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Traumforschung«Viele Menschen haben kreative Träume»

Menschen träumen jede Nacht, nur erinnern sie sich meistens nicht mehr daran.
Menschen träumen jede Nacht, nur erinnern sie sich meistens nicht mehr daran. Bild: Thinkstock Kollektion

Jeder Mensch kann lernen, seine Träume zu steuern und besser zu verstehen. Traumforscher Michael Schredl erklärt, wie das geht und warum man auch bei wachem Geist davon profitiert.

von Andrea Freiermuth

BeobachterNatur: Herr Schredl, was haben Sie letzte Nacht geträumt?
Michael Schredl: Ich war mit dem Wagen meines Vaters ­unterwegs zu einem Familienfest und habe das Auto verschrammt.

BeobachterNatur: Also ein typischer Stresstraum.
Schredl: Glücklicherweise war bloss etwas Lack ab. Aber die Situation war problematisch. Ich musste meinem Vater davon erzählen.

BeobachterNatur: Welche Bedeutung hat dieser Traum?
Schredl: Beim Begriff Bedeutung muss man auf­passen. Das klingt so, als ob es eine höhere Instanz gäbe, die sagt, was Sache ist. Es ist eher so, dass das Wach-Ich zu verstehen versucht, was im Traum geschehen ist.

BeobachterNatur: Und was versteht Ihr Wach-Ich?
Schredl: Wahrscheinlich geht es in meinem Traum darum, wie ich einen eigenen Fehler zur Sprache bringen und zugeben kann.

BeobachterNatur: Der Psychiater und emeritierte Harvard-Professor Allan Hobson behauptet, Träume seien bloss zufälliges ­Neuronengewitter ohne tieferen Sinn.
Schredl: Das wird Hobson unterstellt. Er sagt zwar, dass die Bilder zufällig stimuliert würden und möglicherweise keine tiefere psychologische Bedeutung hätten. Er hat aber nie in Frage gestellt, dass Träume einen starken Bezug zum Wachzustand haben. Träume entstehen nicht zufällig.

BeobachterNatur: Was macht Sie da so sicher?
Schredl: Wenn man Handlungen und Gefühle im Traum genauer betrachtet, stellt man fest, wie stark sie dem aktuellen Wachgeschehen, den eigenen Stärken und Schwächen im Umgang mit alltäglichen Anforderungen ähneln. Das spricht nicht für Zufall, sondern dafür, dass im Traum emotional wichtige Themen aufgegriffen werden.

BeobachterNatur: Warum träumen wir überhaupt?
Schredl: Diese Frage kann man bis heute nicht beantworten. Eine evolutionspsychologische Theorie besagt, Träumen sei für unsere Vorfahren ein Überlebensvorteil gewesen. Demzufolge konnten sich Träumer besser fortpflanzen, weil sie im Traum lernten, gefährliche Situationen zu vermeiden. Die Idee leuchtet ein, ist aber nicht überprüfbar. Selbst wenn man einen Effekt messen kann, weiss man nicht, ob er durch den Traum hervorgerufen wurde oder durch das Nachdenken über diesen Effekt.

BeobachterNatur: Was ist mit Menschen, die nie träumen?
Schredl: Alle träumen. Jede Nacht, und zwar ­ständig. Manche erinnern sich einfach nicht daran.

BeobachterNatur: Wirklich? Stundenlang rattert es da oben?
Schredl: Von Rattern würde ich nicht sprechen. Das Gehirn arbeitet leise. Es ist nie aus­geschaltet, auch wenn uns der Schlaf dieses Gefühl gibt. Unsere grauen Zellen sind ständig aktiv, wobei sie in manchen ­Phasen etwas aktiver sind und dadurch ­intensivere Träume hervorrufen.

BeobachterNatur: Warum erinnern wir uns so schlecht an unsere Träume?
Schredl: Das Gehirn befindet sich während des Schlafs in einem anderen Verarbeitungsmodus als während des Wachzustandes. Man braucht etwa 15 Minuten, um umzuschalten, um aufzuwachen. In dieser Phase gehen viele Informationen verloren. Das macht auch Sinn: Würde man sich an Träume genauso gut erinnern wie an die Erlebnisse im Wachzustand, entstünde ein heilloses Durcheinander. Wir wüssten nicht mehr, was wir wirklich erlebt und was wir bloss geträumt haben.

Michael Schredl, Jahrgang 1962, ist Professor der Psychologie. Der bekannte Traumforscher leitet das Schlaflabor am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim und führt seit 28 Jahren ein Traumtagebuch. Mit seinem Buch «Träume. Die Wissenschaft enträtselt unser nächtliches Kopfkino» hat er eine allgemein verständliche Einführung in die Traumforschung verfasst.

BeobachterNatur: Wie kann man die Erinnerung fördern?
Schredl: Legen Sie abends etwas zum Schreiben bereit. Nehmen Sie sich beim Einschlafen nochmals vor: Wenn ich aufwache, will ich mich erinnern. Gönnen Sie sich beim Aufwachen etwas Zeit und versuchen Sie zurückzublicken. Erinnern Sie sich, schreiben Sie den Traum möglichst schnell auf.

BeobachterNatur: Kann man von seinen Träumen etwas lernen?
Schredl: Viele Menschen haben kreative Träume: Paul McCartney etwa wachte eines Morgens mit einer wunderschönen Melodie im Kopf auf, die ihn zum Song «Yesterday» inspirierte. Robert Louis Stevenson träumte von einer Verwandlung in eine andere Person, was ihm die Vorlage für seine berühmte Doppelgängergeschichte «Dr. Jekyll und Mr. Hyde» lieferte.

BeobachterNatur: Können Träume die ­Persönlichkeitsentwicklung fördern?
Schredl: Sicher. Träume geben uns Hinweise auf die Themen, die in unserem Leben ­relevant sind.

BeobachterNatur: Überwiegen bei den meisten Menschen nicht Stressträume?
Schredl: Es gibt keine klaren Belege, dass dem ­tatsächlich so ist. Im Schlaflabor halten sich positive und negative Träume die Waage. An Stressträume kann man sich in der Regel bloss besser erinnern.

BeobachterNatur: Belegt ist: Kinder haben mehr ­Albträume als Erwachsene. Warum?
Schredl: Kinder müssen lernen, mit Ängsten um­zugehen. Träume helfen ihnen dabei. Sie sind wie ein Testlauf. In der Regel nimmt die Häufigkeit der schlechten Träume im Alter von zehn Jahren ab.

BeobachterNatur: Was kann man gegen die nächtlichen Horrortrips tun?
Schredl: Eine einfache, aber effektive Methode ist es, den Albdruck in der Vorstellung zu lösen. Erwachsene schreiben den Traum auf, Kinder zeichnen ihn. In einem zweiten Schritt wird der Ablauf in der Vorstellung verändert. Wird man etwa von einem Monster verfolgt, stellt man sich ­einen Helfer vor. Oder man konfrontiert das Monster mit der Frage: «Was willst du überhaupt?» Anschliessend hält man die positive Wendung fest. Diese Übung wird zwei Wochen lang täglich wiederholt, damit sich das Happy End verfestigen kann – und dann ändern sich auch die Träume.

BeobachterNatur: Warum fallen wir im Traum so oft?
Schredl: Der Falltraum ist eine existentielle Angst. Man ist absolut hilflos und kann nichts ­anderes tun, als den Tod abzuwarten. Das Fallen findet eine Entsprechung in einem ­Gefühl, das viele Menschen aus dem Wachleben kennen: die Angst, den Boden unter den Füssen zu verlieren. Diese Furcht erlebt man im Traum wörtlich.

BeobachterNatur: Und warum erwacht man immer, bevor man aufprallt?
Schredl: Die Angst vor dem Tod schreckt uns aus dem Schlaf.

BeobachterNatur: Populäre Traumlexika erklären, was es mit verschiedenen Traumbildern auf sich hat. Was halten Sie von solchen Interpretationshilfen?
Schredl: Werden Grundmuster beschrieben, können solche Bücher durchaus spannend sein. Nacktsein im Traum etwa kann sich auf Ängste beziehen, die wir auch im Wachleben kennen. Welche Parallelen zwischen diesen Bildern und der eigenen Lebenswelt bestehen, muss aber jeder für sich selber ­herausfinden.

BeobachterNatur: Für Sigmund Freud, den Begründer der Traumdeutung, war die Schlange ein phallisches Symbol. Ist Freud heute überholt?
Schredl: Freud setzte Träume mit Trieben gleich. Er sah überall phallische Symbole. Obwohl seine Theorie heute als widerlegt gilt, lag er zu seiner Zeit mit der Annahme nicht so falsch. Ende des 19. Jahrhunderts durfte man nicht offen über Sexualität reden – und so ist anzunehmen, dass man auch nicht offen davon träumen konnte.

BeobachterNatur: Wie ernst soll man erotische Träume nehmen? Man träumt vom Gärtner, den man nun wirklich nicht attraktiv findet, und plötzlich …
Schredl: … hat man Sex mit ihm. Auch hier gilt es, das Grundmuster zu deuten. Vielleicht ist der Traum eine Metapher für eine enge freundschaftliche Beziehung. Und beim Gärtner geht es möglicherweise gar nicht darum, den Mann attraktiv zu finden, sondern seinen Beruf.

BeobachterNatur: Wie muss man vorgehen, um die ­Botschaften aus dem Unterbewusstsein richtig zu deuten? Soll man sich an ­Experten wenden?
Schredl: Es bringt nichts, sich seine Träume von anderen deuten zu lassen. Man kann aber jemanden beiziehen, der sich fragend mit dem Traum beschäftigt. Das können Freunde oder Bekannte sein. Oder man stellt sich die wichtigsten Fragen gleich selber: Wie sieht das Grundmuster aus? Mit welchen Gefühlen war der Traum ­verbunden? Mit welchen Situationen im Wachleben lassen sich das Grundmuster und die Traumgefühle vergleichen?

BeobachterNatur: Kann man Träume herbeirufen? Zum Beispiel, indem ich mir abends sage: Ich möchte von meiner schwierigen ­Beziehungssituation träumen und eine Lösung finden.
Schredl: Dieser Vorsatz erhöht zumindest die Wahrscheinlichkeit, dass Sie etwas in der Richtung träumen.

BeobachterNatur: Manche Menschen berichten davon, im Traum zu wissen, dass sie träumen. Dadurch könnten sie den Traum aktiv beeinflussen.
Schredl: Das ist das sogenannte Klarträumen. Die meisten Menschen wachen auf, wenn Sie merken, dass sie träumen. Nur ganz wenige können mit eigenem Drehbuch weiterträumen. Und sich dann beispielsweise sagen: Ich fliege jetzt durch die Luft.

BeobachterNatur: Kann man das Klarträumen lernen?
Schredl: Es gibt eine einfache Methode, den Realitätscheck. Tagsüber fragt man sich fünf- bis zehnmal: Träume ich gerade oder bin ich wach? Man sieht sich um und überprüft, ob das, was man sieht, den Gesetzen der physikalischen Realität entspricht, und kommt logischerweise zum Schluss, dass man wach ist. So wird diese Frage zur Gewohnheit, und die Wahrscheinlichkeit steigt, dass man sie sich auch im Traum stellt.

BeobachterNatur: Lassen sich Klarträume als Training nutzen? Etwa, um sich beim Sport zu ­verbessern?
Schredl: Das Experiment eines Kollegen zeigt, dass dies zutreffen könnte. Er liess Klarträumer Münzen in eine Tasse werfen. Diejenigen, die die Bewegung im Traum geübt hatten, schnitten am folgenden Tag im Test besser ab. Man muss das Resultat dieser Pilot­studie allerdings mit Vorsicht geniessen. Es könnte auch sein, dass die Klarträumer einfach besser waren, weil sie durch den Traum erwarteten, besser zu sein – und nicht etwa, weil sie im Schlaf geübt hatten.

BeobachterNatur: Können Sie selber klarträumen?
Schredl: Ich habs mir beigebracht. Aber es funktioniert nicht immer – sonst hätte ich das Auto meines Vaters nicht verschrammt.

Veröffentlicht am 2012 M08 06