Kurz vor 20 Uhr neigt sich für Anton B. (Name geändert) ein schwieriger Lebensabschnitt dem Ende zu. Er steht in der Küche des Spitals Limmattal in Schlieren; die Patienten auf den Zimmern sind verköstigt, der Abwasch ist gemacht, die Küche geputzt. Anton macht sich auf, Lebewohl zu sagen. Mit einem sonderbaren Gefühl im Bauch drückt er jeder Mitarbeiterin der Reihe nach die Hand und sagt dann beim Hinausgehen: «Hier werdet ihr mich bestimmt nie mehr wiedersehen – ausser für einen Besuch.»

Damit hat Anton einen Schlussstrich gezogen unter seine Verurteilung wegen Fahrens in angetrunkenem Zustand (FiaZ). Es passierte an der letzten Fasnacht, als er seine Familie im Bündnerland besuchte und frühmorgens seine Schwester nach Hause fahren wollte. «Statt den Vater anzurufen, er solle sie holen kommen, bin ich selbst gefahren», ärgert sich Anton heute noch. Er geriet in eine Kontrolle, musste ins Röhrchen blasen – 1,5 Promille. Da er schon einen FiaZ und zwei Ausweisentzüge auf dem Kerbholz hatte, mussten die Richter konsequent sein: 14 Tage Gefängnis unbedingt und 18 Monate ohne Führerschein.

Der Freizeitentzug schmerzt
Statt die Haft im Gefängnis abzusitzen, wählte Anton den Vollzug in Form von gemeinnütziger Arbeit – und kam so zu seinem Nebenjob in der Spitalküche.

14 Tage Gefängnis bedeuten 56 Stunden Arbeit – ein Tag Gefängnis wird in vier Stunden Froneinsatz umgerechnet, abzuleisten in der Freizeit, mindestens zehn Stunden pro Woche. Anton, der in einer Werkstofffirma als Lagerist arbeitet, ging plötzlich nach Feierabend nicht mehr nach Hause oder in die Beiz, sondern musste pünktlich um 17 Uhr im Spital erscheinen. Montag bis Freitag, immer bis 20 Uhr, fast einen Monat lang. Dem 29-Jährigen hat die Erfahrung etwas gebracht: «Ich möchte irgendwann meinen Beruf wechseln – heute könnte ich mir vorstellen, einmal etwas Soziales zu tun.»

Straftäter haben seit 1996 die Möglichkeit, eine Gefängnisstrafe bis zu 90 Tagen mit Fronarbeit abzugelten. Inzwischen gibt es diese Alternative zum Gefängnis in 22 Kantonen (ausser Tessin, Jura, Obwalden und Nidwalden). In der Schweiz wird heute rund ein Drittel aller Kurzstrafen in Form von Arbeitsdienst «abgesessen», das sind etwa 4000 Vollzüge pro Jahr. Fast die Hälfte aller Fälle betreffen FiaZ und andere Verkehrsdelikte, der Rest sind Drogen- oder Vermögensdelikte und anderes.

Der Arbeitsdienst ist kein Zuckerschlecken: Wer etwa in Zürich gemeinnützige Arbeit leisten will, muss zuerst beim Amt für Justizvollzug zu einer Sprechstunde erscheinen. Der zuständige Leiter, Peter Inglin, nennt dieses Gespräch den «Tatbeweis»: «Wir schauen, ob die Leute wirklich bereit sind, ihr Vergehen aktiv wiedergutzumachen. Wer ins Gefängnis geht, muss sich nur einmal aufraffen. Wer sich aber zu einer Arbeit verpflichtet, muss sich über eine längere Zeit immer wieder aufs Neue motivieren. So setzen sich die Leute intensiver mit ihrer Tat auseinander.» Zudem werde bei FiaZ der Besuch eines deliktbezogenen Seminars vorgeschrieben. Und man treffe die Leute dort, wo es in der heutigen Zeit am meisten wehtue: «Wir entziehen ihnen zwar nicht die Freiheit, aber die Freizeit.»

Daneben bietet die gemeinnützige Arbeit auch handfeste materielle Vorteile: Allein im Kanton Zürich werden jährlich über 124000 Stunden Fronarbeit geleistet, das entspricht etwa 65 Vollzeitstellen. «Dabei nehmen wir niemandem die Arbeit weg», betont Inglin, vielmehr würden Aufgaben erledigt, die sonst zu kurz kämen: Küchenhilfe im Spital, Patientenbetreuung im Altersheim, Putzdienste in Grünanlagen. Rechnet man die geleistete Stunde zu 20 Franken, entsteht ein volkswirtschaftlicher Nutzen von 2,5 Millionen Franken jährlich. Zusätzlich hilft die Massnahme, Kosten zu sparen: Zirka 30000 Gefängnistage müssen nicht vollzogen werden – eine Einsparung von rund 4,5 Millionen Franken.

Mehr Nutzen als Kosten
«Pro Hafttag kostet die gemeinnützige Arbeit etwa 50 Franken», sagt Inglin, «der Vollzug im Gefängnis würde 150 kosten. Die gemeinnützige Arbeit ist die einzige Vollzugsform mit Nutzenüberschuss.» Abbrüche wegen Unpünktlichkeit oder nicht kooperativen Verhaltens, was eine Einweisung ins Gefängnis zur Folge hätte, sind selten: Über 80 Prozent der Klienten schliessen ihren Frondienst ab, ohne gegen die Auflagen zu verstossen.

Wenn sie so erfolgreich ist – warum wird die Fronarbeit nicht häufiger eingesetzt? Peter Inglin erklärt: «Es eignen sich eben nicht alle dafür; es gibt Leute, die haben keine Zeit oder wollen nicht.» Das revidierte Strafgesetzbuch, das 2006 in Kraft treten soll, beurteilt Inglin skeptisch. Dort ist vorgesehen, Haftstrafen von bis zu sechs Monaten in gemeinnützige Arbeit umzuwandeln. Ein Delinquent müsste dann bereit sein, bis zu zwei Jahre lang auf Freizeit zu verzichten. Experten befürchten deshalb eine Zunahme der Abbrüche. Ausserdem wird der Richter die Sanktion direkt aussprechen (heute sind es die Vollzugsbehörden), was das Verfahren komplizierter und langwieriger macht.

«Nie mehr ins Gefängnis»
Für Peter Inglin spielt das Tempo eine wichtige Rolle: «Gemeinnützige Arbeit bewährt sich auch deshalb, weil zwischen Verurteilung und Strafantritt wenig Zeit vergeht. Die Motivation, sein Leben zu ändern, ist kurz nach Erhalt des Urteils am höchsten und flacht dann ab.» Weil die Gefängnisse überbelegt sind, müssen Verurteilte oft lange warten, bis eine Zelle frei ist.

Wie wichtig es ist, Alternativen zum Knast anzubieten, zeigt auch das Beispiel von Maya S. (Name geändert). Die 35-Jährige handelte jahrelang mit Heroin und Kokain, um ihren Drogenkonsum zu finanzieren; heute ist sie HIV-positiv und erhält eine Invalidenrente. Mehr als zwei Jahre ihres Lebens hat sie in Gefängnissen zugebracht. Kürzlich wurde sie mit ein paar Gramm Marihuana erwischt und mit weiteren zehn Tagen Gefängnis bestraft. Die Strafe kann sie im Arbeitsbetrieb der Zürcher Stiftung für Gefangenen- und Entlassenenfürsorge (ZSGE) abarbeiten – Maya stellt aus Computerschrott Schmuck her.

Für einen Einsatz in einem Spital oder Heim wäre Maya nicht in Frage gekommen; sie gilt, wie alle ZSGE-Klienten, als «zu wenig stabil und verbindlich», erklärt Geschäftsführer Thomas Wüthrich. Viele wären im normalen Erwerbsleben überfordert. «Wir geben ihnen eine neue Tagesstruktur, was ihre Situation nachhaltig verbessern kann», sagt Wüthrich. Aber auch der Staat profitiert: Leute wie Maya S. wieder und wieder ins Gefängnis zu schicken bringt bloss hohe Kosten bei fraglichem Nutzen – die ZSGE erspart der Staatskasse Gefängniskosten von rund 300'000 Franken netto pro Jahr.

Maya möchte nie wieder ins Gefängnis. Nur zu gut erinnert sie sich an ihre längste, 14-monatige Haft: «Das hat mir unheimlich zugesetzt», erzählt sie mit gesenktem Blick. Als sie das Urteil erhielt, habe sie mit dem Heroin sofort aufgehört, um vor Haftbeginn clean zu sein. Doch dann musste sie über ein halbes Jahr warten, bis im Knast ein Platz frei war. «Diese Warterei machte mich fertig», sagt sie seufzend. «Wenn man dazu bereit ist, sollte man eine Strafe sofort antreten können. Und gerade im Knast ist es schwierig, die Finger von den Drogen zu lassen – da kommt alles rein, was man sich nur denken kann.»

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