Warum rennt einer mehr als 4400 Kilometer von Bari in Süditalien zum Nordkap? Ich habe einen harten Kopf. Wenn ich etwas will, ziehe ich es auch durch. Ich wollte etwas angehen, was meinen Erfahrungshorizont übersteigt und bei dem der Erfolg ungewiss ist. Dieses Risiko einzugehen und zu bestehen, das heisst für mich Leben. Vor gut zwei Jahren sah ich die Ausschreibung für den Trans-Europa-Lauf 2009. Ich besprach mich mit meiner Frau. Sie sagte: «Wenn du es wirklich willst, mach es. Ich werde dich unterstützen.» Da war der Entscheid für mich gefallen.

Als Ultralangstreckenläufer hatte ich schon einige Extremläufe hinter mir. Den 78 Kilometer langen Swissalpine in Davos oder den Ultra-Trail du Mont Blanc: über 166 Kilometer und 9400 Höhenmeter rund um den Montblanc. Diese Läufe waren Kleingemüse im Vergleich zum Trans-Europa-Lauf. Wenn ich ihn bestehen wollte, musste ich mein Trainingspensum auf bis zu 130 Kilometer pro Woche erhöhen.

Als zusätzliche Vorbereitung absolvierte ich den Transe Gaule. Dieser Lauf geht über 18 Etappen und 1151 Kilometer quer durch Frankreich. Hier erlebte ich einige der härtesten Stunden meines Läuferlebens. Ich erwischte eine Schienbeinentzündung, eine typische Verletzung. Das Laufen geht nur noch unter starken Schmerzen. Aufgeben war aber nie eine Option. Man muss bei Ultraläufen lernen, die Schmerzen nicht zu beachten, quasi durch sie hindurchzulaufen. Am letzten Tag setzte ich mich nach dem Ziel auf einen Stuhl und konnte nicht mehr allein aufstehen. Ich war froh um diese Erfahrungen. Ich war zu übermütig gewesen, war viel zu schnell losgelaufen und hatte zu wenig gegessen. Gute Lehren für den Trans-Europa-Lauf.

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Bedrohliche Lastwagen

Am 19. April stand ich zusammen mit 66 anderen Läufern aus zwölf Nationen am Start. Im Schnitt 70 Kilometer täglich galt es zu bewältigen. Die ersten Tage waren locker. Ich war frisch und ausgeruht. Die Stimmung war ausgezeichnet, sogar leicht euphorisiert: Endlich hatte es angefangen.

In Süditalien führt die Strecke zum Teil die Strada statale 16 Adriatica entlang, eine vielbefahrene Strasse, die sich die Küste entlang nach Norden zieht. Das ist wegen des Verkehrs etwas gewöhnungsbedürftig. Ich beruhigte mich mit dem Gedanken, dass die Italiener gute Autofahrer sind.

Die Strecke über den Fernpass in den Tiroler Alpen hingegen war kriminell. Die Passstrasse ist eng, es hat extrem viel Schwerverkehr. In Kurven blieb zwischen Strassenmauer und Lastwagen oft kaum eine Armbreite. Das war ziemlich ungemütlich. Später habe ich erfahren, dass das Lokalradio eine Warnung gesendet hatte: Es gebe da ein paar Verrückte, die über den Pass laufen würden. Vielleicht hatte der Moderator gar nicht so unrecht.

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Jedem Ernährungsberater würden die Haare zu Berge stehen, wenn er sähe, was und vor allem wie viel die Läufer während des Trans-Europa-Laufs essen. Man kann fast nicht so viel essen, wie man verbraucht. Zum Frühstück gibt es Käse, Wurst, Brote mit einer dicken Schicht Butter drauf. Morgens mit vollem Bauch loszulaufen ist unangenehm. Aber es geht nicht anders.

Der Tagesablauf war immer gleich. Um vier Uhr schrillte der Wecker. Um fünf gab es Zmorgen, um sechs fiel der Startschuss. Bei den langen Tagesetappen von bis zu 95 Kilometern war ich gegen 14 Stunden unterwegs. Da blieb nach der Zielankunft kaum Zeit für die nötigsten Vorbereitungen. Nach der nicht immer warmen Dusche in der Turnhalle gings zum Abendessen, dann Kleider und Rucksack für den nächsten Tag vorbereiten und Matte sowie Schlafsack ausrollen. Um 21 Uhr war Lichterlöschen.

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Sieben Tage die gleiche Landschaft

Wenn man auf der Karte schaut, hat man den Eindruck, in Kiel habe man zwei Drittel des Wegs geschafft. Das täuscht leider. Es ist erst die Hälfte. In Schweden störte kaum eine Menschenseele unsere Gedanken auf dem Lauf nach Norden. Die Landschaft: schöne Wälder, lauschige Seen. Als es aber auch am siebten Tag noch gleich aussah, hatten die meisten von uns die Krise. Es ist schwieriger, sich zu motivieren, wenn man am Morgen schon weiss, dass sich die Szenerie bis am Abend nicht verändern wird.

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Und immer hatten wir Gegenwind. Das ist zermürbend. Man muss dann die Motivation aus dem Innern holen. Ich bin ein Zahlenmensch. Während ich lief, war ich ständig am Rechnen: Wie lange dauert es noch, bis ich am Ziel bin? Wie viel schneller ist der Kollege, der mich soeben überholt hat? Ich führte auch Selbstgespräche, schimpfte mit mir selber. «Lauf weiter, werde nicht langsamer!» Oder: «Komm, das schaffst du doch!» Und so weiter.

In den letzten zwei Wochen kam zum Wind noch die Kälte hinzu. Meistens regnete es, manchmal schneite es. Zudem hatten es die Tagesetappen mit über 90 Kilometern in sich. Ich motivierte mich, indem ich mich mit der Aussicht auf die alle zehn Kilometer aufgestellten Verpflegungsposten selber belohnte. Und ich genehmigte mir immer in der Mitte zwischen zwei Posten einen Getreideriegel und sechs Salzstängeli.

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In Norwegen ging die Sonne nicht mehr unter. Das Ziel war endlich in Reichweite. Zum Glück: Schon seit Tagen zwickte und zwackte es überall. Schmieren und salben war angesagt. Der Zieleinlauf am Nordkap war wenig spektakulär. Es war niemand da, um zu klatschen. Dazu war es zu kalt. Alle hielten sich im warmen Visitors’ Center auf. Die Euphorie hielt sich in den Stunden nach dem Ziel in Grenzen, sie stellte sich erst in den folgenden Tagen ein. Am Ziel war ich einfach müde, glücklich und stolz über das Bestehen dieses Abenteuers. Ich war, als einer von bisher rund 200 Läufern, durch ganz Europa gelaufen – und hatte dabei fünf Paar Schuhe verschlissen.