Nachdem der Fall von sexueller Belästigung durch einen Vorgesetzten intern aufgeflogen war, waren die Erwartungen von Mitarbeitenden der Zürcher Sektion klar. «Wir wünschten, dass die Geschäftsleitung rechtzeitig Kontakt mit den betroffenen Frauen aufnimmt. Die Vorwürfe anhört. Und alle Beteiligten, inklusive Roman Burger, freistellt, um die Lage zu besprechen und die Situation zu klären», sagt eine Unia-Mitarbeiterin der Zürcher Sektion, die anonym bleiben möchte.

«Beeinflussung vermeiden»

Das Vorgehen der Geschäftsleitung entsprach nicht diesen Vorstellungen. So liess sie die Anschuldigungen zwar wie im Reglement vorgesehen von einer externen Fachstelle untersuchen und ermahnte auf deren Empfehlung Roman Burger. Die Geschäftsleitung wartete aber einen Monat, bis sie die betroffenen Frauen kontaktierte. Laut Medienstelle der Unia bewusst: «Es ist nicht die Aufgabe der nationalen Geschäftsleitung, Vorwürfe von sexueller Belästigung abzuklären.» Man habe die Frauen erst später kontaktiert, um «den Anschein eines Beeinflussungsversuches» zu vermeiden.

Kritisiert wird zudem, dass Burger weiterhin zur Arbeit erschien, an Krisensitzungen teilnahm und intern über den Fall informierte – obwohl er als potenzieller Täter im Hintergrund hätte bleiben sollen. Für einige der Belegschaft nicht tragbar: «Mehrere Leute liefen bei dieser Veranstaltung aus dem Raum», erinnert sich eine Gewerkschafterin. «Sie sagten: Von dir lassen wir uns nicht informieren.»

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Nico Lutz, in der nationalen Geschäftsleitung für die Region Zürich zuständig, kann diese Kritik nachvollziehen. Auf die Freistellung von Burger habe man aber verzichtet, da die Vorfälle bereits fünf Monate und ein Jahr zurückgelegen hätten.

Frauen wollten nicht in die Medien

Die umstrittenen Fragen zum Verhalten von Burger und der Geschäftsleitung heizten die Berichterstattung der letzten Wochen an. Opfer sind die zwei Frauen, die laut anonymen Quellen auf keinen Fall wollten, dass die Geschichte an die Öffentlichkeit gelangt. Aber auch Burger wird unter den vielen Artikeln leiden. «Dass er bleiben wollte, war klar», sagt eine Zürcher Gewerkschafterin. «Aber da hätte ihn die Geschäftsleitung vor sich selber schützen müssen.»

Der Fall Unia zeigt exemplarisch, was eine sexuelle Belästigung mit dem Arbeitsklima anstellen kann. Die zwei betroffenen Frauen sind momentan auf eigenen Wunsch beurlaubt. Im Team der Sektion Zürich-Schaffhausen ist eine Mitarbeiterin krankgeschrieben. Drei Frauen haben inzwischen aus Protest gekündigt. Weitere überlegen sich laut einer Mitarbeiterin, ebenfalls zu gehen.

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Quelle: Cultura RM/Masterfile