Beobachter: Spuckverbote, Urinierverbote, Bussen für das Liegenlassen von Abfall. Betreiben wir einen Sauberkeitskult?
Mario Erdheim: Wir sind eine Gesellschaft, die unglaublich viel Abfall produziert. Völlig irrsinnig. Nach dem Züri-Fest oder der Street-Parade bleiben Berge von Abfall zurück. Darüber, dass wir eine solche Abfallgesellschaft sind, regt sich niemand auf. Gleichzeitig ertönt der Ruf nach mehr Sauberkeit. Das ist eine Form von Verschiebung.

Beobachter: Verschiebung?
Erdheim: In der Traumdeutung hat der Psychoanalytiker Sigmund Freud den Begriff der Verschiebung eingeführt. Wenn man von dem träumen würde, was einem tagsüber grosse Sorgen bereitet hat, könnte man kein Auge zumachen. Deshalb wird das Problem leicht verschoben, in einen Bereich, der beruhigend ist, und der Mensch kann schlafen. Eben eine solche Verschiebung findet hier statt.

Beobachter: Inwiefern?
Erdheim: Die Deregulierung - alles muss dem Markt gehorchen, der Staat wird abgebaut - schafft enorme Unsicherheiten. Wenn der Staat in seinen Wohlfahrtsfunktionen derart stark eingeschränkt wird, muss er mit Unruhen rechnen. Der Sauberkeitswahn lenkt die Aufmerksamkeit auf etwas Machbares. Das beruhigt und gibt einem die Sicherheit zurück. Saubere Strassen, saubere Städte - das ist machbar für uns. Hingegen gerechtere und sicherere Verhältnisse schaffen - das ist sehr viel schwieriger. Nicht jeder, der irgendwelche Wirtschaftsbetrügereien durchführt, wird gebüsst. Bei einem Desaster wie dem Grounding der Swissair galten am Schluss alle als unschuldig. Aber wenn jemand einen Papierfetzen fallen lässt, kann ich sofort sagen, den habe ich jetzt erwischt, den kann ich büssen.

Beobachter: Steckt dahinter auch der Wunsch nach mehr Sicherheit?
Erdheim: Genau. Es gibt den schrecklichen Ausdruck der Nulltoleranz. Toleranz war einer der wichtigsten Werte, um das Zusammenleben in einer Gemeinschaft zu organisieren. Plötzlich ist Toleranz ein Schimpfwort. Und wir sprechen von Nulltoleranz als etwas Erstrebenswertem. Auch im Hinblick auf Schmutz, Unordnung und solche Sachen. Toleranz ist verdächtig, etwas für Schwächlinge. Heute heisst Sicherheit: Nulltoleranz, mehr Polizei. Sicherheit könnte aber auch bedeuten, Verhältnisse zu schaffen, in denen die Leute gar nicht auf die Idee kommen, jemanden zu überfallen.

Beobachter: Der Schmutz, die Sprayereien an den Hauswänden, der unachtsame Umgang mit Müll - Politiker sehen darin einen Wertezerfall.
Erdheim: Eigentlich bröckeln doch viel zentralere Werte als Anstand und Sauberkeit. Ich meine die gesellschaftliche Solidarität oder die Volksschule. Bis vor kurzem spielten Privatschulen noch keine grosse Rolle. All das bricht heute zusammen. Auch hier kommt diese Deregulierung hinein. Jetzt denkt man sich: Einen gemeinsamen Nenner haben wir doch wenigstens noch, wir wollen alle eine saubere Stadt. Sauberkeit wird derart aufgeblasen - als ob es das zentrale Problem unserer Gesellschaft wäre. Darüber vergisst man, dass im Hintergrund ganz andere Dinge wegbröckeln.

Beobachter: Offenbar sind viele der Meinung, unsere Städte seien zu dreckig.
Erdheim: Wenn wir in einer mittelalterlichen Stadt leben müssten, würde uns der Ekel packen. So sauber, wie wir heute leben, hat vor uns wohl nie jemand gelebt. Es ist, wie gesagt, eine Verschiebung. Man könnte auch sagen: eine Ablenkung. Die «Titanic» sinkt, aber man will unbedingt noch den Wasserhahn in der Kajüte reparieren, weil er tropft. Die Massstäbe werden völlig verdreht. Wir hätten ja ein echtes Müllproblem, nämlich den radioaktiven Müll. Aber der ist bei all den Debatten gar nicht gemeint. Es fehlt die Bereitschaft, gegen den etwas zu unternehmen. Wir halten uns lieber an diejenigen, die ein Stück Papier fallen lassen. Die können wir leichter schnappen.

Beobachter: Es wird immer verbissener um den öffentlichen Raum gerungen. In Basel sollen künftig sogar Jugendliche von der Polizei weggewiesen werden können, bevor sie überhaupt etwas verbrochen haben. Ein «Stinkefinger» reicht schon.
Erdheim: Es hat etwas Skurriles, dass in einer geldgierigen Gesellschaft, in der soziale Gerechtigkeit und Verantwortungsbewusstsein nicht durchzusetzen sind, versucht wird, die Jugendlichen mit solchen Belanglosigkeiten zu erziehen. Wenn man schon die Manager nicht erziehen und zur Rechenschaft ziehen kann, will man wenigstens die Jugendlichen in den Griff bekommen. Die kann man ja erwischen. Die andern erwischen wir nicht, die sind zu weit oben, die können sich schützen. Aber die, die den Stinkefinger zeigen, die werden weggewiesen. Mit diesen Widersprüchen wollen wir jedoch nichts zu tun haben. Die werden weggeputzt. Wir wollen ein sauberes, reines Denken, in dem diese Widersprüche nicht mehr vorkommen.

Beobachter: Anderseits könnte man auch argumentieren, dass der öffentliche Raum jedem gehört - und die Wegweisungsartikel dienen dazu, dass tatsächlich auch jeder den öffentlichen Raum nutzen kann. Nicht nur eine Gruppe von auffälligen Jugendlichen.
Erdheim: Diese Jugendlichen, die sich auffällig verhalten, sind Symptome unserer Gesellschaft, die man nicht wahrhaben will. Deshalb verbannt man sie aus dem öffentlichen Raum. Mit den Wegweisungsartikeln betreibt man Symptombekämpfung, statt sich um die Wurzel des Problems zu kümmern.

Beobachter: Nun haben es die Behörden auf das sogenannte Rauschtrinken unter Jugendlichen abgesehen. Ist der Rausch subversiv?
Erdheim: Das ist meines Erachtens nicht das zentrale Problem. Problematisch ist vielmehr der Widerspruch, der geschaffen wird, indem einerseits der Rausch verpönt ist und anderseits rauschfördernde Grossanlässe organisiert werden. Rauschtrinken ist an solchen Anlässen, die emotional stark besetzt sind, kaum zu vermeiden. Bei Fussballmeisterschaften etwa wird patriotische Begeisterung frei, viele verlieren ihre Hemmungen, schreien und jubeln, fühlen sich als Sieger oder Verlierer - und beides bietet guten Grund, zum Alkohol zu greifen. Mit diesen Veranstaltungen werden also Gelegenheiten geschaffen, sich einen Rausch anzutrinken. Gleichzeitig verbietet man den Alkohol. Das muss die Leute verwirren und wütend machen.

Beobachter: Halten Sie Verbote für die falsche Lösung?
Erdheim: Verbote, die mit so massiven Widersprüchen behaftet sind, werden kaum eingehalten. Ein Kleinkrieg bricht aus, der sich wie Feinstaub über die Gesellschaft legt. Was mich vor allem beunruhigt, ist, wie einerseits der Wohlfahrtsstaat abgebaut wird und anderseits der Ruf nach dem Sicherheitsstaat immer lauter wird - Pinkelverbote, Wegweisungen, Alkoholverbote. Das kann doch nicht Sinn und Aufgabe eines Staates in unserer Zeit sein.

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