Kürzlich kam ein Notruf: Ein Gehörloser beobachtete, wie ein Mann von einer Brücke springen wollte. Er schickte meiner Arbeitskollegin eine SMS, sie alarmierte die Polizei, und der Suizid konnte verhindert werden. Gehörlose sind auf solche Vermittlungen angewiesen. Die Stiftung Procom ermöglicht ihnen seit 20 Jahren eine Kommunikation am Telefon. So sind private Gespräche möglich, aber auch ein direkter telefonischer Kontakt zu Spitälern, Ämtern oder sonstigen Institutionen. Und wir helfen bei Rettungsaktionen: Letzten Herbst stolperte ein gehörloser Wanderer über einen Stein, brach sich den Knöchel und konnte nicht mehr aufstehen. Mit einer kurzen Nachricht an unsere Zentrale konnte die Sanität alarmiert und der Mann versorgt werden.

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Der Hörende ruft uns an, und der Gehörlose nimmt meist übers Schreibtelefon oder per Internet mit uns Kontakt auf. Darauf rufen wir den gewünschten Gesprächspartner an, verschriftlichen das Gespräch auf die eine Seite und lesen es auf die andere vor. Damit können wir sofortige Antworten oder Rückmeldungen liefern. Meist sind das ganz alltägliche Gespräche.

Es gibt aber auch rührende Momente. Ich erinnere mich an eine besonders schöne Episode: Eines Nachts kontaktierte mich eine gehörlose Frau – sie war gerade dabei, ein Kind zu bekommen. Ich verband sie mit ihrer Hebamme, die sich sofort auf den Weg machte. Ich dachte an die Geburten meiner beiden eigenen Kinder zurück und daran, dass ich selbst einmal Hebamme werden wollte.

Feuertaufe in Französisch

Nach meiner Babypause vor neun Jahren bewarb ich mich spontan als deutsch und französisch sprechende Telefonvermittlerin bei Procom. Das Stelleninserat hatte ich zufällig in der Zeitung entdeckt. Ich hatte zuvor noch nie mit gehörlosen Menschen zu tun gehabt und tauchte in eine völlig neue Welt ein. Bis heute fasziniert mich am meisten, wie die Gehörlosen kommunizieren können. Sie verständigen sich nicht nur über die Gebärdensprache, sondern nutzen auch die Gestik und die Körperhaltung. Ich selbst kenne die Gebärdensprache noch nicht gut, aber es ist mein grosses Ziel, sie irgendwann zu beherrschen.

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An meinen ersten Arbeitstag kann ich mich noch gut erinnern. Denn ich wurde ziemlich gefordert: Ich musste ein Gespräch zwischen einem Gehörlosen aus der Romandie und seinem Anwalt auf Französisch übersetzen. Bei meinem einjährigen Welschlandaufenthalt auf dem Bauernhof hatte ich leider zu wenig Fachbegriffe gelernt, deshalb hatte ich Mühe. Ich musste immer wieder nachhaken, wenn ich etwas nicht verstand. Trotzdem: Irgendwie meisterte ich diese anspruchsvolle Aufgabe und war ziemlich stolz.

Häufig wird unsere Vermittlung für Terminvereinbarungen gebraucht: Jemand muss zum Arzt oder braucht den TCS oder will sich ganz einfach spontan auf einen Kaffee verabreden. Eine unschöne Erfahrung machte ich im vergangenen Jahr, als ich einen Schwindel übermitteln musste. Obwohl ich wusste, dass der Anrufer nicht die Wahrheit sagte, musste ich das Geschriebene Wort für Wort vorlesen. Das gehört zu meinem Job, ich unterstehe der Schweigepflicht und darf auch keine eigene Meinung äussern. Es gibt aber natürlich Grenzen: Bei sexueller Belästigung oder wenn eine richterliche Verfügung besteht, kann eine Vermittlung verweigert werden. In eine solche Situation bin ich bisher aber noch nie gekommen.

Wenns zu viel wird, helfen die Kolleginnen

Gespräche können manchmal sehr unangenehm sein, wenn die Intimsphäre verletzt wird oder ein Anrufer sehr emotional ist. Aber auch dann habe ich keine Wahl und muss alles präzise übermitteln. Am meisten ärgere ich mich über die Vermittlungsversuche mit Banken, weil sie – trotz unserer Schweigepflicht – gegenüber Drittpersonen keine Auskunft geben. Oder Firmen, die einen mehrfach weiterverbinden, bis man endlich die richtige Person am Hörer hat: «Bitte drücken Sie die Taste eins, wenn Die Taste zwei, falls» – einfach nervtötend!

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Ich bin sehr glücklich in meinem Beruf. Ich habe dadurch gelernt, geduldig zu sein und gut zuzuhören. Wenn mich ein Gespräch zu sehr belastet, rede ich mit meinen Arbeitskolleginnen darüber – das hilft mir beim Verarbeiten. Mit meinem Partner darf ich wegen der Schweigepflicht leider nicht über die Telefonate sprechen. Umso wertvoller ist deshalb ein gut funktionierendes Team. Wir unterstützen uns gegenseitig. Wenn ein Telefonat beispielsweise zu lange dauert und ich keine Energie mehr habe, können wir Vermittlerinnen – insgesamt 35 – uns untereinander abtauschen.

Wir alle arbeiten nicht unter unserem Namen, sondern sind codiert durch eine Zahl, die ständig wechselt. So spielt es keine Rolle, wer die Gespräche vermittelt. Meine Arbeit ist sicher anstrengend und verantwortungsvoll. Aber weil ich weder beraten noch meine Meinung kundtun muss, bleibt der Leistungsdruck erträglich.