugendliche wieder auf die Bahn zu bringen. Und es ist nachvollziehbar, dass solche Massnahmen auch teuer sein können. Aber die Bevölkerung wird solche Massnahmen nur dann mittragen, wenn sie sie auch verstehen kann.

Dazu möchten wir wissen:

  • Sind solche Konzepte wirklich erfolgreicher als härtere Erziehungsmassnahmen?
  • Was rechtfertigt die Thaiboxausbildung für ­einen Gewalttäter wie «Carlos»?
  • Wären sozial reintegrierende Konzepte nicht auch deutlich günstiger zu haben?
  • Wer kontrolliert Aufwand, Kosten, Nutzen?


Wir sind ganz Ohr.

Veröffentlicht am 03. September 2013