1. Home
  2. Gesundheit
  3. Medizin & Krankheit
  4. Antibiotika-Resistenzen: Gefährliche Keime im Seewasser

Antibiotika-ResistenzenGefährliche Keime im Seewasser

Mit dem Abwasser aus Spitälern gelangen grosse Mengen an antibiotikaresistenten Bakterien in die Umwelt. Das haben Wissenschaftler im Genfersee nachgewiesen.

Probenahme im Abwasserkanal des Waadtländer Universitätsspitals CHUV in Lausanne. (Bild: Eawag)

Siedlungsabwasser enthält vielerlei Bakterien. Speziell das Abwasser aus Spitälern ist stark mit Keimen belastet. Kläranlagen reduzieren zwar deren Gesamtzahl. Gerade die gefährlichsten unter ihnen, solche mit Mehrfach-Resistenzen, scheinen aber die Abwasserbehandlung unbeschadet zu überstehen oder davon sogar noch zu profitieren. Dies schreibt die Eidgenössische Anstalt für Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz (Eawag) in einer Medienmitteilung.

Die Forscher haben untersucht, wie mehrfach-resistente Keime via Kläranlage in den Genfersee gelangen. Das gereinigte Abwasser von Lausanne wird 700 Meter vom Ufer entfernt in der Bucht von Vidy in den See geleitet. Lausanne hat keine pharmazeutische Industrie und keine Nutztierhaltungen im grossen Stil. Doch mit dem Universitätsspital Waadt ist ein grosses Krankenhaus an der Kläranlage Lausanne angeschlossen.

Die Untersuchungen des Siedlungsabwassers, des Seewassers und des Sediments zeigen nun laut der Eawag «unerwartete Muster». Aufhorchen lässt vor allem eine «besonders hohe Zahl» von hochgradig multiresistenten Keimen im Abwasser des Spitals. Es zeigte sich zwar, dass die Kläranlage insgesamt über 75 Prozent aller Bakterien eliminieren kann. Der Anteil an besonders resistenten Stämmen im gereinigten Abwasser sei jedoch erhöht. Der Mikrobiologe Helmut Bürgmann vermutet daher, dass die Kläranlage ein Nährboden sei für den Austausch von Gensequenzen, die zur Antibiotikaresistenz führen.

Bakterien tauschen Gene aus

Im Abwasser treffen Bakterien, die sonst im menschlichen Körper leben, auf solche, die schon an die Umwelt angepasst sind. Da die Bakterien untereinander Gensequenzen austauschen, können Resistenzen gegen Antibiotika auf andere Keime übertragen werden. «Dass Bakterien Resistenzen einbauen, ist nichts Besonderes und auch nicht gefährlich», sagt Bürgmann gemäss der Medienmitteilung. Nicht bekannt sei jedoch bisher gewesen, dass die Häufigkeit von Multiresistenzen im See, vor allem auch im Sediment, in der Nähe der Abwassereinleitung erhöht ist. Damit werde das Risiko erhöht, dass Resistenzgene auch von Krankheitserregern eingebaut werden.

Trinkwasser wird aufbereitet

Für Nadine Czekalski, die im Rahmen ihrer Dissertation den Hauptteil der Untersuchungen gemacht hat, sind die Befunde «kein Grund zur Panik». Drei Kilometer neben der Einleitung der Kläranlage liegt eine grössere Trinkwasserfassung. In Sedimentproben vor Ort haben die Forscher zwar Multiresistenzen nachweisen können, jedoch nicht im Seewasser. Dieses wird zudem aufbereitet, bevor es ins Leitungsnetz von Lausanne eingespeist wird. Czekalski und Bürgmann mahnen trotzdem zur Vorsicht. Immerhin werden rund 15 Prozent der Schweizer Abwässer nach ihrer Reinigung direkt in Seen eingeleitet.

Die vom Bund für Kläranlagen vorgesehene zusätzliche Reinigungsstufe gegen Mikroverunreinigungen sei ein Schritt in die richtige Richtung, so die Forschenden. Sie mache nicht nur Mikroverunreinigungen, sondern auch resistente Keime weitgehend unschädlich. Da die besonders hartnäckigen Resistenzen aus Spitälern stammen, empfehlen die Wissenschaftler in ihrer Studie auch die separate Behandlung von Spitalabwasser.

Veröffentlicht am 22. März 2012