Zu sehen, wie ein Astronaut seinen Fuss auf den Mond setzt, war einfach unglaublich. Ich erinnere mich noch genau an diese Julinacht 1969. Wir waren bei meiner Tante in La Tour-de-Peilz VD, denn sie war die Einzige der Familie, die einen Fernseher hatte. Alle waren da. Und nach der Übertragung sind wir raus auf die Strasse und haben uns den Mond angesehen. Ich war damals 25 Jahre alt. Bis dahin hätte ich es nie für möglich gehalten, dass Menschen zum Mond reisen können. Bemannte Raumflüge kannte man zwar seit einer Weile, aber dass Menschen auf dem Mond spazieren, das war noch einmal eine ganz andere Kategorie. Fast unvorstellbar.

Es gibt ja Leute, die heute noch behaupten, es sei niemals ein Mensch auf dem Mond gewesen. Ich selbst war zwar nicht dort, aber ich kenne Männer, die oben waren, persönlich – John Young von der Apollo-16-Mission zum Beispiel, und Alan Bean. Deshalb weiss ich: Das war keine Hollywood-Produktion. Wir waren da, kein Zweifel.

Für mich war die erste Mondlandung äusserst inspirierend. Ich begann danach Astrophysik zu studieren. Aber nicht, um Astronaut zu werden; daran habe ich eigentlich nie wirklich geglaubt. Ich dachte, Raumfahrt sei nur etwas für Amerikaner und Russen. Ein Schweizer Astronaut – das schien lächerlich.

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Ein sehr relativierendes Erlebnis

Ausserdem hatte ich an Ostern 1969, nur ein paar Wochen vor Apollo 11, einen schweren Autounfall erlitten. Ein entgegenkommender Wagen war im Nebel auf meine Strassenseite geraten und hatte mich frontal gerammt. Ich erlitt Kopfverletzungen, eine Gehirnerschütterung und einen Trümmerbruch im Arm. Die Ärzte waren der Meinung, ich würde wohl nie wieder fliegen können. Das war ein harter Schlag, denn ich hatte erst drei Jahre zuvor die Pilotenweihe erhalten. Aber sie haben mich wieder zusammengeflickt – mit einem Haufen Schrauben und Metallplatten. Und ein paar Monate später sass ich bereits wieder im Cockpit.

Wegen meiner Leidenschaft für die Astrophysik ging ich 1976 als Wissenschaftler zur European Space Agency (ESA) nach Noordwijk. Und als es schliesslich für Europäer möglich wurde, Astronaut zu werden, bewarb ich mich sofort und wurde prompt ausgewählt.

Diesem Beruf verdanke ich einige der schönsten und prägendsten Momente meines Lebens. Die Erde als Ganzes gesehen zu haben – mit eigenen Augen –, das ist ein sehr relativierendes Erlebnis. Man beginnt, langfristig und in Zusammenhängen zu denken, statt kurzfristig und kleinräumig.

Ich habe zum Beispiel die vielen einzelnen Feuer im Amazonas-Delta gesehen, deren Rauchfahnen sich zu einer grossen Wolke vereinten und die ganze Region vernebelten. So etwas macht einem bewusst, dass all unsere kleinen Taten in der Summe zu etwas Grösserem führen. Das ist zwar nichts Neues, aber es ist verblüffend, es so klar zu sehen.

Die Welt selbst wirkt einsam – klein und isoliert in einem unendlichen, schwarzen Vakuum. Verletzlich. Sie im Raumschiff zu umrunden dauert gerade einmal anderthalb Stunden. Dieser Planet ist eine absolute Ausnahme; es ist ein Privileg, darauf zu leben. Deshalb müssen wir der Erde Sorge tragen. Es gibt keine Hilfe und kein rettendes Ufer. Wir sind ganz allein – und selbst wenn wir nicht allein wären, würden uns die Ausserirdischen bestimmt nicht zu Hilfe eilen, wenn wir unseren Heimatplaneten ruinieren.

Die Raumfahrt hat den Mond erreichbar gemacht, aber nicht entzaubert. Für mich hat er nichts von seiner Poesie eingebüsst. Der Mond hat immer noch eine romantische Seite, auch nachdem die Menschen dort waren. Das Gleiche gilt für das Weltall, auch wenn wir in Zukunft immer weiter vordringen werden. Der Himmel liegt nicht zwischen Erde und Mond. Gott ist weiter weg. Denn das Universum ist unendlich.

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Bis in ein paar hundert Jahren wird es vielleicht normal sein, in unserem Sonnensystem herumzureisen. Aber ich bin mir nicht sicher, ob es je möglich wird, zu anderen Sternen zu fliegen. Die Apollo-Missionen waren alles kurze Flüge, und die Geschwindigkeit war jämmerlich. Der Mond ist nur eine Lichtsekunde von der Erde entfernt; 300'000 Kilometer. Aber schon zum Mars sind es je nach Ellipsenkonstellation zwischen 10 und 20 Lichtminuten. Für diese Strecke wird ein Raumschiff gegen acht Monate unterwegs sein. Und die nächsten Sterne liegen drei bis vier Lichtjahre entfernt. Selbst wenn es uns möglich wäre, mit zehn Prozent der Lichtgeschwindigkeit zu fliegen, würde es Generationen dauern, um zu anderen Sternen zu gelangen.

Die Zeit wird damit zu einem Hauptproblem – von den Treibstoffreserven für einen Rückflug ganz zu schweigen. Trotzdem gibt es zwei Gründe für weitere bemannte Raumfahrt. Der eine: Roboter sind noch nicht ausreichend entwickelt. Sie haben zwar den Vorteil, dass sie genügsam in einer lebensfeindlichen Umwelt zurechtkommen. Aber wenn es darum geht, in einer unvorhergesehenen Situation richtig zu reagieren, sind wir ihnen – noch – weit überlegen. Der Mensch ist für die Raumfahrt demzufolge unzulänglich und notwendig zugleich: Das ist ein Dilemma und eine Herausforderung.

Der zweite Grund, Menschen ins All zu schiessen, ist einfach: Weil wir es wollen. Das liegt in unserer Natur. Der Mensch will hingehen, wo er hingehen kann. Auf den Mount Everest, auf den Grund des Marianengrabens – oder zum Mars. Es wird immer Entdecker geben.