«Das Gesundheitswesen ist guter Hoffnung: Noch nie war die Chance so gross wie jetzt, dass nach tragischen medizinischen Zwischenfällen für Patienten ein neues Licht aufgeht. Ein Beobachter-Postulat steht kurz vor dem Durchbruch.» – Diese Sätze stammen nicht von mir, sondern vom journalistischen Urgestein Josef Rennhard. Und sie sind über sieben Jahre alt.

Der frühere Beobachter-Chefredaktor Rennhard hat immer wieder über erschreckende Fälle aus dem Beobachter-Beratungszentrum geschrieben. Ueber Johann H. etwa, der nicht durch seinen Skiunfall, sondern durch die nachfolgende Operation zum IV-Fall wurde. Dieser Johann H. hat nach jahrelangem Kampf eine sehr resignierte Bilanz gezogen: «Was geblieben ist, ist ein Krüppel mit täglichen Schmerzen und einem Horror vor Ärzten, Anwälten und Versicherungen sowie der sturen Schweizer Rechtssprechung.»

Johann H. ist kein Einzelfall. Im Beobachter lagern imposante Aktenberge zum Thema Behandlungsschäden. Dahinter verbergen sich Dutzende dramatischer Schicksale. Bei ihnen haben medizinische Eingriffe mehr geschadet als genützt. Und in aller Regel sind die Opfer mit ihrem Schaden allein gelassen worden.

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Es gehört zum Journalismus-Verständnis des Beobachters, über Probleme nicht nur zu schreiben, sondern aktiv nach Lösung zu suchen. Das Schweizer Opferhilfe-Gesetz etwa geht auf eine Volksinitiative des Beobachters zurück. Und dieses OHG funktioniert ganz ähnlich, wie es auch ein Patientenfonds tun könnte: Es bietet den Opfern finanzielle Genugtuung, eine Art greifbares Mitleid, das sich in Franken ausdrückt. Eine spürbare und konkrete Anerkennung für erlittenen Schmerz.

Es geht beim Opferhilfe-Gesetz nicht um Riesenbeiträge. Und auch der neue Patientenfonds wird aus den Geschädigten keine Millionäre machen. Aber dieser Patientenfonds führt vielleicht dazu, dass Geschädigte weniger oft gezwungen werden, eine finanzielle Leistung gerichtlich zu erstreiten. Denn auch bei Prozessen um ärztliche Kunstfehler haben die Opfer der Medizin einen schweren Stand. Sie treten meist gegen eine Versicherung an, die ein Heer von Anwälten und Ärzten mobilisieren kann. Nicht alle können sich einen jahrelangen Juristenstreit mit Expertisen und Gegenexpertisen, mit Hinhaltetaktik und Berufung bis in die letzte Instanz leisten. Unsere Justiz begünstigt ohnehin diejenigen, die nicht mit eigenem, sondern mit fremdem Geld prozessieren.

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Die Stellung der Opfer medizinischer Eingriffe muss endlich verbessert werden. Diese Erkenntnis erfasst immer breitere Kreise in unserm Gesundheitssystem. Aber jetzt müssen endlich konkrete Resultate her. Das vorliegende Projekt ist wohl die letzte Chance zu einer einvernehmlichen Lösung. Der Beobachter wird nicht noch einmal sieben Jahre zuwarten. Er hat mehrfach bewiesen, dass er im Stande ist, erfolgreich eine Volksinitiative zu lancieren. Das Problem ist so brennend, dass auch eine Lösung über die Verfassung erzwungen werden kann.

Ein Zitat zum Schluss: «Der Same ist gesät. Es bleibt zu hoffen, dass in den nächsten Wochen und Monaten nicht allzu viele Skeptiker die aufkeimende Saat zertrampeln.» – Josef Rennhards Hoffnung wurde vor sieben Jahren arg enttäuscht.

Jetzt nimmt der Beobachter zusammen mit der Schweizerischen Gesellschaft für Gesundheitspolitik, dem Schweizerischen Roten Kreuz und der Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte einen neuen Anlauf. Die Hoffnung ist abermals gross. Noch grösser aber ist die Ungeduld, endlich zu einer fairen Lösung für die Opfer zu kommen.

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