Beobachter: Warum soll jemand, der jahrzehnte­lang unerträgliche Schmerzen hat, leiden, bis ihn der Herrgott erlöst?
Yves Rossier: Wer sagt das?

Beobachter: Der Bundesrat.
Rossier: Das stimmt nicht. Der Bundesrat will den Freitod nicht verbieten, sondern nur die or­ganisierte Selbstmordhilfe regeln: entweder diese ganz verbieten oder dann beschränken auf eine unentgeltliche Hilfe bei sterbenskranken Menschen kurz vor dem Tod.

Beobachter: Also darf keine Sterbehilfeorganisation diesem Schmerzpatienten beim Suizid helfen.
Rossier: Richtig, wenn er nicht sterbenskrank ist, soll keine Organisation helfen dürfen – aber nahestehende Verwandte, Bekannte, Freunde oder ein einzelner Arzt dürfen beistehen, falls sie dies uneigennützig tun. Es soll niemand einem Menschen beim Suizid helfen, der nicht auch um ihn ­trauert. Das ist die ethische Richtschnur. Es ist problematisch, wenn Suizidhilfe zu einer bezahlten Dienstleistung wird.

Beobachter: Eine bezahlte Dienstleistung?
Rossier: Die Website einer dieser Organisationen weist Kosten von 20'000 bis 30'000 Franken pro Fall aus.

«Schwerstbehinderte, Blinde oder alte Menschen kommen unter Druck, sich das Leben zu nehmen.»

Beobachter: Wo haben Sie das gelesen? Exit zum Beispiel verlangt kein Geld für Suizidhilfe. Man zahlt nur den Mitgliederbeitrag von 45 Franken.
Rossier: Mitgliederbeiträge sind nicht das Problem, nur Zahlungen in direktem Zusammenhang mit der Selbstmordhilfe – egal wie hoch die sind. Wenn eine Organisation ­öffentlich eine Dienstleistung anbietet und dafür Geld verlangt, dann ist das ganz etwas anderes als eine private Hilfestellung.

Beobachter: Und was soll daran so schlimm sein, wenn eine Organisation ohne Gewinnabsichten Suizidhilfe öffentlich anbietet?
Rossier: Weil so private Vereine entscheiden, welches Leben lebenswert ist und welches nicht. Zuerst haben sie bloss Sterbenskranke begleitet, heute aber sind es auch psychisch Kranke oder bloss lebensmüde, ältere Menschen. Ist das Leben eines gebrech­lichen alten Menschen nicht lebenswert?

Beobachter: Überschätzen Sie damit nicht den Einfluss ­dieser Organisationen?
Rossier: Nein. Sie bestimmen, wen sie in den Tod begleiten. Damit werten diese Organisa­tionen: Mit dem einen Gebrechen sei der Sterbewunsch verständlich, mit dem andern nicht. Weil sie aber unbeteiligte ­Dritte sind, ist dies nicht nur ein privater Entscheid, sondern sie tragen diese Wertung in die Gesellschaft. Das darf doch einfach nicht sein: dass ein privater Verein über solch wichtige Fragen entscheidet. Das muss der Gesetzgeber tun.

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Beobachter: Und dieser Gesetzgeber verdammt schwer Schmerzkranke dazu, sich ohne Hilfe ­umbringen zu müssen, falls sie keine gnädigen Ärzte finden.
Rossier: Sie polemisieren. Der Bundesrat schränkt mit seinem Vorschlag die Autonomie des Einzelnen ein. Richtig. Aber wissen Sie wieso? Um die Schwachen zu schützen. Denn mit jedem Suizid, den eine Sterbehilfeorganisation begleitet, wird das Signal in die Gesellschaft ausgesandt, dass es sich mit dem betreffenden Gebrechen nicht zu leben lohnt. Genau so würden Tetraplegiker es interpretieren, wenn man einen der ihren in den Tod begleitet. Das ist das ­fatale Signal: Schwerstbehinderte, Blinde oder alte Menschen erhalten den Eindruck, dass ihr Leben weniger lebenswert sei, und kommen damit unter Druck, sich das Leben zu nehmen.

Beobachter: Das ist doch rein theoretisch. Exit und Dignitas begleiten rund 400 Leute pro Jahr in den Tod, und diese Zahl ist ziemlich konstant, in letzter Zeit sogar rückläufig.
Rossier: Wir stehen erst am Anfang dieser Entwicklung. Der gesellschaftliche Druck wird zunehmen, je stärker die Gesundheits- und Pflegekosten steigen. Da ist es wichtig, welches Zeichen der Staat setzt. Schützt er die bedingungslose Autonomie des Einzelnen, sich immer beim Suizid durch eine Organisation assistieren zu lassen? Oder schützt er die bedrängten Schwachen, ­weiterleben zu wollen, auch wenn sie der Gesellschaft Kosten verursachen? Der Bundesrat ist klar der Meinung, dass die Schwachen zu schützen sind.

«Der Sterbewunsch ist selten konstant und hängt von der Reaktion des Umfelds ab.»

Beobachter: Und was raten Sie dem Schmerzpatienten, der nach jahrzehntelangen unerträglichen Schmerzen zum Suizid entschlossen ist?
Rossier
: Jemandem etwas raten würde ich nur nach einem persönlichen Gespräch von Mensch zu Mensch.

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Beobachter: Und wenn nahestehende Personen Suizidhilfe leisten, weil sie vielleicht erben wollen?
Rossier: Dann schreiten die Strafbehörden ein. ­Suizidhilfe ist strafbar, wenn sie aus eigennützigen Motiven wie Rache oder Gewinnsucht geleistet wird.

Beobachter: Soll der Staat überhaupt bestimmen, was lebenswertes Leben ist?
Rossier: Ja, das ist die Frage. Entweder der Staat oder dann niemand. Genau das meint der Bundesrat mit seinen beiden Vorschlägen.

Beobachter: Und wieso nicht organisierte Suizidhilfe für ­alle, die einen gefestigten, dauerhaften ­Sterbewillen haben?
Rossier: Weil wir dann 20'000 Suizide im Jahr hätten und nicht bloss 1300 wie heute. 20'000 Leute versuchen sich nämlich jährlich das Leben zu nehmen. Bei fast 19'000 scheitert der Versuch, und sie leben weiter. Würden sie aber von Suizidhilfeorganisationen unterstützt, gelänge jeder Suizidversuch.

Beobachter: Aber wenn der Gesetzgeber verlangen würde, dass Ärzte den gefestigten, dauerhaften ­Sterbewillen bescheinigen müssen?
Rossier: Jetzt sind Sie nicht mehr Journalisten, sondern Partei.

Beobachter: Nein, wir stellen nur Fragen.
Rossier: Dann wären die psychiatrischen Anstalten bald einmal leer. Der Sterbewunsch ist selten konstant und hängt von der Reaktion des Umfelds ab. Oft wollen sich Leute nur umbringen, weil man mit ihnen nicht ­würde- und liebevoll umgeht.

Beobachter: Dann muss der Staat aber auch alles tun, damit das Leben von psychisch Kranken, Schmerzpatienten oder einfach lebensmüden alten Menschen möglichst lebenswert ist.
Rossier: Richtig. Er muss ein tragfähiges System von Sozialversicherungen, ein gutes Gesundheitssystem, gute Pflegeeinrichtun­gen und immer bessere Angebote in ­Pal­liativmedizin anbieten. Es lässt doch aufmerken, dass zum Beispiel in Palliativzentren kaum Leute den Wunsch äussern, sich das Leben zu nehmen. Beobachter: Ihr Bundesamt macht aber genau das ­Gegenteil: Es will 12'500 psychisch Kranken die IV-Rente streichen. Rossier: Da sind Sie ungerecht. Wir strengen uns stark an, damit diese Leute wieder in den Arbeitsmarkt und in die Gesellschaft integriert werden können, statt sie in die Rente abzuschieben.

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Yves Rossier, 49, ist Direktor des Bundesamts für Sozialversicherungen und hat am Gesetzesentwurf des Dundesrats zur organisierten Suizidhilfe ­mitgearbeitet.

Quelle: Bundesverwaltung admin.ch