Das schwarze Plastikding ist nicht grösser als eine Zigarettenschachtel. Für seinen Träger ist es aber eine Riesenlast: Es raubt ihm die Bewegungsfreiheit. Die Rede ist von der elektronischen Fussfessel, die seit Anfang September auch im Schweizer Strafvollzug probeweise eingesetzt wird. «Electronic Monitoring» heisst die Fachbezeichnung für den elektronisch überwachten Hausarrest, der die Gefängnisstrafe in den eigenen vier Wänden möglich macht.

Das Gerät, das am Fussgelenk des Straftäters befestigt wird, enthält einen kleinen Sender. Nur zu ganz bestimmten Zeiten darf der «Gefangene» das Haus verlassen und zur Arbeit gehen. Uberschreitet er den erlaubten Bewegungsspielraum, piepst es im Computer der Uberwachungszentrale, und im Nu rücken die externen «Gefängniswärter» aus – Big Brother is watching you.

Die Fessel, die aus Amerika kam, hat zweifellos Vorteile: Straffällig gewordene Menschen werden nicht mehr aus ihrem sozialen und beruflichen Umfeld gerissen. Sie müssen sich nicht zuerst an das Leben hinter Gefängnismauern gewöhnen, um später von Sozialhelfern wieder ins Leben «draussen» integriert zu werden. Zudem werden Kosten gespart – vorausgesetzt, die elektronische Fessel besteht ihre dreijährige Bewährungszeit.

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Wie die Halbgefangenschaft oder die Strafumwandlung in gemeinnützige Arbeit ist auch der elektronisch überwachte Hausarrest in der Regel nur als Ersatz für kurze Freiheitsstrafen vorgesehen. Und die sind relativ häufig: 1996 wurden in der Schweiz rund 34000 bedingte und 10300 unbedingte Freiheitsstrafen ausgesprochen. Bei den Inhaftierungen handelte es sich in fast 90 Prozent der Urteile um kurze Freiheitsstrafen bis zu sechs Monaten.

Der revolutionäre Pilotversuch hat die Diskussion über den Sinn von Gefängnisstrafen neu lanciert. Am Beispiel der Fussfessel lassen sich die Extrempositionen rund um den Strafvollzug ausloten: Die einen verurteilen das Electronic Monitoring als «menschenverachtend», die anderen als haarsträubend «täterfreundlich».

«Nulltoleranz» wird salonfähig

Unter dem Eindruck des Tötungsdelikts in Zollikerberg ZH im Oktober 1993, als der zu lebenslanger Haft verurteilte Mörder und mehrfache Vergewaltiger Erich Hauert während eines Hafturlaubs eine junge Frau brutal umgebracht hatte, wurde in der Bevölkerung der Ruf nach Sühne laut. Prozesse wie jener des «Babyquälers» Rene Osterwalder nährten den Wunsch nach Todesstrafe oder Zwangskastration von Sexualstraftätern.

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Doch nicht nur die Bevölkerung ist verunsichert. Die Schlagzeilen über die «therapieresistenten Ungeheuer» zeigten Wirkung bis hinauf zur Urteilssprechung: Seit dem Fall Hauert berufen sich die Richter viel öfter auf den Paragraphen 43 des Strafgesetzbuchs («geistige Abnormität») und sprechen dreimal häufiger Verwahrung aus: die einzige Form des Freiheitsentzugs, die lebenslänglich und ohne Bewährung sein kann. Befanden sich in der Zürcher Strafanstalt Regensdorf-Pöschwies 1994 nur elf Verwahrte, so waren es im vergangenen Jahr bereits 31. Das sind immerhin fast zehn Prozent der Insassen.

Wegsperren zum Schutz der Öffentlichkeit statt Resozialisierung und Bewährungshilfe, heisst heute die Devise. Michael Lüthi, Sekretär der Schweizerischen Vereinigung der Bewährungshilfe, kann die Wut und die Ängste der Bevölkerung durchaus verstehen. «Aber der Mord in Zollikerberg, bei dem Fehler in der Täterbeurteilung passierten, hatte Konsequenzen. Heute werden Urlaubsgesuche und Anträge für Straferleichterung von diversen Stellen kontrolliert.» In Zürich wurde gar ein spezieller Ausschuss für gemeingefährliche Täter ins Leben gerufen.

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Doch wo Menschen Menschen beurteilen, bleibt immer ein Restrisiko. Zudem handelt es sich bei schweren Verbrechern nur um eine kleine Minderheit. Michael Lüthi: «Das grosse Heer der Straffälligen bewegt sich auf der anderen Seite der Kriminalitätsskala, wo Delikte wie Diebstahl, Betrug, Raub oder Drogenhandel stehen.»

Bewährungshelfer sind überfordert

Durch die Forderungen nach Haftverschärfungen sei das Modell der Resozialisierung mit begleitender Bewährungshilfe um Jahre zurückgeworfen worden, warnt Michael Lüthi. Er wünscht sich deshalb eine öffentliche Debatte, die sich wieder vermehrt um den Sinn von Strafen dreht: «Ziel des modernen Strafvollzugs kann nicht allein das Bestrafen sein. Der Täter soll gebessert und wieder mit der Gesellschaft versöhnt werden.»

Die Bewährungshelfer, die den kantonalen Justizdirektionen unterstehen, agieren in einem ungemütlichen Spannungsfeld: Sie müssen die verschiedenen Interessen von Justiz, Gesellschaft und Straftätern unter einen Hut bringen.

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Kein leichtes Unterfangen, zumal sich die Betreuungsaufgaben in den vergangenen Jahren gewaltig verändert haben. Waren die Bewährungshelfer einst vor allem für die Schutzaufsicht zuständig, beginnt ihre Arbeit heute schon während der Untersuchungshaft und zieht sich weit übers Ende des Strafvollzugs hinaus. Die Sozialtätigen müssen heute nicht nur Begleiter sein, sondern gleichzeitig Drogenspezialisten, Wohnungs- und Arbeitsvermittler sowie Schuldensanierer.

In Kantonen wie Zürich, wo sich ein Bewährungshelfer um 70 bis 100 Klienten gleichzeitig kümmern muss, sind Uberforderung und Vernachlässigung der individuellen Betreuung deshalb die logische Konsequenz. Michael Lüthi und viele andere Bewährungshelfer hoffen auf das neue, revidierte Strafgesetzbuch, das Besserung verspricht.

Eine andere Hoffnung setzt Lüthi in den Arbeitsmarkt. Seine Vision ist ein Hand-in-Hand-Gehen des Strafvollzugs und der Wirtschaft: «Was nützen Aus- und Weiterbildung oder andere Arbeitsprojekte hinter verschlossenen Gefängnistoren, wenn sie jenseits der hohen Mauern nicht fortbestehen können?»

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Konsequentes Umdenken gefragt

Besser wäre es, wenn Unternehmen das Patronat über Häftlinge übernähmen, sich an ihrer Berufsausbildung respektive Weiterbildung beteiligten und sie nach der Entlassung auch anstellten, glaubt Michael Lüthi. «Das könnte die bestehenden Lücken im Hilfssystem zwischen "drinnen" und "draussen" schliessen und wäre ein taugliches Sprungbrett zurück in die Gesellschaft.»

Damit Resozialisierung keine Worthülse bleibt, ist konsequentes Umdenken gefragt. Linard Arquint, Direktor der Zuger Strafanstalt Bostadel, hat das Dilemma treffend mit den Worten umschrieben: «Wir können das Schwimmen nur am Strand üben und hoffen, dass der Gefangene am Tag X, wenn er erstmals ins Wasser kommt und dabei gleich von der Brandung erfasst wird, nicht kläglich untergeht.»