Sascha B. brauchte das Messer mit der langen, spitzen Klinge nur einmal pro Jahr – für die «Hasenmetzgete». Doch in der Nacht vom 5. auf den 6. Juli 1996 legte er es auf sein Nachttischchen. Als seine Frau Maja B. von ihrer Freundin zurückkehrte, bedrohte er sie mit dem Messer und vergewaltigte sie.

Zu diesem Sachverhalt machten die Ehepartner gegenüber der Polizei beinahe identische Angaben. Einzig was den Einsatz des Messers betrifft, gingen die Schilderungen der beiden leicht auseinander. Gemäss Maja B. richtete ihr Gatte das Messer erst gegen ihre Brust und setzte es ihr später an den Hals. Sascha B. hingegen sagte aus: «Es mag sein, dass ich das Messer in die Hand nahm und ihr damit drohte. Tatsache ist jedoch, dass ich meine Frau dabei nicht verletzte.»

Der Ehemann schliesst nicht aus, dass er das Messer benutzt hat. Das ist für die Strafverfolgung wichtig. Vergewaltigt nämlich ein Ehemann seine Frau, ohne dabei eine Waffe einzusetzen, so muss sie einen Strafantrag einreichen, damit die Tat geahndet wird. Sie kann den Strafantrag auch wieder zurückziehen. Verwendet der Ehemann aber einen gefährlichen Gegenstand, wird die Tat zum Offizialdelikt. Der Strafantrag erübrigt sich; die Tat muss verfolgt werden, sobald die Polizei davon Wind bekommt. Dies war bei Maja B. der Fall. Ihr Mann verwendete ein Messer – ohne Zweifel ein gefährlicher Gegenstand.

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Richter mit Wissenslücken
Am Morgen nach der Vergewaltigung suchte Maja B. sofort den Arzt auf. Sie hatte Angst, schwanger zu werden. Der Mediziner verschrieb ihr «die Pille danach» und verständigte auch die Polizei, die die Angaben von Maja B. aufnahm. Der Bericht wurde an den Untersuchungsrichter weitergeleitet. Der rechtskundige Mann hätte eigentlich wissen müssen, dass es sich hier um ein Offizialdelikt handelt. Doch er leitete keine Strafverfolgung ein – ein krasser Fehler.

Sascha B. wurde erst befragt, nachdem seine Frau Anzeige erstattet hatte. Er hob hervor, seine Frau habe ihm den Geschlechtsverkehr verweigert, seit vor drei Jahren das dritte Kind zur Welt gekommen sei. In den wenigen Ausnahmefällen habe er als Gegenleistung Haushaltarbeiten verrichten müssen. Er verdächtigte seine Gattin auch, einen Freund gehabt zu haben.

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Maja B. bestätigte, dass sie sehr wenig Intimkontakt mit ihrem Mann gehabt habe. Sie machte dafür aber die Alkoholprobleme ihres Mannes verantwortlich. Zudem habe er sie nie bei der Erziehung der Kinder unterstützt. Die Version «Sex gegen Haushaltarbeiten» bezeichnete sie als Lüge. Am Tag der Vergewaltigung habe sie ihrem Mann eine befristete Trennung vorgeschlagen. Darauf sei er ausgerastet; sie habe deshalb den Abend bei ihrer Freundin verbracht.

Nach der Vergewaltigung erfolgte die Ehescheidung innerhalb eines Jahres. In der Scheidungskonvention erklärte sich Maja B. bereit, ihren Strafantrag wegen Vergewaltigung zurückzuziehen. Warum? Maja B.: «Ich war dermassen am Boden zerstört, dass ich nur noch tat, was mir andere Leute sagten. Ich wusste nicht mehr, was ich selber wollte.» Zugeredet habe ihr vor allem ihr Anwalt. Wenn ihr Mann ins Gefängnis müsse, so das Argument, könne er keine Alimente mehr bezahlen. So tat sie, was sie rechtlich gar nicht hätte tun können: Sie zog ihren Strafantrag zurück. Und die Walliser Justiz akzeptierte diesen Rückzug.

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Der Täter muss zittern
Maja B. gelangte später zur Uberzeugung, dass sie einen Fehler gemacht hatte. Der Kragen platzte ihr wegen eines neuen Verfahrens gegen ihren Mann. Dieser war in ihre Wohnung eingestiegen und hatte Gegenstände mitgenommen. Sie zeigte ihn an – er erhielt eine Busse wegen Hausfriedensbruchs. Das Gericht befand jedoch, Sascha B. habe nicht alle Dinge mitlaufen lassen, die seine Exfrau angegeben habe. Maja B. musste 250 Franken an die Verfahrenskosten zahlen. Eine Regelung, die nur wenige Kantone kennen. Meist übernimmt der Staat diese Kosten.

Maja B. kam sich verschaukelt vor. Sie wandte sich an das Beobachter-Beratungszentrum. Der zuständige Berater forderte sie auf, sich an die Walliser Opferhilfestelle zu wenden. Diese riet ihr, eine Anwältin damit zu beauftragen, ihre Vergewaltigung doch noch vor Gericht zu bringen.

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Das hat Maja B. nun getan. Ihr Mann wird sich mit grosser Wahrscheinlichkeit für die Vergewaltigung seiner ehemaligen Frau verantworten müssen.