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Veröffentlicht am 27.08.2019

1. Allgemeines

Als Appendektomie bezeichnen Mediziner die operative Entfernung des sogenannten Wurmfortsatzes. Dieser geht vom Blinddarm ab und neigt dazu, sich zu entzünden. Laien nennen dies nicht ganz korrekt Blinddarmentzündung, Ärzte sprechen von einer Appendizitis – abgeleitet vom lateinischen Namen des Wurmfortsatzes «Appendix» («-itis» steht für eine Entzündung). Etwa 15 von 100 Menschen wird im Laufe ihres Lebens der Wurmfortsatz entfernt.

Unter den Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts ist die Appendizitis diejenige, die am häufigsten eine Operation erforderlich macht. In Deutschland nehmen Chirurgen jährlich etwa 130'000 Appendektomien vor. Die meisten «Blinddarmentzündungen» ereignen sich bei jungen Menschen im Alter zwischen 10 und 19 Jahren.

Es gibt eine Reihe typischer Symptome, die für eine Appendizitis sprechen, dazu zählen Übelkeit und Erbrechen gepaart mit Schmerzen im rechten unteren Bauch. Bei Kleinkindern, älteren Menschen und Schwangeren sind die klinischen Zeichen häufig nicht so eindeutig oder die Erkrankung verläuft weniger typisch.

Ob der Wurmfortsatz wirklich entzündet ist, lässt sich letztlich nur klären, indem der Chirurg ihn im Rahmen einer Operation begutachtet. Allein der Verdacht auf eine Appendizitis rechtfertigt einen Eingriff, da eine Entzündung ohne rechtzeitige Operation zu schweren Komplikationen führen kann. Eine Appendektomie sollte bei Verdacht auf eine Appendizitis so früh wie möglich vorgenommen werden: innerhalb der ersten 48 Stunden seit Beginn der Symptome.

Eine Appendektomie lässt sich auf zwei Arten durchführen:

  • über einen herkömmlichen Bauchschnitt («offen») oder
  • als sogenannte Schlüssellochchirurgie in Form einer Bauchspiegelung («laparoskopisch»).

Unabhängig vom Verfahren gehen die Chirurgen verkürzt dargestellt auf drei verschiedene Weisen vor:

  1. Eine Appendektomie erfolgt immer dann, wenn sich der anfängliche Verdacht bestätigt.
  2. Finden sich – bei gleichzeitig unauffälligem Wurmfortsatz – andere Ursachen für die Beschwerden, etwa eine entzündete Gallenblase, eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung wie Morbus Crohn oder bei Frauen eine Entzündung der Eileiter und Eierstöcke (sog. Adnexitis), bleibt die Appendektomie aus. Der Arzt behandelt dann die offenkundige Erkrankung.
  3. Lassen sich keine Auslöser für die Beschwerden des Patienten finden, entfernt der Arzt die Appendix meist auch dann, wenn sie nicht entzündet aussieht. Mediziner nennen dies «prophylaktische Appendektomie».

Eine unkomplizierte Appendizitis gilt nach erfolgreicher OP als geheilt. Bei einer weit fortgeschrittenen Entzündung kann der Wurmfortsatz aufplatzen (Perforation), sodass sich Keime in der Bauchhöhle verteilen. Mögliche Folge: eine Bauchfellentzündung (Peritonitis). In schweren Fällen, in denen sich die Entzündung trotz einer Behandlung mit Antibiotika nicht in den Griff bekommen lässt, besteht mitunter Lebensgefahr.

Das «ektomie» in «Appendektomie» leitet sich vom griechischen Wort «ektome» ab und bedeutet «Herausschneiden».

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2. Ablauf

Offene Appendektomie

  • Der Patient erhält eine Vollnarkose und liegt auf dem Rücken.
  • Meist erfolgt ein sog. Wechselschnitt seitlich im rechten unteren Bauch etwa oberhalb der Schamhaargrenze:
    • Durchtrennung der Haut (ca. 3 bis 6 Zentimeter Schnittlänge), der Unterhaut und der Muskelfaszie, dann
    • vorsichtiges und gewebeschonendes stumpfes Auseinanderdrängen der einzelnen Muskelschichten.
  • Durchtrennung des Bauchfells (Peritoneum)
  • Der Operateur dringt zum Blinddarm vor und löst den Wurmfortsatz vorsichtig («Mobilisation»).
  • Danach legt er ihn frei, indem er eine Gewebefalte – das Mesenteriolum – vorsichtig abpräpariert. Es enthält Fett- und Bindegewebe und führt die Blutgefässe zur Appendix und versorgt sie darüber.
  • Entfernung des Wurmfortsatzes; der Stumpf, der übrig bleibt, wird z.B. mit einer sog. Tabaksbeutelnaht im Blinddarm «versenkt».
  • Bei der offenen Appendektomie sucht der Chirurg zum Schluss noch nach dem sog. Meckel-Divertikel – einer fingerförmigen, etwa 2 bis 10 cm langen Ausstülpung des Ileums, dem letzten Teil des Dünndarms. Das Meckel-Divertikel findet sich meist etwa 40 bis 100 cm vom Blinddarm entfernt. Circa 1 bis 3 von 100 Menschen haben ein solches Divertikel; es handelt sich dabei um den Rest eines embryonal angelegten Ganges. Da es zu Entzündungen neigt, kann es vorsorglich abgetragen werden, wenn ohnehin eine Bauch-Operation nötig war, wie es bei der Appendektomie der Fall ist.
  • ggf. Einlegen einer Drainage (z.B. bei starker Eiterung)
  • schichtweiser Wundverschluss (Naht des Bauchfells, Muskelnaht, Naht der Muskelhülle, Hautnaht)
  • steriler Verband

Laparoskopische Appendektomie

  • Der Patient erhält eine Vollnarkose und liegt auf dem Rücken, ggf. in Kopftieflage.
  • Es folgt der erste Schritt einer jeden Bauchspiegelung: die Anlage eines sog. Pneumoperitoneums (Aufblähen des Bauchraums durch Einfüllen von Gas). Ziel ist es, die Bauchdecke mithilfe des Gases etwas anzuheben, sodass sich die Sicht verbessert und es dem Chirurgen erleichtert wird, mit den eingeführten Instrumenten zu arbeiten.
  • Ablauf:
    • 1,5 cm langer Schnitt meist direkt unter oder etwas rechts vom Bauchnabel
    • Durchtrennen der Muskelfaszie und des Bauchfells
    • Einführen eines Trokars (spezielles Instrument aus Stahl, mit dem sich ein Zugang zu einer Körperhöhle herstellen lässt)
    • Einführen einer Optik durch den ersten Stichkanal
    • Einblasen von 4 bis 6 Litern Kohlendioxid
  • Setzen zweier weiterer Einstiche im linken und rechten Unterbauch, etwa im Bereich der Leiste
  • In diese beiden «Arbeitskanäle» führt der Chirurg die Operationsinstrumente ein, wie etwa Fass- und Greifzangen, eine Schere etc.
  • Durch die Optik orientiert er sich im Bauchraum, sucht den Blinddarm und den daran hängenden Wurmfortsatz.
  • Der Operateur löst den Wurmfortsatz vorsichtig («Mobilisation»).
  • Danach präpariert er ihn frei.
  • Dann setzt er den Wurmfortsatz ab und versenkt den Stumpf im Blinddarm.
  • Herausziehen des Wurmfortsatzes durch einen der Trokare; ggf. mithilfe eines sog. Bergebeutels, der vorher eingeführt wird.
  • ggf. Einlegen einer Drainage
  • schichtweiser Wundverschluss
  • steriler Verband

3. Wann welches Verfahren?

Ob die offene oder die laparoskopische Appendektomie das geeignetere Verfahren darstellt, hängt von verschiedenen Faktoren ab – massgeblich von bestimmten Voraussetzungen, die der Betroffene mit sich bringt, und nicht zuletzt von den Erfahrungen und «Vorlieben» des jeweiligen Operateurs. Es lässt sich daher nicht pauschal beantworten, welches Verfahren besser oder sicherer ist. Vielmehr muss es individuell entschieden werden.

Vorteil der laparoskopischen Technik: Sie eignet sich nicht nur zur Therapie, sondern ermöglicht es auf relativ schonende Weise, den Verdacht auf eine Appendizitis zu bestätigen oder zu widerlegen. Als sogenannte «diagnostische Appendektomie» dient sie dazu, unklare Unterbauchbeschwerden abzuklären, ohne dass ein grösserer Eingriff nötig ist. Manchen Fachleuten zufolge sollte die laparoskopische Appendektomie nur in diesen Fällen eingesetzt werden. In allen Fällen, in denen klinisch ziemlich eindeutig eine Appendizitis besteht, empfehlen sie die offene Operationstechnik.

Untersuchungen zufolge scheint die Appendektomie mittels Bauchspiegelung folgende Vorteile zu haben: In der Regel infiziert sich die Wunde seltener, die Schmerzen nach der OP sind weniger stark und der Operierte kann sich schneller körperlich wieder belasten und somit meist auch schneller wieder arbeiten. Letztlich entscheidend ist aber, wie gut und häufig ein Team die jeweilige Art der Appendektomie ausführt.

In folgenden Situationen scheint das Vorgehen mit Bauchspiegelung der offenen Appendektomie meist überlegen zu sein:

  • bei stark übergewichtigen Patienten
  • bei jungen Frauen, da sich gynäkologische Erkrankungen gut beurteilen und ausschliessen lassen
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Arbeitsunfähigkeit

  • nach offener Appendektomie: ca. 1-2 Wochen
  • nach Bauchspiegelung mit Entfernung des Wurmfortsatzes: etwa 3-5 Tage

4. Risiken und Komplikationen

Die Appendektomie zählt aufgrund ihrer Häufigkeit in den meisten chirurgischen Abteilungen zu den Routineeingriffen. Die Art und Schwere der möglichen Komplikationen richtet sich vor allem danach, wie weit fortgeschritten die Entzündung des Wurmfortsatzes zum Zeitpunkt der Operation bereits war und wie alt und gesund der Patient ist.

Mögliche Komplikationen einer Appendektomie:

  • Wundinfektion
  • Abszess in der Bauchdecke
  • Verletzung von Nerven
  • Darmlähmung
  • Darmverschluss (Ileus: Frühileus in den ersten 5-10 Tagen nach der OP; Spätileus durch Narben und Verwachsungen bis zu vielen Jahren später möglich; auch Bridenileus genannt)
  • Fistelbildung (v.a. bei Patienten mit Morbus Crohn)
  • Abszess in der Bauchhöhle (oft sog. Douglas-Abszess); kann auch schon vor der OP bestehen, wenn der Wurmfortsatz bereits aufgeplatzt ist.

Da sich eine Appendizitis unbehandelt in den meisten Fällen immer weiter verschlechtert, besteht in der Regel keine Alternative zu einer chirurgischen Entfernung. Der natürliche Verlauf der Erkrankung übersteigt die Risiken, die von einer Appendektomie ausgehen, bei Weitem.

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