Rohstoffhändler beherrschen das Steueroptimieren perfekt. Sie lassen Gewinne so lange von Tochterfirma zu Tochter­firma fliessen, bis sie in einer Steueroase ver­sickert sind. Und kommt es dennoch dazu, dass auf der Habenseite eine zehnstellige Zahl aufleuchtet, greifen sie in die Trickkiste – und schwups! sind die Gewinne plötzlich Verluste.

Wie das geht, demonstrierte der Branchenriese Glencore Xstrata im August: Er berichtigte den Wert von frisch übernommenen Minen – schon resultierte ein buchhalterischer Verlust von knapp neun Milliarden Dollar. So fallen im ersten Halbjahr 2013 keine Gewinnsteuern an. Und nächstes Jahr startet der Konzern mit einer Steuergutschrift von 163 Millionen. Damit setzt Glencore Xstrata seine Tradition ungebrochen fort. Bereits 2010 und 2011 hatte man Gewinnsteuern erfolgreich vermieden.

Weil alles so wundersam funk­tionierte, wurde das Füllhorn über der Konzernspitze ausgeschüttet. Fir­men­chef Ivan Glasenberg bekam als grösster Einzelaktionär dieses Jahr bisher 59,5 Millionen Dollar, die ­Abteilungsleiter der Bereiche Kupfer, Öl, Zink und Kohle kassierten bis zu 22,5 Millionen Dollar.

Tiefe Steuern sind der Hauptgrund, warum die Schweiz zur Drehscheibe des Rohstoffhandels aufstieg. Eine aktuelle Studie der Credit Suisse zeigt, dass die «steuerliche Attrakti­vität» der Hauptgrund ist, warum Zug «mit einigem Vorsprung die höchste Standortqualität aller Schweizer ­Kantone» aufweist.

173 Millionen Dollar steuerfrei – für den Chef

Solche Standortpolitik hat aber ein Problem: Das Zuger Volk hat wenig davon. Denn die ­Rohstoffbranche zahlte letztes Jahr lächerliche 36 Millionen Franken Kantons- und Gemeindesteuern, wie die Kantonsregierung jetzt eingestehen musste. Und das, obwohl «aktuell keine einzige Gesellschaft, somit auch keine Gesellschaft aus der Rohstoffbranche, Steuererleichterungen» geniesse, wie die Regierung anfügte.

36 Millionen sind ein Klacks, wenn man ­bedenkt, dass Glencore-Chef Ivan Glasenberg letztes Jahr gemäss der Wirtschaftsagentur Bloomberg 173 Millionen Dollar an Dividenden einstrich – selbstverständlich steuerfrei. Oder wenn man weiss, dass Glencore und Xstrata, ­inzwischen fusioniert, 245,6 Milliarden ­Dollar umsetzten. Oder dass der Konzern in den ­beiden nächsten Jahren 30 Milliarden ­Dollar ­investieren will.

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In Ländern, in denen Glencore Xstrata Erze abbaut, ist der Weltkonzern aus Baar ebenso ­erfolgreich im Steuersparen. Etwa in der Demokratischen Republik Kongo, dem ärmsten Land der Welt, in dem vier von fünf Menschen mit weniger als 20 Rappen pro Tag überleben müssen. Den Rohstoffriesen kümmert das wenig. Seine kongolesischen Töchter schreiben allesamt Verluste. Die Gewinne wandern in die Briefkastenfilialen ab, die der Konzern unter anderem in der Karibik unterhält. Diese Form der aggressiven Steueroptimierung sei nur ­möglich, solange jede Tochterfirma einzeln ­besteuert werde, kritisiert Andreas Missbach von der Erklärung von Bern, einer Organisation, die sich um eine gerechtere Globa­lisierung kümmert. «Die Fiktion der Selbständigkeit verkennt, dass viele dieser Konstrukte einzig dem Zweck dienen, die Steuerzahlungen der Mutter­gesellschaft zu drücken.»

Ein Schweizer Dorf macht nicht mit

Dass Rohstoffhändler auch in der Schweiz kaum Steuern zahlen, ist ein Skandal erster Güte. Der Skandal liegt aber nicht allein in deren Skrupel­losigkeit. Sie handeln nach der Logik der Gewinnmaximierung, um gesellschaftliche Kollateralschäden kümmern sie sich nicht. Es zeigt sich auch hier: Die Gewinne streichen die ­Konzerne ein, die Reputationsrisiken trägt am Ende die Schweiz.

An dieser Misere sind letztlich aber wir selber schuld. Wir, die Steuergesetze durchgewinkt haben, die solche Steuervermeidungspraktiken überhaupt erst ermög­lichen. Wir haben es in unserer halbdirekten Demokratie aber auch in der Hand, dies zu ­korrigieren. Genau so, wie das die Stimmbürger von Hedingen jüngst taten. Die kleine Zürcher Gemeinde spendet einen Teil der Steuereinnahmen, die sie nach dem Börsengang von Glencore machte, an Hilfswerkprojekte in jenen Ländern, in ­denen der Konzern die Rohstoffe abbaut. Das ist zwar nur ein Tropfen auf den heissen Stein, aber ein symbolischer Akt mit Breitenwirkung. Hedingen jedenfalls hat mit seinem Entscheid international für Schlagzeilen gesorgt, etwa im britischen «Guardian». Und die waren äusserst günstig für uns Schweizer.

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