Diese Pokerpartie wird derzeit mit besonders hohen Einsätzen gespielt. Es geht um die A-Konzessionen des Bundes für die so genannten Grands Jeux – Spielbanken mit grossen Tischspielen wie Roulette oder Black Jack. Ab dem 1. April 2000, wenn das neue Spielbankengesetz in Kraft tritt, dürfen Konzessionsgesuche gestellt werden. In der ersten Hälfte des Jahres 2001 wird der Bund entscheiden, wo die Kugel rollen darf.

Schon heute zeichnet sich ab, dass aus dem Tessin mindestens ein halbes Dutzend Projekte um den Segen aus Bern buhlen wird – obschon Bundesrätin Ruth Metzler signalisiert hat, dass höchstens zwei Bewilligungen für Grands Jeux an den Südkanton gehen werden.

Für den rentablen Betrieb einer Spielbank ist laut Insidern ein Einzugsgebiet von einer Million Einwohnern erforder- lich – im Tessin leben aber nur 280'000 Personen. Der Grund für das dennoch grosse Interesse am Kasinostandort Tessin liegt in Italien: In der Lombardei, einer der dynamischsten und reichsten Wirtschaftsregionen Europas, leben unweit vom Tessin acht Millionen Menschen. Dieses Potenzial an Glücksspielern liegt weitgehend brach.

Mit entsprechend hohem Einsatz kämpfen die Promotoren derzeit um die beste Ausgangsposition. Zwei Beispiele: Die einheimische Interessengemeinschaft Accento SA der traditionellen Kursaalbetreiber von Locarno und Lugano hegt Projekte für Luxuskasinos in Lugano und Ascona. Sie bemüht sich um einen seriösen, offiziellen Anstrich und hat das Tessin dazu gebracht, als erster Kanton für die von Accento ausgebildeten Kasino-Animatoren ein offizielles Berufsdiplom auszustellen.

Anzeige

180 Millionen Jahresumsatz
Der Schweizer Branchenleader Swiss Casinos AG aus Zürich kontert diesen Imagevorteil mit raffinierter Standortwahl: Er will an der Autobahn in Chiasso in unmittelbarer Grenznähe für 40 Millionen Franken einen Spieltempel aus dem Boden stampfen. 180 Millionen Franken Jahresumsatz erhofft sich die Betreiberin.

In den Standortgemeinden der geplanten Tessiner Spielbanken freut man sich schon auf das Geld, das der öffentlichen Hand sowie Vereinen und Organisationen zufliessen wird. Doch das Glücksspiel bringt auch Probleme – das Tessin hat entsprechende Erfahrungen bereits gemacht. Mit den Kursälen in Locarno, Lugano und Mendrisio, wo vor allem an Automaten gespielt wird, hat der Kanton schon heute die grösste Kasinodichte der Schweiz. «Das hat Probleme gebracht», sagt die Tessiner Sozialministerin Patrizia Pesenti. Gemäss Tazio Carlevaro vom sozialpsychiatrischen Dienst des Kantons gibt es im Tessin rund 6000 gefährdete Spieler, 3000 von ihnen kämpfen mit akuten Schwierigkeiten.

Anzeige

Hilfe für Spielsüchtige
Die zwei Konzessionen für Grands Jeux sowie die zwei B-Bewilligungen für Kursäle, die der Bund wohl ans Tessin vergeben wird, werden den Südkanton noch mehr zum Glücksspielparadies machen. Pesenti sieht Gefahren weniger bei den Grands-Jeux-Tempeln mit ihren strengen Zutrittsbedingungen. Problematisch seien jene Spiellokale, zu denen praktisch alle Zugang haben und wo viele in Versuchung geraten, das letzte Geld zu verspielen.

Laut Tazio Carlevaro hat die verschärfte Glücksspielproblematik allerdings die Sensibilität bei Sozialarbeitern wie Kasinobetreibern verstärkt, so dass im Tessin – im Unterschied zu anderen Kantonen – ein funktionierendes Netz mit Hilfsangeboten für Spieler mit Problemen aufgebaut worden sei.