Der 11. März 2012 wird als schwarzer Tag in die Annalen der Immobi­lienhändler und der Baubranche in der Schweiz eingehen. 50,6 Prozent der Stimmbürgerinnen und Stimmbürger sagten an jenem Sonntag Ja zur Zweitwohnungsinitiative von Helvetia Nostra, der Organisation des Umweltschützers Franz Weber. Damit dürfen künftig maximal 20 Prozent der Wohnungen als Feriendomizil genutzt werden. Für Gemeinden, in denen der Anteil an Ferienwohnungen bereits heute höher liegt, kommt dies einem Baustopp gleich, sobald die entsprechende Verordnung in Kraft tritt.

Bis es so weit ist, versucht die Baubranche aber noch, ein möglichst fettes Schäfchen ins Trockene zu bringen. In den klassischen Feriendestinationen der Alpen quellen die Anzeiger seit der Abstimmung im März fast über vor Baugesuchen.

Beispiel Lenzerheide: Allein am 20. Juli wurden im Bündner Ferienort, wo bereits drei Viertel aller Wohnungen als Zweitwohnungen gelten, Gesuche für nicht weniger als 17 Mehrfamilienhäuser publiziert. Das auffälligste Projekt stammt von Remo Stoffel. Mitten im Ort will der umstrittene Investor – er kaufte im Frühling mit Getöse die Therme Vals – das in die Jahre gekommene Hotel Kurhaus abreissen. Nur we­nige Wochen nach der Abstimmung reichte deshalb Stoffels Priora Development AG ein Baugesuch für 74 Wohnungen, davon 50 Zweitdomizile, ein. Da hatte der Gemeindevorstand jedoch bereits eine sogenannte Planungszone erlassen und damit praktisch verordnet, dass auf dem Areal weiterhin ein Hotel betrieben werden soll.

In Riddes 64, in Anniviers 38 Baugesuche

Nun hat die Firma Priora Development ihre Pläne geändert, wie das Baugesuch zeigt. Trotz angenommener Initiative will Stoffel auf dem Areal weiterhin 44 Zweit- und 23 Erstwohnungen bauen, ergänzt durch ein «Lifestyle-Hotel» mit 41 Zimmern. Das Projekt sei schon seit zwei Jahren in Planung, verteidigt sich Priora-­Geschäftsführer Ernst Senteler gegen den Vorwurf, man wolle noch vor dem Inkrafttreten der Zweitwohnungsinitiative Tatsachen schaffen: «Und die Zweitwohnungen sind für die Querfinanzierung des Hotels notwendig.» Noch ist das letzte Wort nicht gesprochen; insgesamt sieben Einsprachen gegen das Projekt sind hängig.

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Auch in Riddes soll gebaut werden, dass die Balken krachen: In der Gemeinde oberhalb von Sion hat Helvetia Nostra vom 11. März bis Anfang Juli 52 Baugesuche für Wohnhäuser gezählt. Seither sind zwölf wei­tere hinzugekommen, wobei zahlreiche Gesuche mehrere Bauten umfassen. 64 Gesuche innerhalb von nur fünf Monaten – eine stolze Zahl für eine Gemeinde mit bloss 2700 Einwohnern. Das gleiche Bild zeigt sich im benachbarten Ort Anniviers mit seinen 2600 Seelen, wo allein seit Mitte Juli Baugesuche für 35 Chalets und drei Mehrfamilienhäuser eingereicht wurden.

Dass die Bauämter der betroffenen Gemeinden in den letzten Wochen mit Ge­suchen eingedeckt wurden, hat System. Beschliesst der Bundesrat, die Verordnung zur Umsetzung der Initiative bereits am 1. September in Kraft zu setzen, so dürfen in Gemeinden, in denen der Anteil an Zweitwohnungen 20 Prozent erreicht hat, keine weiteren Bewilligungen für Feriendomizile erteilt werden.

Bis zu 4300 Arbeitsplätze gefährdet?

«Da ist eine unglaubliche Spekulation im Gang», klagt Franz Weber, der geistige Vater der Initiative. «Jeder versucht noch möglichst viel herauszuholen.» Die Gegner der Initiative, allen voran die Bergkantone und der Bau- und Immobiliensektor, hoffen deshalb, dass der Bundesrat den 1. Januar 2013 als Start­datum bestimmen wird. Im Hinblick auf die Ausarbeitung des Gesetzes – angenommen wurde am 11. März erst der Verfassungs­artikel – haben insbesondere die Interessenvertreter aus dem Wallis und der Waadt längst mit der Lobby­arbeit begonnen. So warnt eine von ihnen bestellte Studie, die zwei Kan­tone könnten wegen der Zweitwohnungsinitiative 4300 Arbeitsplätze verlieren.

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Diese Zahl beeindruckt Initiant Franz Weber wenig. Er werde sich mit aller Kraft dafür einsetzen, dass ein griffiges Gesetz dem Zweitwohnungsbau Einhalt gebiete, erklärt der 85-Jährige kampflustig: «Und wenn es zu schwammig wird, ergreife ich das Referendum.»